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IW-Kurzbericht Nr. 71 11. August 2025 Ralph Henger / Simon Moeller* Höhere Effizienz, mehr Komfort?: Der (unbeabsichtigte) Rebound-Effekt bei der Raumtemperatur

Die Steigerung der Energieeffizienz im deutschen Wohnimmobilienbestand ist eine zentrale Säule der Wärmewende und trägt maßgeblich zur Reduzierung des Wärmebedarfs bei.

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Der (unbeabsichtigte) Rebound-Effekt bei der Raumtemperatur
IW-Kurzbericht Nr. 71 11. August 2025 Ralph Henger / Simon Moeller*

Höhere Effizienz, mehr Komfort?: Der (unbeabsichtigte) Rebound-Effekt bei der Raumtemperatur

Ralph Henger / Simon Moeller* Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Die Steigerung der Energieeffizienz im deutschen Wohnimmobilienbestand ist eine zentrale Säule der Wärmewende und trägt maßgeblich zur Reduzierung des Wärmebedarfs bei.

Eine Erhöhung der technischen Effizienz geht aber meist mit einer Veränderung des Verbrauchsverhaltens und damit geringeren als erwarten Einsparungen einer, unter anderem aufgrund höherer Innentemperaturen. Dieses Phänomen wird allgemein als Rebound-Effekt interpretiert. Anhand von Messdaten aus einem aktuellen Forschungsprojekt zeigt dieser Beitrag, wie Raumtemperaturen und Effizienzstandards zusammenhängen und diskutiert verschiedene Ursachen und Lösungsansätze.

Rebound-Effekt

Rebound-Effekte beschreiben das Phänomen, dass Effizienzsteigerungen nicht immer zu den erhofften Energieeinsparungen führen, sondern diese durch gegenläufige Effekte (teilweise) wieder aufgehoben werden. Von besonderer Bedeutung im Gebäudekontext ist dabei der direkte Reboundeffekt. Dieser beschreibt in der üblichen ökonomischen Definition den Anstieg der Nachfrage, z. B. Raumwärme, aufgrund gesunkener Grenzkosten wie sie nach einer Sanierungsmaßnahme erfolgen und einer daraus resultierenden höheren Menge des konsumierten Gutes (Raumwärme). Während Rebound-Effekte im ökonomischen Sinne auf einen gewollte Verhaltensanpassung und dadurch verringerte Einspareffekte hinweisen, verweist die Energy-Performance-Gap allgemein auf die Abweichung zwischen gemessenem Verbrauch und dem errechneten Bedarf (Galvin, 2014), ohne Annahmen über die Ursache der Abweichung zu treffen (Mahdavi et al., 2021). Zum Rebound-Effekt in Gebäuden gibt es zahlreiche Studien, welche die erhöhte Energienachfrage für Raumwärme nach Effizienzsteigerungen in der Regel zwischen 10 und 30 % schätzen (Sorrell, 2007).

Temperatur, Behaglichkeit und Kosten

Für die Betrachtung von Rebound-Effekten ist strenggenommen eine Bestimmung des Nutzens, die sich aus der thermischen Behaglichkeit der Bewohner ergibt, notwendig. Allerdings hängt die thermische Behaglichkeit von vielen Faktoren, wie der Luftqualität, dem Aktivitätsgrad oder der Kleidung ab und ist daher nur aufwendig zu bestimmen (Luo et al. 2016). Die Temperaturspanne, in der sich Menschen in Innenräumen wohlfühlen, liegt zwischen 18 °C und 24 °C. Entsprechend sind Vermieter nach Rechtsprechung dazu verpflichtet, sicherzustellen, dass Wohnräume tagsüber auf etwa 20 °C und nachts auf rund 18 °C beheizt werden können. Und auch die Heizkosten hängen in hohen Maßen von der Raumtemperatur ab. Eine bekannte Daumenregel besagt, dass durch eine Absenkung der Raumtemperatur um 1 °C bis zu 6 % an Heizenergie eingespart werden können (UBA, 2016), wenngleich diese Regel mehr für Einfamilienhäuser gelten dürfte als für Wohnungen in Mehrfamiliengebäuden, wo die Einsparung auch von der Lage der Wohnung oder dem Heizverhalten der Nachbarn abhängt (Moeller et al. 2020). Grundsätzlich gilt: Umso höher die Temperaturdifferenz zur Umgebung, desto mehr Heizenergie lässt sich durch eine Absenkung sparen. Gleichzeitig verringert ein verbesserter energetischer Standard (z. B. durch eine verbesserte Dämmung) den möglichen Einspareffekt durch Absenkung der Temperaturen. 

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Effizienzstandard und Raumtemperatur

Im Rahmen eines Forschungsprojektes zur verbesserten Heizungsregulierung durch Gebäudeautomation wurden an drei Standorten mit unterschiedlichem Effizienzstandard (und folglich Heizenergiebedarf) über einen Zeitraum von Oktober 2023 bis April 2024 hochauflösende Raumtemperaturdaten (im 10-Minuten-Takt und stündlich aggregiert) aufgezeichnet. Die Temperaturdaten stammen von Heizkostenverteilern, wie sie im vermieteten Mehrfamiliengebäuden üblicherweise an jedem Heizkörper hängen.

Die Abbildung zeigt eine hohe Korrelation zwischen der Energieeffizienz und der durchschnittlichen Innenraumtemperatur. Die Temperaturen in den effizienteren Gebäuden (50 kWh/m²) für Raumwärme, sind stets höher als diejenigen mit einem höheren Endenergiebedarf. Besonders ausgeprägt ist dieser Effekt im Bad, gefolgt vom Schlafzimmer und Küche. Wohnbereiche weisen hingegen konstantere Werte um 20 °C auf. Auffällig ist zudem, dass die Temperaturunterschiede bei höheren Energiestandards niedriger sind.

Die Beobachtungen scheinen zunächst zu bestätigen, was nach der üblichen ökonomischen Interpretation des direkten Rebound-Effekts erwartbar ist. Aus techniksoziologischer Sicht lässt sich der Effekt allerdings auch anders interpretieren: Die durch verbesserter Dämmstandards und eine kompaktere Bauweise verbesserte Energieeffizienz führt über interne Wärmeverschiebungen und eine gleichmäßigere Auslastung des Heizsystems zu einer Angleichung der Innenraumtemperaturen. Gerade in unbeheizten Räumen, wo keine Wärme gebraucht oder gewünscht ist, steigen die Temperaturen. In der Nacht sinken die Temperaturen aufgrund der Trägheit der Gebäudemasse langsamer ab. Beides erhöht die Durchschnittstemperaturen. Die Bewohner reagieren darauf allerdings in sehr unterschiedlicher Weise (Schröder et al., 2018). Die Korrelation darf daher nicht als Kausalität missverstanden werden, da Mitheizeffekte, das Lüftungsverhalten und die Trägheitseffekte der Gebäudetechnik weitere Erklärungsansätze darstellen (Moeller, 2024).

Politische Einordnung

Die sich aus gewollten oder ungewollten Rebound-Effekten ergebenden höheren Heizenergieverbräuche sind dennoch insgesamt nachteilig für die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt, da die Heizenergie heute immer noch zu rund drei Vierteln durch fossile Energien bereitgestellt wird. Um Heizenergie einzusparen, ist eine Internalisierung der Kosten über eine CO2-Bepreisung daher eine effiziente Strategie. Diese sendet einen klaren Handlungsanreiz aus und belohnt nicht nur Energiesparmaßnahmen, sondern auch einen Wechsel hin zu einer erneuerbaren Versorgung. Um wirksam zu sein, ist allerdings ein Preispfad mit einer gewissen Planungssicherheit und eine politische Verpflichtung notwendig, diesen nicht durch gegenteilige Maßnahmen (z.B. einer Verringerung von Gaspreisen) zu verwässern. Auch sollten die CO2-Kosten im vermieteten Wohnungsbestand auch die Vermieter adressieren (vgl. CO2KostAufG).

Darüber hinaus sind im Mietwohnbestand neue Abrechnungsmodelle erforderlich, da dort das Vermieter-Mieter-Dilemma nur geringer Anreize für Investitionen setzt. Das Mietrecht und insbesondere die Modernisierungsumlage nach § 559 BGB kann nach heutigem Stand keinen fairen Interessensausgleich zwischen Vermietenden und Mietenden gewährleisten, da die Heizkostenersparnisse durch Modernisierungen nicht berücksichtigt werden (Henger et al., 2023). Jüngste Vorschläge beruhen daher darauf, bei der Aufteilung der Modernisierungskosten stärker Bedarfsrechnungen zu berücksichtigen. Auch wenn die Ermittlung des Energiebedarfs fehleranfällig ist, lässt sich nur so objektiv feststellen, wie sich durch eine Modernisierung die Heizkosten ohne verändertes Nutzerverhalten reduzieren (Reutter, 2025). Damit ein solcher Ansatz aber umgesetzt werden kann, müsste die Verbreitung von Bedarfsausweisen deutlich steigen, wie es die Novelle der EU-Gebäuderichtline perspektivisch fordert. 

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