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Thomas Obst / Dan Schläger IW-Kurzbericht Nr. 68 22. September 2021 Lockdowns und kein Ende in Sicht

Im Sinne einer in Deutschland geforderten No-Covid-Strategie galt Australien lange als Musterbeispiel für den effizienten Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus bei gleichzeitiger Begrenzung der wirtschaftlichen Schäden. Nun zeichnet sich aber ab, dass das vollständige Eindämmen des Virus nicht mehr gelingt und die australische Regierung umdenken muss.

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Im Sinne einer in Deutschland geforderten No-Covid-Strategie galt Australien lange als Musterbeispiel für den effizienten Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus bei gleichzeitiger Begrenzung der wirtschaftlichen Schäden. Nun zeichnet sich aber ab, dass das vollständige Eindämmen des Virus nicht mehr gelingt und die australische Regierung umdenken muss.

Wegen eines Ausbruchs der Delta Variante im Juni 2021 ging erst Sydney in den erneuten Lockdown, gefolgt von Melbourne, um die Fallzahlen auf null zu senken. Letztere geht somit in den sechsten Lockdown seit dem Ausbruch der Pandemie und sieht sich mehr als 200 Tage mit harten Einschränkungen konfrontiert. Trotz der andauernden Maßnahmen nehmen die Fallzahlen weiter zu. Die Unklarheit über die Länge und Effektivität der Lockdowns sowie die dadurch verursachten Risiken haben zu einer erneuten Debatte über die sozialen und wirtschaftlichen Kosten geführt (Stears and Southphommasane, 2021). Mittlerweile weicht die australische Regierung selbst von ihrem harten Kurs ab und stellt die Bevölkerung auf ein „Leben mit dem Virus” ein (FAZ, 2021). Trotzdem wird an harten Lockdown Maßnahmen festgehalten. In einem Rücktrittsschreiben von seiner Stelle als Ökonom im Finanzministerium kritisiert Sabhlok (2020) die australische Regierung für die Unverhältnismäßigkeit der Corona-Maßnahmen und prangert fehlende Abwägungen an:

„The pandemic policies being pursued in Australia […] are the most heavy-handed possible, a sledgehammer to kill a swarm of flies. These policies are having hugely adverse economic, social and health effects […]. The need for good policy process does not disappear just because we face a public health crisis.”

Australien hat sich lange nach außen abgeriegelt und erneute Virusausbrüche mit harten Lockdowns bekämpft. Bei jedem Ausbruch verhängte die Regierung sofort Maßnahmen, um die Ansteckungsraten auf null zu bringen. Aus „hard for short” wurde aber „hard for long” und die Lockdowns wurden als „COVID Groundhog Day” nicht enden wollender Einschränkungen charakterisiert (Stears und Soutphommasane, 2021). Mit einem Rückgang des realen BIP um 2,4 Prozent im Jahr 2020 fiel der pandemiebedingte Wirtschaftseinbruch zwar mild aus. Allerdings war dies die erste Wirtschaftskrise seit 30 Jahren. Gleichzeitig ist die Schuldenstandquote signifikant um 10 Prozentpunkte bis 2020 gestiegen, und wird nach aktuellen Schätzungen mehr als 25 Prozentpunkte bis 2021 aufgrund diverser Hilfsmaßnahmen noch ansteigen.

Mittlerweile haben internationale Studien gezeigt, dass die ersten Modellierungen des Pandemieverlaufs nicht nur die Fallzahlen und Todesraten deutlich überschätzt, sondern vor allem Angst und Konformität beim Umgang mit der Krise erzeugt haben (Joffe, 2021). Auch wenn bereits am Anfang der Pandemie absehbar war, dass die ökonomischen und sozialen Folgen immens sein werden, wurden sie nicht betrachtet oder bestenfalls grob umrissen. Corona war das alles dominierende Gesundheitsrisiko. Kritiker an den Maßnahmen wurden somit ignoriert oder diffamiert. Anstatt sich der schwierigen Frage einer Abwägung von Kosten und Nutzen eines Lockdowns zu stellen, wurden Trade-Offs ignoriert. Studien begnügten sich stattdessen mit dem Aufzeigen eines einfachen positiven Zusammenhangs zwischen den gesundheitlichen Kosten (Ansteckungsraten oder Todesraten) und dem Wirtschaftseinbruch (gemessen am BIP) in der kurzen Frist. Langfristige Folgen der Lockdowns, zugegebenermaßen schwer zu messen, wurden in der Regel ignoriert. Somit bleibt die Frage, ob wiederkehrende Lockdowns einerseits eine langfristig effektive Lösung zur Bekämpfung der Pandemie darstellen, andererseits welche Kosten dadurch entstehen.

 

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Mit einem Stimmungsanalysetool versuchen Greyling et al. (2020) zu zeigen, dass es einen negativen kausalen Zusammenhang zwischen der Strenge von Lockdown Maßnahmen und der Stimmung in der Bevölkerung gibt. Der Gross National Happiness Index (GNH) wertet Twitter-Tweets aus und stuft diese in Zufriedenheitswerte von null bis zehn ein (fünf ist dabei weder zufrieden noch unzufrieden). Korreliert man den GNH Index für Australien mit dem Covid-Stringency Index der Oxford Universität (OSI), der die Strenge von Lockdowns misst, erhält man eine Indikation für einen möglichen Zusammenhang: Wie in der Grafik ersichtlich wird, gehen die ersten Lockdowns im März 2020 mit einer Reduktion des GNH von ursprünglich 7,4 Punkten auf ungefähr 6,7 Punkte zurück, erholen sich allerdings ab April wieder. Da Australien nicht in einen vollen Lockdown gegangen ist, spiegelt der Anstieg des OSI im März 2020 vor allem die strikten Grenzschließungen wider. Auch wenn es Studien gibt, die zeigen, dass es einen langfristigen Effekt von Lockdown Maßnahmen auf die mentale Gesundheit gibt, veranschaulicht der GNH nur kurzfristige Ausschläge des Gemütszustandes.

Sieht man von zeitlichen Diskrepanzen zwischen Maßnahmenankündigung und -umsetzung ab, ist eine antizyklische Tendenz zwischen der Lockdown-Härte (steigender OSI) und dem Zufriedenheitsmaß (sinkender GNH) zu erkennen. Auffällig ist, dass der GNH sinkt, seitdem die Einschränkungen ab Anfang Juni 2021 wieder stärker verschärft wurden. Greyling et al. (2020) führen das vor allem auf Mobilitäts- und Konsumeinschränkungen und auf Sorgen um die Schulbildung der Kinder und den eigenen Job zurück. Zu berücksichtigen ist, dass andere Faktoren, wie die Angst vor dem Virus, Treiber des Indexverlaufes sein können. Die Grafik ist lediglich ein erstes Indiz für die Auswirkungen von Lockdowns auf die Stimmung und das Wohlbefinden der australischen Bevölkerung.

Die negativen Effekte harter Lockdowns sollten aktiv in Kosten-Nutzen Überlegungen einfließen (Obst und Schläger 2021). Folgen einer Long-Lockdown-Policy beinhalten neben den eben dargestellten Effekten unter anderem den Verlust von Bildungspotential, eine zunehmende Bildungslücke, einen Anstieg von Armut und Ungleichheiten, gesellschaftliche Spaltungen sowie die Zunahme von psychologischen Krankheitsbildern wie Depressionen, Stress und Angstzustände. Joffe (2021) fasst zentrale Ergebnisse zusammen, auf die wir hier aus Platzgründen nicht näher eingehen können. Allerdings werden die Dimensionen deutlich, wenn man bedenkt, dass über 90 Prozent der Schulen im Jahr 2020 geschlossen waren, was etwa 1,57 Milliarden Kinder weltweit betrifft.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die australische Regierung scheinbar von Lockdowns abhängig geworden ist, die Impfkampagne verschleppt (nur ein Drittel der Bevölkerung ist vollständig geimpft) und zu spät über strategische Öffnungsmaßnahmen nachgedacht hat (Stears und Soutphommasane, 2021). Statt sich der fundamentalen Frage zu stellen, wie eine offene Gesellschaft mit dem Virus leben kann, bleibt die Fixierung auf der No-Covid-Strategie.

Australien ist nicht der einzige Fall, wo die Strategie nicht mehr aufzugehen scheint. So haben andere Länder mit ähnlichen Isolierungsmöglichkeiten wie Neuseeland oder Taiwan den neuen Umgang mit dem Virus akzeptieren müssen. In Neuseeland liegt die Impfquote (vollständig geimpft) bei 27 Prozent und in Taiwan gerade mal bei 4 Prozent. Für die kommenden Monate ist es essenziell den Blick viel stärker auf eine langfristige Strategie mit Kosten-Nutzen Abwägungen zu richten. Die hier aufgeführten Befunde entziehen der vorgeschlagenen No-Covid-Strategie (Baumann et al. 2021) die Basis, abgesehen von den starken Freiheitseinschränkungen und verfassungsrechtlichen Problemen, die eine solche Herangehensweise mit sich bringt.

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