Derzeit trifft sich erstmals das Schwellenländer-Bündnis BRICS+. Mit elf Mitgliedern repräsentiert es nun die Hälfte der Weltbevölkerung. IW-Ökonomin Samina Sultan erklärt in einem Gastbeitrag für die FAZ, ob es ein Gegengewicht zum Westen bilden kann - oder an internen Spannungen zerbricht.
Wird BRICS+ mächtiger als die G 7?
Schon vor der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ist die bisherige unipolare Weltordnung ins Wanken geraten. Dieser Trend beschleunigt sich nun drastisch, da die Vereinigten Staaten unter Trump die globalen Institutionen und Regeln, die sie selbst entscheidend geprägt haben, einreißen. Alte Allianzen, wie innerhalb der NATO, sowie enge Handelsbündnisse wie mit Kanada und Mexiko werden infrage gestellt.
Auch die Gruppe der sieben führenden Industrienationen G 7 (Gruppe der Sieben), als Vertreterin der Interessen des Westens, wirkt zunehmend gelähmt. Es besteht somit gar die Gefahr einer Spaltung. Gleichzeitig erodiert die wirtschaftliche Potenz der USA. Die am 2. April angedrohten Zölle haben den Status der USA als sicheren Hafen für Anleger infrage gestellt. Zudem gerät der Status des Dollars als Reservewährung ins Wanken.
Diese Gemengelage beschleunigt den Wandel hin zu einer multipolaren Weltordnung. Das um sechs Staaten erweiterte BRICS+-Bündnis (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika plus weitere Staaten) kann die Unabhängigkeit von den USA und die Rolle als Vertreterin des sogenannten globalen Südens nutzen, um in das Machtvakuum vorzudringen.
Vom 6. bis 7. Juli trifft sich nun erstmals das BRICS+-Bündnis in der erweiterten Fassung in Rio de Janeiro, Brasilien. Es umfasst nun elf Mitglieder. Hinzugekommen sind Äthiopien, Ägypten, Iran, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Indonesien. Es steht damit für rund 28 Prozent der Weltwirtschaftsleistung (zu laufenden Preisen und Wechselkursen) und rund 48 Prozent der Weltbevölkerung.
Ursprünglich sollte BRICS als Sammelbegriff für die aufstrebenden Schwellenländer fungieren. Dabei stand klar die ökonomische Perspektive im Vordergrund. Die Wirtschaftsleistung des Bündnisses wird durch die neuen Mitgliedstaaten aber nur geringfügig um 3,6 Prozent erhöht.
Die neue Erweiterung ist somit vielmehr unter geopolitischen Gesichtspunkten zu verstehen. Die Ausrichtung verschiebt sich hin zu einem Gegengewicht zum Westen und somit zu einem potentiellen Gegenspieler der G 7 - des Zusammenschlusses der nordamerikanischen Staaten USA und Kanada mit den vier Europäern Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien sowie Japan.
Denn so unterschiedlich die Mitglieder auch sein mögen, einig sind sich wohl alle, dass sie die westliche Dominanz etwa im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, aber auch in den Institutionen des Bretton-Woods-Systems, Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) ablehnen. Mit BRICS+ besteht eines der wenigen Dialogformate und globalen Plattformen für die Interessen des globalen Südens. Obgleich der Erfolg dieser Bemühungen bisher eher gemischt war, stellt das Bündnis die bisherige westlich geprägte globale Weltordnung teils infrage.
Spannungen im Bündnis
Gleichwohl ist aufgrund der großen Heterogenität im Bündnis Skepsis angebracht. So ist die wirtschaftliche Kluft teils enorm: Während die Wirtschaftsleistung (in Kaufkraftparität) in den VAE bei rund 68.000 Dollar pro Einwohner liegt, beträgt diese in Äthiopien gerade mal 3000 Dollar.
Auch im politischen Bereich dürften die Spannungen zunehmen, etwa mit Blick auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine und die stärkere Sanktionierung von Russland. Die Haltung Indiens oder auch Brasiliens in diesem Konflikt ist zumindest ambivalent, beide vermeiden eine Positionierung zugunsten des Bündnispartners Russland. Sinnbildlich für diese Spannungen ist, dass Putin an dem Gipfeltreffen in Rio de Janeiro wegen eines internationalen Haftbefehls gegen ihn wahrscheinlich nur virtuell teilnehmen wird. Die brasilianische Regierung müsste ihn ansonsten aufgrund ihrer Mitgliedschaft beim internationalen Strafgerichtshof festnehmen lassen.
Auch die Spannungen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran um die Vorherrschaft im Nahen Osten sind nicht gelöst. Der Konflikt zwischen Israel und Iran erhöht die Volatilität in der Region.
Von besonderer Relevanz für das Bündnis sind die Spannungen zwischen den beiden größten Mitgliedstaaten, Indien und China. Politisch haben sie zwar vor Kurzem eine Einigung im Grenzstreit gefunden, aber wie fragil die Lage in der Region ist, hat jüngst die kriegerische Auseinandersetzung zwischen Indien und Pakistan gezeigt. China steht auf der Seite Pakistans und unterstützt das Land auch militärisch. Dass Indien sich strategisch keinesfalls an ein von China dominiertes BRICS+ binden lassen wird, zeigt die Teilnahme des Landes am G-7-Gipfel in Kanada Mitte Juni.
Wirtschaftlich treibt die Handelspolitik von Donald Trump einen Keil zwischen die beiden Staaten. Indien versucht, sich als alternativer Lieferant zu China in globalen Lieferketten zu positionieren - was auf Widerstand in China stößt. Beide Länder streben nach einer Führungsrolle, nicht nur im BRICS+-Bündnis, sondern auch global. China ist jedoch seit der Corona-Pandemie wirtschaftlich ins Straucheln geraten. Zudem machen sich die demographischen Probleme im Land bemerkbar.
Dagegen profitiert Indien aufgrund der jungen Bevölkerung von einer demographischen Dividende und hat China im Jahr 2022 als bevölkerungsreichstes Land der Welt abgelöst. Auch scheint das Wirtschaftswachstum in Indien vergleichsweise robust. So soll das Land nach Prognose des IWF bis Ende des laufenden Jahres gar zur viertgrößten Wirtschaftsnation aufsteigen, knapp hinter Deutschland.
Mehr gegen etwas als für etwas
Wie geeint das BRICS+-Bündnis auftreten kann, ist somit aufgrund der großen Heterogenität und der offenen Führungsfrage unklar. Davon hängt aber wesentlich ab, inwiefern es als Machtfaktor ernst zu nehmen ist. Bislang ist es den BRICS+-Staaten weniger gelungen zu signalisieren, wofür sie stehen, sondern nur, wogegen sie sind: gegen die fortgesetzte westliche Vorherrschaft in der Weltordnungspolitik.
Die europäischen Länder, auch Deutschland, sollten sich um einen stärker differenzierten Dialog bemühen sowie darum, den teils legitimen Interessen und Forderungen der BRICS+ global mehr Gehör zu verschaffen. Das ist das beste Mittel, um sicherzustellen, dass sich bei den BRICS+ nicht die antiwestlichen Tendenzen durchsetzen. Im besten Falle entwickeln sich die Bündnisstaaten in der neuen multipolaren Weltordnung zu einem wichtigen und anerkannten Akteur - der im Gegenzug, seiner größeren Rolle entsprechend, mehr Verantwortung für die Lösung globaler Probleme übernimmt.
Die Zeit ordnungspolitischer Predigten ist vorbei
Das lange vorherrschende Paradigma diskriminierungsfreier offener Märkte gilt nicht mehr. Wir müssen deshalb komplizierte Fragen beantworten, schreibt IW-Direktor Michael Hüther im Handelsblatt.
IW
250 Jahre USA: Deutschland, du musst endlich erwachsen werden!
Trump liefert zum 250. Geburtstag der USA eine Mega-Show. Während sich Amerika feiert, versinkt Europa in transatlantischem Trübsal. Warum es so nicht weitergeht, schreibt IW-Ökonomin Samina Sultan in einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche.
IW