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Wido Geis-Thöne IW-Kurzbericht Nr. 97 10. Dezember 2022 Die Kitalücke schließt sich langsam

Fehlten im Frühjahr 2019 rund 359.000 Betreuungsplätze für unter Dreijährige in Deutschland, waren es im Frühjahr 2022 nur noch 266.000. Allerdings könnte sich die Lage insbesondere vor dem Hintergrund der Flucht vieler Familien aus der Ukraine in den nächsten Jahren wieder verschärfen.

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Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Fehlten im Frühjahr 2019 rund 359.000 Betreuungsplätze für unter Dreijährige in Deutschland, waren es im Frühjahr 2022 nur noch 266.000. Allerdings könnte sich die Lage insbesondere vor dem Hintergrund der Flucht vieler Familien aus der Ukraine in den nächsten Jahren wieder verschärfen.

Obschon die Betreuungsinfrastruktur für unter Dreijährige in den 2010er-Jahren stark ausgebaut wurde, wurde der Abstand zwischen den Zahlen der von den Familien an sich benötigten und angebotenen Plätzen nicht kleiner, sondern immer größer. Lag die Lücke im Frühjahr 2014 bei 187.700, war sie im Frühjahr 2019 mit 358.800 nahezu doppelt so hoch (Abbildung). Ursächlich für diese Entwicklung war, dass sich die Eltern immer häufiger und früher eine Betreuung für ihre unter Dreijährigen wünschten und die Gesamtzahlen der Kinder in diesem Alter gleichzeitig stark anstiegen.

Im Jahr 2020 lag die Lücke mit 325.700 fehlenden Plätzen dann erstmals wieder niedriger. Jedoch ließ sich damals noch nicht eindeutig feststellen, ob es sich tatsächlich um eine Trendwende handelte. Für das Jahr 2021 sind die Ausgangsdaten vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie etwas verzerrt. So hatte der Lockdown im Winter 2020/2021 dazu geführt, dass viele Eingewöhnungsphasen von Kleinkindern verschoben werden mussten und unter normalen Umständen bereits belegte Betreuungsplätze am 1. März, dem Stichtag für die Betreuungsstatistiken in Deutschland, noch nicht in Anspruch genommen werden konnten. Daher hatte sich das Institut der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr auch bewusst gegen die Veröffentlichung von Kitalücken entschieden. Für das Jahr 2022 ergibt sich kein derartiges Problem mehr, da die Betreuungseinrichtungen im Winter 2021/2022 durchgängig geöffnet waren.

Allerdings liegen bislang noch keine Befragungsergebnisse zu den Betreuungsbedarfen der Eltern in diesem Jahr vor. Legt man vor diesem Hintergrund die Werte aus dem Vorjahr zugrunde, ergibt sich für das Frühjahr 2022 eine Betreuungslücke von 266.300. Dies bestätigt die positive Entwicklung der letzten Jahre und macht deutlich, dass im Jahr 2019 tatsächlich eine Trendwende stattgefunden hat. Betrachtet man statt der Zahl der fehlenden Plätze den Anteil der unter Dreijährigen, für die eine institutionelle Betreuung gewünscht aber nicht realisiert wurde, ist dieser zwischen den Jahren 2019 und 2022 von 15,1 Prozent auf 11,3 Prozent gesunken. Allerdings ist die Lage in den Bundesländern nach wie vor sehr unterschiedlich. So lagen die relativen Lücken im Frühjahr 2022 in Bremen bei 16,0 Prozent, in Rheinland-Pfalz bei 15,5 Prozent und in Hessen bei 14,7 Prozent, wohingegen es in Sachsen nur 3,3 Prozent und in Hamburg 3,7 Prozent waren (BMFSFJ, versch. Jg. Statistisches Bundesamt, 2022a, versch. Jg.; eigene Berechnungen).

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Dass die Kitalücke in den letzten drei Jahren so viel kleiner geworden ist, geht auf das Zusammenspiel von drei Faktoren zurück. Zunächst wurde der Betreuungsausbau in den Städten und Gemeinden weiter forciert vorangetrieben. So ist die Zahl der betreuten unter Dreijährigen zwischen März 2019 und März 2022 von 818.400 auf 838.700 gestiegen. Dieser Anstieg um 20.300 Plätze ist vor allem vor dem Hintergrund der Tatsache beachtlich, dass im selben Zeitraum auch 107.000 zusätzliche Plätze für Kinder zwischen drei und fünf Jahren eingerichtet wurden (Statisches Bundesamt, versch. Jg.; eigene Berechnungen). Gleichzeitig ist die Zahl der unter Dreijährigen zwischen dem 31.12.2018 und dem 31.12.2021 von 2,38 Millionen auf 2,36 Millionen gesunken (Statistisches Bundesamt, 2022a; eigene Berechnungen). Allerdings dürften im Jahr 2022 im Kontext der Flucht aus der Ukraine viele Kleinkinder zugezogen sein. So lässt sich derzeit kaum abschätzen, wie viele unter Dreijährige in den nächsten Jahren in Deutschland leben werden.

Der dritte Faktor ist, dass der Anteil der unter Dreijährigen, für die die Eltern einen Bedarf an institutioneller Betreuung haben, zwischen den Jahren 2019 und 2021 von 49,4 Prozent auf 46,8 Prozent zurückgegangen ist (BMFSFJ; versch. Jg.; eigene Berechnungen). Das war allerdings immer noch ein höherer Wert als in den Jahren bis 2017. Diese Entwicklung dürfte vorwiegend auf die Coronapandemie zurückgehen, die die Möglichkeiten, die Familienalltage zu gestalten, deutlich verändert hat. Insbesondere gilt dies für die Zeiten der Lockdowns im ersten Halbjahr 2021. Daher liegt es auch nahe, dass die Bedarfe das Niveau des Jahres 2019 zeitnah wieder erreichen und weiter ansteigen könnten. Gleichzeitig ist es aber auch denkbar, dass es in den letzten Jahren zu einer nachhaltigeren Verschiebung der Lebensvorstellungen der Familien in Deutschland gekommen ist und die Betreuungswünsche länger auf einem etwas niedrigeren Niveau verbleiben könnten.

Zusammen mit der Unsicherheit über die Entwicklung der Kinderzahlen führt dies dazu, dass sich nicht genau abschätzen lässt, wie sich die Bedarfe an Kitaplätzen in den nächsten Jahren weiter entwickeln werden. Dennoch hat die Bertelsmann Stiftung für das Jahr 2023 eine Prognose von 384.000 fehlenden Betreuungsplätzen abgegeben (Bertelsmann Stiftung, 2022). Dabei stammen die Ausgangsdaten der Berechnungen vollständig aus dem Jahr 2021 und sind damit weniger aktuell als die hier dargestellten Kitalücken für das Jahr 2022. Das viel höhere Niveau resultiert daraus, dass die Bertelsmann Stiftung auch die Drei- bis Fünfjährigen mit in den Blick nimmt, während hier bisher nur die Lücken bei der Betreuungsinfrastruktur für unter Dreijährige dargestellt wurden.

In der Vergangenheit konnte davon ausgegangen werden, dass den Familien in Deutschland für Kinder ab drei Jahren grundsätzlich genügend Betreuungsplätze zur Verfügung standen. Der Rechtsanspruch für diese Altersgruppe besteht auch bereits seit dem Jahr 1996 und bezieht sich explizit auf einen Platz in einer Kita, sodass er anders als bei den jüngeren Kindern nicht ersatzweise durch Betreuung bei Tageseltern erfüllt werden kann. Allerdings waren die Betreuungsquoten der Drei- bis Sechsjährigen in den letzten Jahren stark rückläufig. Wurde im Frühjahr 2015 noch ein Spitzenwert von 94,5 Prozent erreicht, waren es im Frühjahr 2022 nur noch 91,7 Prozent (Statisches Bundesamt, versch. Jg.; eigene Berechnungen). Dabei wurde in Bremen, Hamburg, dem Saarland und Schleswig-Holstein sogar die Schwelle von 90 Prozent unterschritten.

Dies ist hochproblematisch, da die Kitas bei den älteren Kindern nicht nur als Betreuungs- sondern auch als Bildungseinrichtung fungieren. Insbesondere wenn Eltern ihre Kinder bei der Entwicklung der deutschen Sprache nicht optimal unterstützen können, kann sich eine fehlende oder erst sehr spät einsetzende Förderung in den Kitas sehr negativ auf den späteren schulischen Bildungsweg auswirken. Dabei lag die Betreuungsquote der Drei- bis Fünfjährigen mit Migrationshintergrund Berechnungen des Statistischen Bundesamts zufolge im Frühjahr 2020 nur bei 81 Prozent, wohingegen es bei den Kindern ohne Migrationshintergrund in diesem Alter 99 Prozent waren (Statistisches Bundesamt, 2022b). Allerdings wäre es vor dem Hintergrund des starken Wanderungsgeschehens der letzten Jahre möglich, dass bei der Fortschreibung des Bevölkerungsstands eine größere Zahl an Kindern mitgeführt wird, die sich tatsächlich gar nicht mehr im Deutschland aufhalten. Sollte sich das Bild vor diesem Hintergrund mit der Überprüfung der Bevölkerungszahlen mit dem Zensus im Jahr 2022 nicht grundlegend verändern, müssten stärkere Anreize dafür geschaffen werden, dass möglichst alle zugewanderten Familien ihre Kinder im Kindergartenalter institutionell betreuen lassen. Ultima Ratio könnte dabei sogar eine Besuchspflicht sein.

Mit Blick auf die Kitalücken lässt sich vor diesem Hintergrund sagen, dass das Problem bei den über Dreijährigen eher in spezifischen Hemmnissen für den Zugang zur Betreuung für zugewanderte Familien und weniger in allgemeinen Engpässen an Plätzen für diese Altersgruppe liegen dürfte. Berücksichtigt man sie dennoch bei der Betreuungslücke und errechnet die Gesamtwerte für alle unter Sechsjährigen, zeigt sich seit dem Jahr 2019 ebenfalls ein deutlicher Rückgang von 462.300 Plätzen auf nur noch 365.000 Plätze im Frühjahr 2022 (Abbildung). Dies bestätigt, dass sich die Lage in den letzten Jahren deutlich entspannt hat, Deutschland aber gleichzeitig von einem flächendeckend ausreichenden Angebot an Betreuungsplätzen für die Kinder aller Altersgruppen noch immer weit entfernt ist. Daher sollte der Ausbau der Betreuungsinfrastruktur auch weiterhin forciert vorangetrieben werden.

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