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IW-Kurzbericht Nr. 35 13. Mai 2026 Stefanie Seele / Henrik Engel Deutscher Arbeitsmarkt im Leerlauf

Seit 2023 verliert die Fluktuation am Arbeitsmarkt an Tempo. Weil Betriebe weniger Stellen besetzen, kündigen weniger Beschäftigte ihre laufenden Verträge, um neue Jobs anzutreten.

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IW-Kurzbericht 35/2026
IW-Kurzbericht Nr. 35 13. Mai 2026 Stefanie Seele / Henrik Engel

Deutscher Arbeitsmarkt im Leerlauf

Stefanie Seele / Henrik Engel Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Seit 2023 verliert die Fluktuation am Arbeitsmarkt an Tempo. Weil Betriebe weniger Stellen besetzen, kündigen weniger Beschäftigte ihre laufenden Verträge, um neue Jobs anzutreten.

Die geringe Dynamik erschwert Arbeitslosen die Rückkehr in Arbeit und jungen Menschen den Einstieg in das Berufsleben.

Als zur Finanzkrise 2009 und im Corona-Krisenjahr 2020 das Bruttoinlandsprodukt abrupt um mehrere Prozent einbrach, nahm auch die Arbeitsmarktdynamik kurzzeitig deutlich ab, erholte sich aber zügig parallel zur Wirtschaftsleistung. Im Kontrast dazu scheint die Arbeitsmarktdynamik seit 2023 erheblich verlangsamt und geht seitdem Hand in Hand mit der stagnierenden Wirtschaft.

Der sogenannte Fluktuationskoeffizient setzt die Summe begonnener und beendeter sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungsverhältnisse eines Jahres ins Verhältnis zum jahresdurchschnittlichen Beschäftigungsbestand. Hierzulande liegt er zwischen 29 und 33 Prozent. In Zeiten wirtschaftlichen Wachstums steigt die Nachfrage nach Arbeitskräften, was zu einem Anstieg der Arbeitsplatzangebote und einer größeren Auswahl an Beschäftigungsmöglichkeiten führt. In Phasen wirtschaftlichen Abschwungs hingegen zögern Arbeitgeber mit Neueinstellungen und infolgedessen kündigen Beschäftigte für neue Jobs seltener, was zusammen zu einer niedrigeren Fluktuation führt.

Die Abbildung zeigt den Gleichlauf von der Arbeitskräftefluktuation mit der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland. In Phasen wirtschaftlicher Abschwünge verliert die Fluktuation am Arbeitsmarkt an Geschwindigkeit, in Aufschwüngen beschleunigt sie wieder, weil die Betriebe dann vermehrt Personal suchen, wenn diese positiv in die Zukunft blicken und planen zu investieren. Der prozyklische Zusammenhang von Konjunktur und Arbeitskräftefluktuation ist gut belegt (Monsef, 2023; Hammermann et al., 2022). 

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In der Corona-Rezession 2020 sank der Fluktuationskoeffizient um -3,3 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr. In der Finanzkrise 2009 fiel er um -1,3 Prozentpunkte und in den Nachwehen der Eurokrise 2012 bis 2013 sank die Fluktuation um kumulativ -2,3 Prozentpunkte. Der kumulative Rückgang der jüngsten drei Jahre im Vergleich zu 2022 um -2,5 Prozentpunkte liegt in der Größenordnung der zuvor genannten Phasen verringerter Fluktuation am Arbeitsmarkt. Besonders an der jüngsten Entwicklung ist die Dauer von nun mehr drei Jahren.

In den Krisenjahren 2009 und 2020 verlor die Arbeitsmarktdynamik trotz massiven Produktionseinbruchs an Tempo und erholte sich zügig, weil die Betriebe die Zuversicht hatten, dass sie mit dem Einsatz von konjunktureller Kurzarbeit und betrieblichen Flexibilitätsmaßnahmen wie dem Abbau von Arbeitszeitkonten nach der Krise ihre Kapazitäten wieder auslasten würden.

Aktuell spricht insbesondere die neue geopolitische Unsicherheit gegen eine zügige Erholung der Arbeitsmarktdynamik in Deutschland und eher für eine schrittweise Verringerung der Dynamik im Zuge einer Strukturkrise. Zwar zeigte sich schon einmal in den schwachen Wirtschaftsjahren 2012 bis 2013 eine niedrige Fluktuation wie aktuell, die Arbeitsmarktlage sah damals für Arbeitslose und Berufseinsteiger jedoch besser aus. Denn in den Nachwehen der Eurokrise wuchsen die Beschäftigung und die Wirtschaft. Im Gegensatz dazu scheint heute die deutsche Wirtschaft mit den Herausforderungen Demografie, Deglobalisierung, Dekarbonisierung, Digitalisierung und tendenziell nachteiligen Standortbedingungen schlechter aufgestellt als in der 2010er-Dekade.

Ebenfalls aufschlussreich ist der Blick auf die Dynamik unterschiedlicher Wirtschaftsbereiche. Im Verarbeitenden Gewerbe sank der Fluktuationskoeffizient in der Corona-Rezession 2020 deutlich um -3,4 Prozentpunkte, erholte sich in den beiden Folgejahren um kumulativ +3,0 Prozentpunkte, um seit 2023 kumulativ -2,0 Prozentpunkte zu sinken. Das Verarbeitende Gewerbe reagiert damit ausgeprägter auf konjunkturelle Schwankungen als der Arbeitsmarkt in der Gesamtwirtschaft. Im Kontrast dazu stehen die Bereiche öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Sozialversicherung und exterritoriale Organisationen, wo der Fluktuationskoeffizient weniger schwankt. Dies spricht für eine stabile Arbeitsnachfrage in den öffentlichen Bereichen.

Noch einmal anders sieht es in der Zeitarbeit aus, wo der Fluktuationskoeffizient auf einem hohen Niveau liegt, aber die Korrelation mit der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts vergleichbar hoch ist wie im öffentlichen Bereich. Zeitarbeitnehmer - also Beschäftigte der Wirtschaftsgruppen 782 „befristete Überlassung von Arbeitskräften“ und 783 „sonstige Überlassung von Arbeitskräften“ nach der Wirtschaftszweigklassifikation 2008 - werden insbesondere in Betriebe des Verarbeitenden Gewerbes überlassen, um dortige Auftragsspitzen abzufedern. Seit sich im Jahresverlauf 2019 die Strukturkrise im Verarbeitenden Gewerbe andeutete, nahm die Arbeitsmarktdynamik in der Zeitarbeit erheblich ab.

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IW-Kurzbericht 35/2026
IW-Kurzbericht Nr. 35 13. Mai 2026 Stefanie Seele / Henrik Engel

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