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IW-Kurzbericht Nr. 72 19. Oktober 2026 Lennart Eckle Gewerkschaften: Anhaltendes Repräsentationsdefizit trotz Wandel der Mitgliederstruktur

Der Anteil der Angestellten an allen abhängig Beschäftigten ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Unter den Gewerkschaftsmitgliedern haben Angestellte mittlerweile die Arbeiter als größte Gruppe abgelöst.

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IW-Kurzbericht 72/2026
IW-Kurzbericht Nr. 72 19. Oktober 2026 Lennart Eckle

Gewerkschaften: Anhaltendes Repräsentationsdefizit trotz Wandel der Mitgliederstruktur

Lennart Eckle Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Der Anteil der Angestellten an allen abhängig Beschäftigten ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Unter den Gewerkschaftsmitgliedern haben Angestellte mittlerweile die Arbeiter als größte Gruppe abgelöst.

Im Vergleich zu ihrem Anteil an allen abhängig Beschäftigten waren Angestellte in den Gewerkschaften im Jahr 2023 dennoch unterrepräsentiert. Arbeiter und Beamte waren überrepräsentiert. In allen drei Gruppen ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad zwischen 2003 und 2023 zurückgegangen.

In den vergangenen Jahrzehnten ist der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an den abhängig Beschäftigten in Deutschland deutlich zurückgegangen (Schnabel, 2025). Auswertungen der Mitgliederstruktur der Gewerkschaften zeigen zudem, dass innerhalb der Mitgliederbasis Repräsentationslücken bestehen (Biebeler/Lesch, 2015; Dieke/Lesch, 2017; Hassel/Schroeder, 2018; Eckle, 2025). Das gilt auch für die berufliche Stellung der Beschäftigten, die ein zentrales Strukturmerkmal darstellt. Sie unterscheidet zwischen Angestellten, Arbeitern und Beamten.

Inwieweit sich die Repräsentation nach beruflicher Stellung im Zeitverlauf verändert hat, lässt sich mit den Befragungsdaten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) untersuchen. Dafür werden die Befragungsdaten aus den Jahren 2003 und 2023 vergleichend ausgewertet. Da nicht jedes Gewerkschaftsmitglied erwerbstätig ist, würde eine Gegenüberstellung der Zahl der Gewerkschaftsmitglieder mit der Beschäftigtenzahl die gewerkschaftliche Verankerung überschätzen. Um die Verankerung unter abhängig Beschäftigten präziser zu ermitteln, werden daher nicht erwerbstätige Gewerkschaftsmitglieder (Rentner, Studenten und Arbeitslose) sowie Auszubildende und Selbstständige ausgeklammert und die Stichprobe auf die Altersgruppe zwischen 18 und 65 Jahren eingeschränkt.

Auf der Grundlage der verbleibenden Stichprobe lässt sich der sogenannte Netto-Organisationsgrad (nachfolgend Organisationsgrad) bestimmen, der den Anteil der Gewerkschaftsmitglieder unter allen abhängig Beschäftigten angibt. Um die Repräsentation von Angestellten, Arbeitern und Beamten in den Gewerkschaften zu bestimmen, wird die Beschäftigtenstruktur der Mitgliederstruktur der Gewerkschaften gegenübergestellt. Bei der Interpretation ist zu berücksichtigen, dass die berufliche Stellung im SOEP auf einer Selbsteinschätzung der Befragten beruht.

Wandel der Beschäftigtenstruktur

Die Analyse zeigt, dass sich sowohl unter den Beschäftigten als auch innerhalb der Gewerkschaften deutliche Verschiebungen entlang der beruflichen Stellung vollzogen haben. Zunächst fällt auf, dass der Anteil der Arbeiter an allen abhängig Beschäftigten in Deutschland deutlich gesunken ist: Während 2003 noch mehr als jeder dritte abhängig Beschäftigte als Arbeiter klassifiziert wurde (36,1 Prozent), waren es 2023 nur noch 19,1 Prozent (Abbildung). Angestellte machten bereits 2003 mehr als die Hälfte aller abhängig Beschäftigten aus (57,3 Prozent). Bis 2023 stieg ihr Anteil weiter auf 73,4 Prozent. Diese Verschiebung ist vor allem ein Ausdruck des Strukturwandels hin zur Dienstleistungs- und Angestelltengesellschaft. Der Anteil der Beamten an den abhängig Beschäftigten stieg auf Grundlage des SOEP von 6,6 Prozent im Jahr 2003 auf 7,5 Prozent im Jahr 2023.

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Wandel der Mitgliederstruktur

Unter den abhängig beschäftigten Gewerkschaftsmitgliedern zeigt sich im gleichen Zeitraum ein ähnliches Bild. Während Arbeiter 2003 noch die größte Gruppe unter den Gewerkschaftsmitgliedern stellten (46,5 Prozent), lag ihr Anteil 2023 nur noch bei 23,0 Prozent. Die einst größte Kernklientel verliert damit an Gewicht in den Gewerkschaften. Der Anteil der Angestellten unter den Gewerkschaftsmitgliedern stieg dagegen von 41,0 Prozent (2003) auf 60,1 Prozent (2023). Angestellte sind damit mittlerweile auch in den Gewerkschaften in der Mehrheit. Der Anteil der Beamten an allen Gewerkschaftsmitgliedern stieg von 12,6 Prozent im Jahr 2003 auf 17,0 Prozent im Jahr 2023.

Beschäftigten- und Gewerkschaftsstruktur im Vergleich

Ob diese Verschiebung eine erfolgreiche Erschließung wachsender Beschäftigtengruppen widerspiegelt, lässt sich aus der Mitgliederstruktur allein nicht ableiten. Aussagekräftig wird der Befund erst, wenn die Struktur der Mitglieder der Struktur aller abhängig Beschäftigten gegenübergestellt wird (Biebeler/Lesch, 2015; Dieke/Lesch, 2017; Eckle, 2025). Dieser Vergleich offenbart, dass die Gewerkschaftsstruktur in beiden betrachteten Jahren von der Beschäftigtenstruktur abweicht.

Bereits 2003 machten Angestellte 57,3 Prozent der abhängig Beschäftigten aus, während ihr Anteil unter den abhängig beschäftigten Gewerkschaftsmitgliedern dagegen nur bei 41,0 Prozent lag. Im Jahr 2023 entfielen 73,4 Prozent der abhängig Beschäftigten, aber nur 60,1 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder auf Angestellte. Die mittlerweile mit Abstand größte Beschäftigtengruppe ist damit weiterhin in den Gewerkschaften unterrepräsentiert. Der Organisationsgrad der Angestellten sank zwischen 2003 und 2023 von 14,0 auf 12,3 Prozent und lag damit in beiden Jahren unter dem Organisationsgrad aller abhängig Beschäftigten, der von 19,8 auf knapp 15 Prozent zurückging.

Arbeiter waren in beiden Jahren überrepräsentiert. Im Jahr 2003 stellten sie 36,1 Prozent der abhängig Beschäftigten, aber 46,5 Prozent der abhängig beschäftigten Gewerkschaftsmitglieder. 2023 waren es nur noch 19,1 Prozent der abhängig Beschäftigten gegenüber 23,0 Prozent der Mitglieder. Ihr Organisationsgrad sank von 25,2 Prozent im Jahr 2003 auf 18,1 Prozent im Jahr 2023 und ging damit stärker zurück als in den beiden anderen Gruppen, blieb aber weiterhin auf einem höheren Niveau als bei den Angestellten.

Auch die Beamten waren sowohl 2003 als auch 2023 in den deutschen Gewerkschaften überrepräsentiert. Im Jahr 2003 waren 6,6 Prozent der abhängig Beschäftigten, aber 12,6 Prozent der abhängig beschäftigten Gewerkschaftsmitglieder Beamte. Im Jahr 2023 waren es 7,5 Prozent der abhängig Beschäftigten gegenüber 17,0 Prozent der Mitglieder. Sie erreichten in beiden Jahren den höchsten Organisationsgrad. Im Jahr 2003 lag der Organisationsgrad der Beamten bei 37,7 Prozent und im Jahr 2023 bei 34,0 Prozent.

Fazit

Der Vergleich der Jahre 2003 und 2023 zeigt, dass sich der Wandel der Beschäftigtenstruktur hin zur Dienstleistungs- und Angestelltengesellschaft auch in der Mitgliederstruktur der Gewerkschaften niederschlägt: Angestellte haben die Arbeiter als größte Gruppe unter den Gewerkschaftsmitgliedern abgelöst. Trotz ihres gestiegenen Anteils an allen Gewerkschaftsmitgliedern blieben Angestellte im Vergleich zu ihrem Beschäftigtenanteil jedoch unterrepräsentiert. Die Arbeiter haben ihre einstige Stellung als Kernklientel der Gewerkschaften zu einem erheblichen Teil eingebüßt. Zugleich ging der Organisationsgrad zwischen 2003 und 2023 in allen drei Gruppen zurück. Dieser Rückgang war bei den Angestellten schwächer als bei den Arbeitern und Beamten.

Insbesondere die Frage, wie sich die Gruppe der Angestellten stärker in die gewerkschaftliche Mitgliederbasis einbinden lässt, dürfte daher für die künftige Entwicklung des gewerkschaftlichen Organisationsgrads in Deutschland von zentraler Bedeutung bleiben. Mit der Verbesserung der steuerlichen Absetzbarkeit des Gewerkschaftsbeitrags hat die Bundesregierung bereits eine Maßnahme umgesetzt, mit der die Beitrittsbereitschaft gesteigert werden soll. Die im Koalitionsvertrag vorgesehene Schaffung eines digitalen Zugangsrechts von Gewerkschaften in die Betriebe (CDU/CSU/SPD, 2025, 19) zielt ebenfalls darauf ab, die Mitgliedergewinnung zu stärken. Offen bleibt jedoch, ob solche Maßnahmen vor allem die weiterhin geringere Beitrittsneigung unter den Angestellten verbessern können.
 

DOI: 10.67087/19.21593

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Lennart Eckle Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

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