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Gastbeitrag 8. Mai 2025 Axel Plünnecke / Enzo Weber* für Table.Media

Fachkräfteeinwanderung: Warum internationale Studierende eine Riesenchance sind

Deutschland steht vor großen Herausforderungen der Dekarbonisierung, Digitalisierung, Deglobalisierung und Demografie. Um diese Herausforderungen zu meistern, muss die Innovationskraft im Land und im internationalen Wettbewerb gestärkt werden.

Bei wichtigen Innovationsindikatoren wie Forschungsausgaben, Patentanmeldungen oder MINT-Qualifikationen verliert Deutschland jedoch zunehmend frühere Spitzenplätze.  

Zugleich wird Deutschland stärker als andere Länder von der Demografie herausgefordert – während 7,2 Prozent der Bevölkerung im Alter zwischen 60 und 64 ist, sind nur 4,6 Prozent der Bevölkerung zwischen 15 und 19 Jahre alt. Wenn es keinen Ausgleich durch Zuwanderung und steigende Erwerbsbeteiligung der Frauen und der Älteren gäbe, würde die Zahl der Arbeitskräfte in Deutschland nach IAB-Berechnungen rein alterungsbedingt über 15 Jahre um sieben Millionen zurückgehen. Allein die Veränderung des Anteils der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter an der Gesamtbevölkerung dürfte die Wachstumsdynamik deutlich sinken – mit erheblichen negativen Auswirkungen auf Wohlstand und Haushalte von Staat und Sozialversicherungen. 

Seit den 2010er Jahren gab es zwar viel Zuwanderung nach Deutschland, aber es wird mehr und mehr auf qualifizierte Zuwanderung aus demografiestarken Drittstaaten ankommen, da viele der bisherigen Zuwanderungsländer aus Europa selbst vor großen demografischen Herausforderungen stehen. Hinzu kommt, dass die Abwanderung aus Deutschland vergleichsweise hoch ist. Für längerfristig stabile Migrationssalden kommt es also auch darauf an, Zugewanderte zu integrieren und zu halten. 

Für all das – Innovationskraft, Zuwanderung, Integration – gibt es einen starken Hebel: Studierende. Bereits in den vergangenen zehn Jahren sank die Zahl der deutschen Studienanfängerinnen und -anfänger um 13 Prozent. Die Schulabgangskohorten sind demographisch bedingt immer kleiner geworden und werden weiter schrumpfen. Die Zahl der ausländischen Erstimmatrikulierten stieg dagegen um 33 Prozent und macht mittlerweile 30 Prozent aller Erstimmatrikulierten aus. Darin liegt eine Riesenchance. 

38 Prozent der Studienanfängerinnen und -anfänger der Jahre 2006 bis 2011 aus Nicht-EU-Staaten waren zehn Jahre später noch in Deutschland. Von diesen verfügten 32 Prozent über einen Aufenthaltstitel zu Erwerbszwecken, 28 Prozent waren eingebürgert. Eine Studie der OECD aus dem Jahr 2022 kommt sogar zum Ergebnis, dass die Bleibequote von mit Visa zur hochschulischen Ausbildung im Jahr 2010 eingereisten Personen mit 45 Prozent nach zehn Jahren im internationalen Vergleich sehr hoch ist. Der Weg aus dem Studium in den Arbeitsmarkt wird also bereits beschritten – aber er könnte auch noch deutlich breiter werden. 

Wichtig ist zunächst, die Anzahl der Studienplätze weiter zu erhöhen. Ganz praktisch kommt es auf eine intensive Begleitung und Beratung an, nämlich zu Fragen des Spracherwerbs, Aufenthaltsrechts und Arbeitsmarktzugangs, sowie um frühzeitiges Herstellen von Firmenkontakten und Zugängen zu Praktika. Bestehende Begleitprogramme für die internationalen Studierenden an Hochschulen sollten ausgebaut, weiterentwickelt und verstetigt, die Vernetzung vor Ort mit Wirtschaft und Gesellschaft intensiviert werden. All das muss einhergehen mit einer Stärkung der Willkommenskultur in Deutschland. Aufenthaltsrechtlich ist die Ausgangslage an sich gut: Im Anschluss an ein Studium kann eine Aufenthaltserlaubnis zur Suche nach einer Erwerbstätigkeit für 18 Monate erteilt werden. Das ist üblicherweise genug für die Jobsuche, allerdings oft zu knapp für Gründungen, denn innerhalb dieser Zeit muss nicht nur die Geschäftsidee, sondern auch die Finanzierung stehen. Denkbar wäre, bei Nachweis tragfähiger Gründungsaktivitäten eine Verlängerungsoption zu schaffen. Zudem geht es genauso wie um das Halten nach dem Studium um ein offensives Werben für Studium und Ausbildung in Deutschland. Dazu gehören dann auch schnelle und digitale Prozesse bei der Vergabe von Visa. 

Ein aktuelles IW-Gutachten zeigt, dass die Ausbildung internationaler Studierender langfristig zu sehr starken positiven Effekten für die Haushalte der öffentlichen Hand und der Wachstumsdynamik in Deutschland führt. Bleiben etwa 40 Prozent eines aktuellen Anfängerjahrgangs mit Abschlussabsicht – dies sind 40 Prozent von im Moment etwa 79.000 Personen – für zehn Jahre nach Studienabschluss in Deutschland und ein Teil davon darüber hinaus, bedeutet ein Anfängerjahrgang über deren Lebenslauf hinweg ein Gewinn für die öffentlichen Haushalte in Höhe von 15,5 Milliarden Euro. Kommen jährlich weiterhin 79.000 internationale Studienanfängerinnen und -anfänger mit Abschlussabsicht, nimmt die jährliche Wachstumsrate des Produktionspotenzials um etwa 0,1 Prozentpunkte zu – ein erheblicher Wohlstandseffekt. 

Internationale Studierende helfen nicht nur der Wirtschaft, den Fachkräftebedarf zu decken, sondern auch dem Wissenschaftsstandort, damit die Hochschulen nicht austrocknen, sondern zur Drehscheibe für Talente aus aller Welt werden. Zudem kommen internationale Studierende oft aus jungen Ländern wie Indien. Verbindungen zu Deutschland stärken Migrationsnetzwerke und tragen durch Weitergabe von Wissen, Erfahrungen, Qualifikation und Sprache zur Entwicklung der Herkunftsländer und wirtschaftlichen Zusammenarbeit bei. Allerdings erlöschen Aufenthaltstitel üblicherweise, wenn eine Person mehr als sechs Monate außerhalb Deutschlands verbringt. Diese Frist sollte deutlich länger werden, Kanada und Frankreich etwa sehen drei Jahre vor.  

Viele ausländische Studierende sprechen Deutsch, sind integriert, haben sich schon einmal für Deutschland entschieden, verfügen über einen hochqualifizierten deutschen Abschluss und sind überdurchschnittlich im MINT-Bereich tätig. Mehr kann man sich eigentlich nicht wünschen. Debatten zu Überakademisierung waren gestern. Heute müssen die Hochschulen im Zentrum einer modernen Zuwanderungs- und Innovationspolitik stehen. Und einiges davon kann man gleich als Blaupause für die betriebliche Ausbildung verwenden, um auch hier mehr junge Menschen zu gewinnen, die direkt zur Qualifikation nach Deutschland einwandern und helfen, die Herausforderungen des demografischen Wandels zu meistern. 

„Wir wollen, dass Absolventinnen und Absolventen aus Drittstaaten, die in Deutschland eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen haben, bei uns bleiben und arbeiten“, sagt der Koalitionsvertrag. Machen wir aus einer Absichtserklärung einen großen Aufschlag!

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