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Michael Hüther im Tagesspiegel Gastbeitrag 2. Mai 2018

Berlin: Der Kapitalismus schafft in der Stadt neue Lebensperspektiven

Am 1. Mai wurde der Kapitalismus in Berlin wieder in Frage gestellt. Die Art und Weise hätte nicht einmal Karl Marx überzeugt, schreibt IW-Direktor Michael Hüther in einem Gastkommentar im Tagesspiegel.

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Der 1. Mai 2018 war in Berlin mehr Party als Demo, jedenfalls gab es kaum Randale. Da unsere Hauptstadt sich kultvoll am Puls der Zeit bewegt, sich jedenfalls weit vor den Entwicklungen in anderen deutschen Städten wie Gelsenkirchen, Gießen oder München als Avantgarde positioniert, bleibt offen, was dies für den bundesdeutschen Durchschnittsbürger heißt. Wenn kurz vor dem 200. Geburtstag von Karl Marx in der Hauptstadt am Tag der Arbeit eher die Feiern inspirieren als die Demonstrationen, dann führt das doch zu vertieftem Nachdenken.

Immerhin: Ein Slogan, eine Kampfparole lässt aufhorchen. So war auf einem Demo-Schild zu lesen: „there is no future in a capitalist city“. Das wirft Fragen auf. Zunächst, was hätte der Autor des Werkes „Das Kapital“ dazu gesagt? Es ging Karl Marx ja nicht darum, die Kapitalbildung zu unterbinden, sondern darum, deren Ergebnis, das Kapital, den Ausbeutern, den Kapitalisten aus den Händen zu reißen. Die Aneignung des Mehrwerts, der aus der Kombination von Arbeit mit Maschinen resultiert, durch den Unternehmer sollte unterbleiben.

Nun könnte man zunächst einwerfen, dass in Berlin aufgrund seiner immer noch teilungsbedingt verzerrten Wirtschaftsstruktur sowieso wenig reales Kapital im Einsatz ist. Den klassischen Industriebeschäftigten sucht man jedenfalls in Berlin heute vergebens, den findet man eher in Iserlohn oder Heilbronn. Insofern ist die Marxsche Mehrwerttheorie wenig hilfreich, eine entsprechende Ausbeutung ist deshalb in der Hauptstadt – rein marxistisch betrachtet – im frühen 21. Jahrhundert nicht zu erwarten.

Zurück in die Idiotie des Landlebens?

Zudem verdanken wir Karl Marx eine ganz wunderbare Würdigung der kapitalistischen Stadt oder besser der Stadt im Kapitalismus: „Die Bourgeoisie hat das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen. Sie hat enorme Städte geschaffen, sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen in hohem Grade vermehrt und so einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen“ (Manifest der kommunistischen Partei). Anders gewendet: Auf dem Weg in die proletarische Revolution ist die kapitalistische Stadt ein unverzichtbarer Fortschritt. Marx würde dem Demonstranten mit dem Schild zurufen: Nur die kapitalistische Stadt hat eine Zukunft oder willst Du zurück in die Idiotie des Landlebens?

Freilich ist das Versprechen, über die kapitalistische Stadt den Zustand des Kommunismus zu erreichen, bisher nicht so recht aufgegangen. Jedenfalls war die Stadt des real existierenden Sozialismus, so haben dessen Protagonisten bescheiden ihr eigenes Werk nur als Vorstufe des kommunistischen Heils bewertet und gegen Kritik immunisiert, sicher weder Ausdruck noch Leitbild für eine positive Gestaltungsaufgabe. Verschleiß und Abnutzung waren allenthalben das Erbe, das nur die Rückkehr zum Kapitalismus wieder wirksam korrigieren konnte.

Man muss fast 30 Jahre nach dem Mauerfall wohl schon wieder daran erinnern, wie es aussah in den nicht-kapitalistischen Städten. In den Mittelstädten, wie Rostock oder Erfurt waren die überkommenen Altstädte kurz vor der Vermeidung des Selbstabrisses durch Verfall. In den Großstädten boten weder die Plattenbauten noch der Altbestand eine wirklich attraktive Wohnperspektive. Die suchten die Arbeiter – ganz entgegen der Marxschen Einsicht – in der Datsche auf dem Land ihr Lebensglück.

Beispiel Prenzlauer Berg

Jaja, ich höre die Vertreter des linken Spektrums schon rufen, dass diese Hinweise aus vielerlei Gründen unfair und für heute jedenfalls gänzlich ohne Bedeutung seien. Da drohen Gentrifizierung auf der einen Seite und Verelendung auf der anderen Seite. Der starke Staat sei gefordert, genauer die starke Bezirksverwaltung. Durch Vorkaufsrechte und Milieuschutz wird den Bestandsbewohnern mit Steuergeldern das lebenslange Überwintern gesichert. Dass solcher Stillstand bei fortschreitender Alterung seiner Bewohner ein Quartier ins leblose Abseits bringt, kann nun auch in den Ostberliner Szenevierteln beobachtet werden, wenn Clubs schließen, weil die Nachbarschaft eher mit der Regelung des Testaments befasst ist als mit der Frage, wo es heute hin geht.

„No future at all“ wäre da wohl der passendere Slogan für den Demonstranten gewesen, und er wäre am besten durch den Prenzlauer Berg gezogen. Ein Musterbeispiel dafür, wie sich zunächst ganz selbstverständlich der Kapitalismus in Tateinheit mit öffentlicher Förderung der Sache annimmt, den Verfall stoppt und neue Lebensperspektiven schafft. Vor allem Zuzug aus dem Westen der Republik von Menschen mit eher überdurchschnittlicher Einkommenslage war die Folge.

Nun aber, da der Prozess nicht zwingend endet und andere auch dahin wollen, da windet sich der sozialistische Milieuschutz erneut durch die Straßen. No future in a capitalist city? Nicht wirklich, das zeigt doch Berlin. Erst der Kapitalismus schafft die Voraussetzung dafür, diese Frage zu stellen.

Zum Gastbeitrag auf tagesspiegel.de

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