Der Gebäudesektor in der Europäischen Union (EU) soll neben dem Industriesektor, dem Verkehrssektor und dem Energiesektor in den kommenden Jahrzehnten eine Transformation hin zur Klimaneutralität durchlaufen.
Herausforderungen und Perspektiven für die Langfristfinanzierung
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Der Gebäudesektor in der Europäischen Union (EU) soll neben dem Industriesektor, dem Verkehrssektor und dem Energiesektor in den kommenden Jahrzehnten eine Transformation hin zur Klimaneutralität durchlaufen.
Parallel besteht insbesondere in Ballungsgebieten weiterhin ein anhaltend hoher Bedarf an Wohnraum. Bis 2030 sind allein in Deutschland jährlich rund 320.000 neue Wohneinheiten erforderlich – inklusive des Aufholbedarfs der Vorjahre sogar 355.000 pro Jahr. Für 2025 sind zusätzliche Neubauinvestitionen von ungefähr 20 Milliarden Euro nötig, um die Nachfrage abzudecken. Die energetische Sanierung muss von aktuell 48 Milliarden Euro pro Jahr im Wohnbereich auf mindestens 72 Milliarden Euro steigen; bei Nicht-Wohngebäuden muss der Bedarf von 18 Milliarden Euro auf bis zu 36 Milliarden Euro steigen.
Für Großprojekte in Energie, Digitalisierung, Immobilien und Infrastruktur ist Planungssicherheit entscheidend. Langfristige Kredite mit fester Zinsbindung sichern diese, da Laufzeiten und Investitionshorizonte kongruent sind und Zinsänderungsrisiken für die Kreditnehmer minimiert werden können. Für die energetische Sanierung von Wohnimmobilien und Gewerbeimmobilien wird eine jährliche Investitionssumme in der EU von 435 Milliarden Euro pro Jahr bis zum Jahr 2045 erwartet. Durch diese Investitionen wird eine jährliche zusätzliche Kreditnachfrage in Höhe von 278,4 Milliarden Euro für Wohnimmobilien und eine zusätzliche Kreditnachfrage in Höhe von 60,9 Milliarden Euro für Gewerbeimmobilien ausgelöst. Die Kreditinstitute in der EU müssten ihre Risikoaktiva dann um 214 Milliarden Euro pro Jahr ausweiten, um diese Kreditnachfrage zu bedienen. Das Eigenkapital der Kreditinstitute kann allerdings einen Engpassfaktor für diese zusätzliche Kreditnachfrage zur Umsetzung der Dekarbonisierung darstellen. Denn es besteht auch noch Investitionsbedarf in den Sektoren Industrie, Verkehr und Energie. Der Draghi-Report (2024) geht von einer jährlichen Investi-tionssumme von 750 bis 800 Milliarden Euro aus und eine Studie des IW berechnet einen jährlichen Bedarf von 818,7 Milliarden Euro für die EU. Auf Basis dieser Zahlen kann ein zusätzlicher Eigenkapitalbedarf bei den Kreditinstituten von bis zu 867,4 Milliarden Euro bis zum Jahr 2045 prognostiziert werden, sofern die Kernkapitalquote über diesen Zeitraum konstant gehalten werden sollte. Der Anstieg der Risikoaktiva bis zum Jahr 2045 würde hingegen bei einem konstant verlaufenden Eigenkapital in Höhe von 1.069 Milliarden Euro im Jahr 2024 zu einem Rückgang der Eigenkapitalquote von 19,3 Prozent im Jahr 2024 auf 13,5 Prozent im Jahr 2045 führen. Dieser Eigenkapitalbedarf kommt zu dem Eigenkapitalbedarf zur Umsetzung des Bankenpakets in Höhe von 129 bis 135 Milliarden Euro hinzu. Wegen des möglichen Eigenkapitalbedarfs muss die Regulatorik hinterfragt werden, um einen ausgewogenen Rahmen für die Finanzierung zu erreichen. Dazu wurden die folgenden Empfehlungen abgeleitet:
- Anpassung der Eigenkapitalregulierung: Durch die Reformen der Eigenkapitalregulierung sind Kreditinstitute nun deutlich widerstandsfähiger gegenüber adversen Schocks, wie sie sich in der Coronapandemie, dem durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ausgelösten Energiepreisschock und den Korrekturen im Immobilienmarkt nach der Zinswende der EZB seit dem Jahr 2022 gezeigt haben. In beiden Phasen konnten die Kreditinstitute die Kreditversorgung der Wirtschaft durch ihre hohe Robustheit sicherstellen. Trotzdem muss die Notwendigkeit und Zielrichtung einzelner Kapitalpuffer im Hinblick auf die Langfristfinanzierung in Frage gestellt werden. So wurde der antizyklische Eigenkapitalpuffer zwar aufgebaut, er wurde aber nicht wieder so gelockert, wie es eine antizyklische Aufsichtspraxis vorsehen würde. Zusätzlich muss die Einführung des Output Floor überdacht werden, denn dieser wirkt insbesondere für Kreditinstitute mit risikoarmem Geschäft zu restriktiv. Je risikoärmer das Geschäft der Banken ist, desto restriktiver wirkt dieser. Zudem erfordert die Umsetzung des Output Floors einen Aufbau von Eigenkapital in Zeiten hoher Kreditnachfrage durch Investitionen in die klimaneutrale Transformation der Wirtschaft.
- Abbau von Regulierungsarbitrage: Ein restriktiver Zugang zu Bankkrediten führt dazu, dass sich Kreditnehmer zunehmend alternativen Finanzierungsanbietern im Nichtbankensektor (Non Bank Financial Intermediation, NBFIs) zuwenden. Zwar bestehen Synergien zwischen Banken und Nichtbanken. Doch würde eine Verdrängung des klassischen Kreditgeschäfts in den Nichtbankensektor möglicherweise auch zu Lasten der Finanzmarktstabilität gehen. Dies könnte durch ungleiche Wettbewerbsbedingungen zwischen Kreditinstituten und NBFIs entstehen. Denn einige NBFIs erzielen ihre Wettbewerbsvorteile auch durch ihre im Vergleich zu Kreditinstituten geringeren Compliance-Kosten und durch ihre geringere Beaufsichtigung durch die Aufsichtsbehörden. Da eine Ungleichbehandlung von Kreditinstituten und NBFIs zu Wettbewerbsverzerrungen und negativen Auswirkungen auf die Finanzstabilität führen kann, sollte die Politik an der Herstellung eines Level-Playing-Fields in der Kreditvergabe bestrebt sein, der allen Marktakteuren im klassischen Kreditgeschäft gleiche Rahmenbedingungen garantiert.
- Anpassung der Nachhaltigkeitsregulierung: Die Nachhaltigkeitsregulierung regelt sehr detailreich die Klassifizierung wirtschaftlicher Aktivitäten. Zudem müssen Kreditnehmer im Rahmen der 7. Novelle der Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk) nun im Kreditgenehmigungsprozess Auskunft zu potenziellen ESG-Risiken (Environmental, Social und Governance Risiken) geben. Es stellt sich die Frage, ob die Ziele der Regulierung nicht ebenso mit weniger bürokratischem Aufwand zu erfüllen sind. Negativ zu sehen ist hier der Anreiz zur Dekarbonisierung der Kredit- und Anlageportfolios. Denn Kreditinstitute und Kapitalanlagegesellschaften können sich schneller dekarbonisieren als Unternehmen und Haushalte. Die Green Asset Ratio (GAR) ist durch methodische Probleme als Kennzahl wenig hilfreich. Zudem setzt sie die falschen Anreize: denn Kreditinstitute würden ihre Kreditvergabe anpassen, um diese Quote zu erfüllen. Dies würde vor allem durch ein Auslaufen und Nicht-Verlängern von Krediten an emissionsintensive Kreditnehmer erfolgen mit restriktiveren Finanzierungsbedingungen für diese Unternehmen, was deren Dekarbonisierung erschweren kann. Die Forcierung der Dekarbonisierung der Finanzwirtschaft ist daher kontraproduktiv. Vor dem Hintergrund, dass die Bilanzen der Finanzwirtschaft mit einer fortschreitenden Dekarbonisierung der Wirtschaft automatisch nachhaltiger werden, muss hier zwischen der Notwendigkeit einer Offenlegung von Nachhaltigkeit und den negativen Auswirkungen einer Steuerung der Kreditvergabe durch Nachhaltigkeitsaspekte stark abgewogen werden.
In der Summe kommt der Bericht zu dem Schluss, dass die europäischen Kreditinstitute vor der Herausforderung stehen, Sicherheit und Stabilität zu wahren und zugleich die enormen Finanzierungsbedarfe für die Transformation zu decken. Ein ausgewogener Regulierungsrahmen, der Risiken präzise bemisst, ohne die Kreditversorgung zu blockieren, ist dabei unerlässlich.
Herausforderungen und Perspektiven für die Langfristfinanzierung
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Die Schwäche des US-Dollars – Chancen für den Euro und den europäischen Finanzmarkt?
Das Institut der deutschen Wirtschaft, die DekaBank und die Börsen-Zeitung laden Sie zum Finanzmarkt Round-Table am Montag, den 16. November 2026, von 11:00 bis 13:00 Uhr ein. Der Round-Table findet als Online-Veranstaltung statt.
IW
Der Euro als internationale Leitwährung
Die internationale Währungsordnung befindet sich in einer Phase des strukturellen Umbruchs, die durch geopolitische Spannungen, handelspolitische Fragmentierung und nationale Selbstgenügsamkeit der USA geprägt ist.
IW