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IW-Kurzbericht Nr. 42 7. Mai 2025 Knut Bergmann / Matthias Diermeier / Jan Engler / Melinda Fremerey Lokale Präsenz von Parteien: ein Ost-West-Gefälle?

Die Zugewinne der AfD bei der Bundestagswahl waren enorm. Im Osten fiel ihr Stimmenanteil fast doppelt so hoch aus wie im Westen. Das zeigt sich auch in der regionalen Verteilung der Anlaufstellen der Partei: Während bei Union, SPD, Grüne und FDP etwa 90 Prozent der Partei-Anlaufstellen im Westen liegen, befindet sich fast die Hälfte der AfD-Standorte im Osten.

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Lokale Präsenz von Parteien: ein Ost-West-Gefälle?
IW-Kurzbericht Nr. 42 7. Mai 2025 Knut Bergmann / Matthias Diermeier / Jan Engler / Melinda Fremerey

Lokale Präsenz von Parteien: ein Ost-West-Gefälle?

Knut Bergmann / Matthias Diermeier / Jan Engler / Melinda Fremerey Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Die Zugewinne der AfD bei der Bundestagswahl waren enorm. Im Osten fiel ihr Stimmenanteil fast doppelt so hoch aus wie im Westen. Das zeigt sich auch in der regionalen Verteilung der Anlaufstellen der Partei: Während bei Union, SPD, Grüne und FDP etwa 90 Prozent der Partei-Anlaufstellen im Westen liegen, befindet sich fast die Hälfte der AfD-Standorte im Osten.

Im Westen entfällt auf die AfD lediglich ein Anteil von 3 Prozent aller Partei-Anlaufstellen, im Osten dagegen 17 Prozent. Präsent vor Ort ist die AfD zudem auf andere Art als andere Parteien.

Parteibüros und Geschäftsstellen dienen als wichtige Anlaufstellen – sowohl für die organisatorische Planung des Wahlkampfs als auch für eine personelle örtliche Verankerung und Nähe zu den Bürgern. Vor dem Hintergrund, dass die Demokratie unter der Schwäche der Parteien leidet, die sich in einer geringen und abnehmenden Bindung zwischen Politik und Bürgern manifestiert, könnte die lokale Verankerung von Parteien diesem Trend entgegenwirken. Der konkrete Einfluss der lokalen Präsenz von Parteien auf Kommunikation und Wählerzuspruch ist jedoch noch nicht umfassend erforscht. Eine offizielle Statistik zur Zahl und geographischen Verteilung von Partei-Anlaufstellen existiert nicht. Zur Ermittlung der lokalen Präsenz der Parteien wurden daher alle in Google als „Politische Parteien“ gekennzeichneten Orte extrahiert, zum Teil manuell ergänzt und den Parteien zugeordnet (siehe Methodik). Mit diesem Vorgehen wurden für das Jahr 2023 insgesamt 9.337 Anlaufstellen der damals im Deutschen Bundestag vertretenden Parteien ermittelt. Bei den Daten zur Linken ist zu berücksichtigen, dass sich die Fraktion im Deutschen Bundestag Ende 2023 aufgelöst hat und einige MdBs zum BSW übergetreten sind. Die vorliegenden Daten können daher nur sehr bedingt im Hinblick auf die aktuelle Präsenz der Partei Die Linke in der Fläche interpretiert werden. Generell muss berücksichtigt werden, dass sobald eine Partei aus einem Landtag ausscheidet, dies unmittelbare Auswirkungen auf ihre lokale Verankerung in dem jeweiligen Bundesland hat.

Wo sind Parteien für Bürger präsent? 

Sowohl die historisch bedingt schwächer verankerte Zivilgesellschaft in der ehemaligen DDR als auch die Bevölkerungsabwanderung nach der Wiedervereinigung haben dazu beigetragen, dass die Dichte an Institutionen und Organisationen wie Kirchen Vereinen und Stiftungen aber auch Betriebsräten in Ostdeutschland bis heute geringer ist (Mau, 2024). Ein ähnliches Muster zeigt sich in der Mitgliederstruktur der etablierten Parteien: Obwohl bei der Bundestagswahl 2021 17 Prozent aller Wahlberechtigten im Osten registriert waren, sind über 90 Prozent der CDU- und SPD-Mitglieder im Westen verortet. Im Gegensatz dazu ist knapp ein Viertel aller AfD-Mitglieder bei einer ostdeutschen Parteigeschäftsstelle gemeldet. Während SPD, CDU, FDP und Linke in Ost- und Westdeutschland sowie die Grünen im Osten im Jahr 2023 im Vergleich zum Vorjahr Mitglieder verloren haben, hat die AfD in beiden Landesteilen jeweils mehr als ein Drittel gewonnen. Damit übertrifft die Mitgliederzahl der AfD im Osten Deutschlands erstmals die der FDP. Dennoch hat die AfD dort insgesamt nur halb so viele Mitglieder wie die SPD und lediglich ein Drittel der Mitglieder der CDU (Niedermayer, 2024).

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Auch die Verteilung der Anlaufstellen auf Ost und West variiert zwischen den Parteien erheblich: Mit über 3.000 Standorten betreiben Union und SPD mit Abstand die meisten dieser Büros. Aufgrund der hohen Gesamtzahl können die ehemaligen Volksparteien in vielen Gemeinden den Bürgern vor Ort ein Präsenzangebot machen und stellen gemeinsam im Westen über 70 Prozent aller Präsenzen, im Osten sind es gut 50 Prozent. Obwohl die AfD bundesweit die wenigsten Standorte unterhält und insgesamt nur über etwa halb so viele Partei-Anlaufstellen wie die FDP oder Grünen verfügt, hat sie im Osten mehr Anlaufstellen als FDP und Grüne zusammen. Im Gegenzug haben FDP und Grüne im Westen jeweils mehr als dreimal so viele Standorte wie die AfD. Der parteipolitische Fokus auf den Osten ist bei der AfD sogar stärker ausgeprägt als bei der Linken. Fast die Hälfte aller Partei-Anlaufstellen der AfD sind in Ostdeutschland angesiedelt (45 Prozent), bei der Linken – der ostdeutschen Traditions- und Kümmererpartei mit traditionell starker Verankerung in der Fläche – war es gut ein Drittel (36 Prozent). Während nur 3 Prozent aller Partei-Anlaufstellen im Westen von der AfD sind, stellt sie im Osten 17 Prozent aller Partei-Standorte. 

Im Westen konzentriert sich die AfD vor allem auf große Städte und dicht besiedelte Regionen mit einer vergleichsweise jungen, wachsenden Bevölkerung. Im Osten hat sie einen starken Fokus auf den ländlichen Raum und verfügt dort über fast ebenso viele Standorte wie die SPD, obwohl diese bundesweit mehr als sechs Mal so viele Anlaufstellen aufweisen kann wie die AfD. 

Auffällig ist, dass Gemeinden mit AfD-Präsenz im Durchschnitt in ihrer Bevölkerung schrumpfen, während Gemeinden mit Standorten anderer Parteien durchschnittlich ein geringes Bevölkerungswachstum verzeichnen. 2023 gab es bundesweit 50 Gemeinden, in denen keine andere im Bundestag vertretene Partei außer der AfD eine Anlaufstelle hatte. 18 dieser Gemeinden liegen im Osten; sie weisen einen Bevölkerungsrückgang in den letzten zehn Jahren von bis zu 10 Prozent auf. Insbesondere in Regionen mit einer schwierigen demographischen Situation ist der ökonomische Pessimismus stark ausgeprägt: hier unterschätzen 80 Prozent der Befragten im Osten die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Region – im Westen sind es nur 51 Prozent. Dadurch gelingt es den politischen Rändern besonders im Osten, Anhänger – mehr als 10 Prozentpunkte über ihrem Bundesdurchschnitt – zu mobilisieren (Diermeier et al., 2024).

Wirkung von Partei-Anlaufstellen

Die Standortwahl von Parteien ist ein offenes Forschungsthema. Es ist unklar, ob Parteien überhaupt einer klaren Strategie bei der Wahl ihrer lokalen Präsenz folgen. Denkbar wäre, dass sie Anlaufstellen anbieten, um ihre bestehenden Wähler vor Ort zu mobilisieren und ihr Wählerpotenzial zu stärken oder gezielt neue, bislang unerschlossene Wählerschichten zu gewinnen. 

Ein Blick auf die Partei-Anlaufstellen in Verbindung mit den Bundestagswahlergebnissen von 2021 zeigt unterschiedliche Zusammenhänge je nach Partei. Ein auffälliges Muster lässt sich bei der AfD beobachten: In vielen Gebieten, in denen die Partei hohe Stimmenanteile erzielte, existiert keine lokale Präsenz. Besonders deutlich wird dies in den stimmstärksten Gemeinden der AfD mit Ergebnissen von über 40 Prozent. In diesen 90 überwiegend peripheren Gemeinden, die sämtlich in Ostdeutschland liegen, betrieb weder die AfD, noch eine andere Partei eine Anlaufstelle. Ein möglicher Erklärungsfaktor für die Abwesenheit aller Parteien könnte in der geringen Einwohnerzahl der entsprechenden Gemeinden (weniger als 4.200 Menschen) zu suchen sein.  

Der Befund einer hohen Wählerzustimmung ohne lokale Verankerung der AfD wurde bei der Bundestagswahl 2025 bestätigt: In 563 Wahlkreisen oder Gemeindeverbänden, also größeren Gebietseinheiten als Gemeinden, erreichte die AfD einen Stimmenanteil von über 40 Prozent; sie liegen alle im Osten (ZEIT ONLINE, 2025). In 493 dieser Regionen existiert keine Anlaufstelle der AfD, während andere Parteien dort zum Teil vertreten sind. Allerdings vermag die AfD ihre Klientel auf Kanälen zu adressieren, die ihre Konkurrenten nicht gleichermaßen erfolgreich bespielen, v.a. Social Media, aber auch mobile Bürgerbüros. Auch im Kontakt mit ihren Anhängern funktioniert die AfD anders als andere Parteien – was sich in der seit Jahren anhaltenden Diskussion, ob sie mehr Partei oder mehr Bewegung ist, widerspiegelt.  
 

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