Ohne Migrationsbewegungen würden die ostdeutschen Flächenländer bis zum Jahr 2035 über ein Achtel und bis zum Jahr 2045 über ein Fünftel ihrer Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 66 Jahren verlieren.
Demografische Krise im Osten - ohne Zuwanderung geht es nicht
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Ohne Migrationsbewegungen würden die ostdeutschen Flächenländer bis zum Jahr 2035 über ein Achtel und bis zum Jahr 2045 über ein Fünftel ihrer Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 66 Jahren verlieren.
Damit dürfte sich die Situation der Wirtschaft, insbesondere auch bei der Versorgung mit Dienstleistungen, kaum erhalten lassen.
Für die wirtschaftliche Entwicklung einer Region ist es von entscheidender Bedeutung, dass dem Arbeitsmarkt genügend potenzielle Beschäftigte zur Verfügung stehen. Hier steuert der Osten Deutschlands immer tiefer in die demografische Krise. Lebten in den ostdeutschen Flächenländern am 31.12.1995 noch 10,05 Millionen Personen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 66 Jahren, waren es am 31.12.2025 nur noch 7,74 Millionen. Dies sind 23,0 Prozent weniger. Gleichzeitig ist die Gesamtbevölkerung in diesen 30 Jahren nur vergleichsweise leicht von 14,17 Millionen auf 12,35 Millionen zurückgegangen. So ist der Anteil der Personen im Alter zwischen 15 und 66 Jahren an der Gesamtbevölkerung von 70,9 Prozent auf nur noch 62,7 Prozent gesunken. Bundesweit war nur ein Rückgang von 70,3 Prozent auf 65,9 Prozent zu verzeichnen. Dabei gibt es nur kleinere Unterschiede zwischen den ostdeutschen Flächenländern. So lag der Anteil der 15- bis 66-Jährigen am 31.12.2025 in Sachsen-Anhalt bei 62,3 Prozent, in Thüringen bei 62,4 Prozent, in Sachsen bei 62,6 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern bei 62,7 Prozent und in Brandenburg bei 63,3 Prozent. Hingegen ist er in Berlin mit 69,3 Prozent noch deutlich höher. Gleichzeitig ist die Zahl der Älteren ab 67 Jahren in den ostdeutschen Flächenländern zwischen 31.12.1995 und 31.12.2025 sehr stark von 1,82 Millionen auf 3,06 Millionen gestiegen, womit ihr Anteil an der Bevölkerung von 12,9 Prozent auf 24,8 Prozent zugenommen hat. Unter 15 Jahren waren am 31.12.2025 nur noch 1,55 Millionen Personen oder 12,6 Prozent der Bevölkerung im Vergleich zu 2,30 Millionen oder 16,2 Prozent am 31.12.1995 (Statistisches Bundesamt, 2026a; eigene Berechnungen).
Dass die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in den ostdeutschen Flächenländern so viel kleiner geworden ist, geht zu bedeutenden Teilen darauf zurück, dass es in der wirtschaftlich sehr schwierigen Zeit nach der Wiedervereinigung zu einer starken und langanhaltenden Abwanderungsbewegung gekommen war. Ihr Ende hatte sie erst im Jahr 2012 erreicht. Seitdem können die ostdeutschen Länder jedoch kontinuierlich Bevölkerungsgewinne durch Zuwanderung realisieren. Lebten am 31.12.2010 nur 265.000 Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit im Alter zwischen 15 und 66 Jahren in den ostdeutschen Flächenländern, waren es am 31.12.2025 bereits 765.000. Damit ist ihr Anteil an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter von 3,1 Prozent auf 9,9 Prozent gestiegen (Statistisches Bundesamt, 2026a; eigene Berechnungen).
Treten die wahrscheinlichsten Entwicklungen bei Migration, Geburten und Todesfällen ein, wird die Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 66 Jahren in den ostdeutschen Flächenländern der IW-Bevölkerungsprognose zufolge bis zum Jahr 2035 voraussichtlich um 8,4 Prozent auf 7,11 Millionen schrumpfen und ihr Anteil läge dann noch bei 60,3 Prozent (Deschermeier, 2026). Ein substanzieller Teil dieser Personen wird nicht am Arbeitsmarkt aktiv sein, insbesondere in der ersten Phase des Erwerbslebens aufgrund noch laufender schulischer und hochschulischer Ausbildungen und in der letzten Phase aufgrund eines vorzeitigen Übergangs in den Ruhestand. Im Jahr 2025 waren 75,9 Prozent der 15- bis 64-Jährigen in Ostdeutschland erwerbstätig (Statistisches Bundesamt, 2026b). Geht man von diesem Anteil für die Gesamtgruppe der 15- bis 66-Jährigen aus, wären in den ostdeutschen Flächenländern im Jahr 2035 nur noch 45,8 Prozent der Bevölkerung erwerbstätige Personen, die das Rentenalter noch nicht erreicht haben. Bis zum Jahr 2045 ist der IW-Bevölkerungsprognose zufolge in den ostdeutschen Flächenländern ein Rückgang der Bevölkerung im Alter von 15 bis 66 Jahren um 12,9 Prozent auf 6,76 Millionen zu erwarten. Ihr Anteil an der Bevölkerung läge dann noch bei 59,7 Prozent, womit bei der aktuellen Quote 45,3 Prozent der Bevölkerung erwerbstätige Personen vor Erreichen des Rentenalters wären.
Ohne Migration wäre Lage dramatisch
Die vorhergehenden Berechnungen setzen voraus, dass die ostdeutschen Flächenländer auch weiterhin in substanziellem Maß Bevölkerung durch Migration gewinnen können, was eine Politik, die sich gegen Zuwanderung richtet, verhindern könnte. Mit der IW-Bevölkerungsprognose lassen sich zudem Berechnungen dazu anstellen, was passieren würde, wenn gar keine Migration stattfindet (Abbildung). In diesem Fall würde die Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 66 Jahren in den ostdeutschen Flächenländern bereits bis zum Jahr 2035 um 13,0 Prozent auf 6,78 Millionen zurückgehen und ihr Bevölkerungsanteil läge dann noch bei 59,7 Prozent. Bei einer Quote von 75,9 Prozent (siehe oben), wären dann bereits nur noch 45,3 Prozent der Bevölkerung erwerbstätige Personen, die das Rentenalter noch nicht erreicht haben. Im Jahr 2045 lägen die Anteile bei 58,2 Prozent und 44,2 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern betrüge der Anteil der Bevölkerung zwischen 15 und 66 Jahren dann 57,0 Prozent und der Anteil der Erwerbstätigen außerhalb des Rentenalters 43,3 Prozent. In Sachsen-Anhalt wären es 57,3 Prozent und 43,5 Prozent, in Thüringen 57,6 Prozent und 43,7 Prozent, in Brandenburg 57,7 Prozent und 43,8 Prozent sowie in Sachsen 59,7 Prozent und 45,3 Prozent.
Mit dem technischen Fortschritt, insbesondere im Bereich der KI, könnten in der kommenden Zeit in größerem Maß Tätigkeiten automatisiert werden, für die bislang menschliche Arbeitskräfte benötigt wurden. Dennoch dürfte es auch in zehn bis 20 Jahren für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Region noch sehr problematisch sein, wenn weit weniger als die Hälfte der Bevölkerung am Arbeitsmarkt aktiv ist. Insbesondere gilt das für die Versorgung der Bevölkerung mit Dienstleistungen im medizinischen, pflegerischen und handwerklichen Bereich, die sich relativ schwer automatisieren lassen dürften.
Dabei stellt das Gedankenexperiment „Bevölkerungsentwicklung ohne Migration“ aus demografischer Sicht bei weitem noch nicht den Worst Case dar. Vielmehr wäre auch eine stärkere Abwanderung aus den ostdeutschen Flächenländern, wie sie bereits einmal in der Zeit nach der Wiedervereinigung stattgefunden hat, im Bereich des Möglichen. Sollte es dazu kommen, dass eine größere Zahl jüngerer Personen, etwa durch eine mi-grationsfeindliche Regierung, ein Bundesland verlässt, droht ein Teufelskreis. So führt die Überalterung der Bevölkerung und die mit ihr einhergehende Verschlechterung der Versorgung mit Dienstleistungen dazu, dass die ostdeutschen Flächenländer als Wohnort für jüngere Personen an Attraktivität verlieren. Dies kann wiederum zur Folge haben, dass sie häufiger abwandern und seltener zuwandern oder nach einem Aufenthalt in einer anderen Region, etwa zur hochschulischen Ausbildung, zurückkehren. Insbesondere auch vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass die ostdeutschen Flächenländer in den nächsten Jahren sehr gezielt darauf hinarbeiten, ihre Erwerbsbevölkerung durch Zuwanderung zu stabilisieren.
Eine Förderung der Entscheidungen junger Paare für Kinder kann dies nicht ersetzen, so wichtig sie für die langfristige demografische Entwicklung ebenfalls ist. So erreichen die heute geborenen Kinder erst nach dem Jahr 2040 das erwerbsfähige Alter zwischen 15 und 66 Jahren. In den bereits kritischen Jahren bis dahin können sie noch keinen Beitrag zur Stabilisierung der Arbeitskräftebasis leisten. Zudem ist in den ostdeutschen Flächenländern auch die Zahl der potenziellen Mütter ohne Zuwanderung zunehmend beschränkt. Lebten dort im Jahr 2000 noch 776.000 Frauen im Alter zwischen 25 und 34 Jahren mit deutscher Staatsangehörigkeit, waren es im Jahr 2025 nur noch 398.000 (Statistisches Bundesamt, 2026a; eigene Berechnungen).
Die IW-Bevölkerungsprognose
Als stochastische Prognose zeigt die IW-Bevölkerungsprognose die wahrscheinlichste Entwicklung auf und liefert die wertvolle Zusatzinformation über die Unsicherheit der Entwicklung. Im Gegensatz zu klassischen (deterministischen) Vorausberechnungen, die eine einzige feste Entwicklung annehmen, leitet die stochastische Methode durch Simulationen Ergebnisse mit Eintrittswahrscheinlichkeiten ab. Eine ausführliche Darstellung der Methodik findet sich bei Deschermeier (2016). Diese lässt sich dahingehend anpassen, dass anstatt mit der wahrscheinlichsten Migration mit einer Migration von Null gerechnet wird. Dies ist als Referenzpunkt sehr hilfreich, wenn die Migrationsbewegungen an sich im Fokus der Betrachtung stehen.
DOI: 10.67087/19.21456
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