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Jürgen Matthes / Samina Sultan / Clemens Issig / Laurens Wünsch IW-Report Nr. 58 17. November 2025 Zur Umlenkung chinesischer Exporte nach Deutschland

In diesem vom Auswärtigen Amt geförderten Report wird eine neue Methodik für ein IW-Monitoring hoher Importanstiege aus China und möglicher Umlenkungseffekte aus China nach Deutschland aufgrund der hohen US-Zölle auf chinesische Importe entwickelt.

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Jürgen Matthes / Samina Sultan / Clemens Issig / Laurens Wünsch IW-Report Nr. 58 17. November 2025

Zur Umlenkung chinesischer Exporte nach Deutschland

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Jürgen Matthes / Samina Sultan / Clemens Issig / Laurens Wünsch Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

In diesem vom Auswärtigen Amt geförderten Report wird eine neue Methodik für ein IW-Monitoring hoher Importanstiege aus China und möglicher Umlenkungseffekte aus China nach Deutschland aufgrund der hohen US-Zölle auf chinesische Importe entwickelt.

Sie hat erstens das Ziel, ungewöhnliche Anstiege der deutschen Einfuhr aus China auf Ebene disaggregierter Warengruppen zu ermitteln. Zweitens wird ein Umlenkungsverdacht chinesischer Produkte aus den USA geprüft, indem eine Schnittmenge gebildet wird zwischen Warengruppen auf der 6-Steller-Ebene mit einem Rückgang der US-Importe aus China und zugleich einem ungewöhnlich ungewöhnlichen Anstieg der deutschen Einfuhren aus China. Der Fokus der Betrachtung liegt auf dem zweiten Quartal 2025, in dem die US-Zölle auf China zeitweise prohibitiv hoch waren.

Bei der Analyse von deutschen Importanstiegen aus China werden Einfuhrmengen betrachtet, da Preissenkungen, die Teil der Absatzstrategie chinesischer Firmen sein können, zu einer Verminderung des Einfuhrwerts führen. Folglich würde eine wertmäßige Betrachtung den Anstieg des Importdrucks unterschätzen. Da nicht klar definiert ist, was einen ungewöhnlichen Anstieg ausmacht, wird die aktuelle Mengenzuwachsrate gegenüber dem Vorjahr verglichen mit den Veränderungsraten der Jahre 2010 bis 2024. Zudem werden verschiedene Kriterien für Ungewöhnlichkeit verwendet. Tabelle 4-1 gibt einen Überblick über die Ergebnisse dieser Analyse und zeigt, dass der Importdruck aus China aktuell stark gestiegen ist. Sie stellt dar, auf wie viele 6-Steller-Warengruppen verschiedene kombinierte Zuwachskriterien zutreffen. Beispielsweise beträgt der Anstieg der deutschen Einfuhrmenge aus China im zweiten Quartal (Q2) 2025 gegenüber dem zweiten Quartal 2024 bei 2.241 Warengruppen (von über 4.250 Warengruppen mit Importangaben in Q2-2025) mindestens 10 Prozent. Deren summierter Importwert macht erhebliche 61 Prozent des gesamten deutschen Einfuhrwerts aus China in Q2-2025 aus, der durchschnittliche Preis dieser Warengruppen ging um über 5 Prozent zurück. Einfuhrmengenzuwächse von mindestens 10 Prozent, bei denen das Wachstum zudem größer als der Median der Veränderungsraten der Vorjahre ab 2010 ist, sind bei 2.029 Warengruppen zu finden. Auf sie entfällt ein nur wenig geringerer Anteil an den Gesamteinfuhren aus China von 57 Prozent. Selbst bei einem Einfuhrmengenwachstum von mindestens 50 Prozent (und größer als der Median der Vorjahre) stehen die betreffenden Warengruppen noch für 22 Prozent des gesamten deutschen Einfuhrwertes aus China.

Zur Identifizierung von Umlenkungseffekten werden Überschneidungs-Warengruppen identifiziert, für die die beiden folgenden Kriterien gelten: ein absoluter oder relativer Rückgang der US-Importe aus China im ersten Halbjahr (H1) 2025 im Vorjahresvergleich sowie ein hoher oder ungewöhnlicher Anstieg der deutschen Einfuhrmenge aus China im zweiten Quartal 2025 im Vorjahresvergleich. Durch die leichte zeitliche Versetzung (H1 gegenüber Q2) wird berücksichtigt, dass ein gewisser zeitlicher Vorlauf plausibel ist, bevor chinesische Waren von den USA nach Deutschland umgelenkt werden. Eine so identifizierte Überschneidung begründet einen Umlenkungsverdacht. Ein kausaler Zusammenhang zwischen einem Rückgang der US-Einfuhr und einem deutschen Einfuhranstieg aus China wird dabei nicht geprüft.

In der Gesamtschau auf alle Warengruppen besteht ein Umlenkungsverdacht häufig. So entfällt etwas mehr als die Hälfte des gesamten deutschen Einfuhrwerts in Q2-2025 aus China auf über 1.500 Überschneidungs-Warengruppen. Für diese Überschneidungsgruppen gilt: Die deutsche Einfuhrmenge aus China stieg in Q2-2025 mit mindestens 10 Prozent vergleichsweise stark und die US-Importe aus China in H1-2025 gingen absolut oder relativ zurück. Bezogen auf den Einfuhrwert bestehen bei erheblichen rund 85 Prozent aller Warengruppen mit einem 10-prozentigen Einfuhrmengenanstieg Überschneidungen und damit ein Umlenkungsverdacht. Diese Aussagen beziehen sich allerdings teilweise auch auf konsumnahe Produkte wie Textilien und Spinnstoffe, die nicht zu den Kernbereichen der deutschen Industrie gehören.

Doch wenn auf die Kernbereiche der deutschen Industrie wie Chemie, Elektroindustrie, Maschinen- und Fahrzeugbau fokussiert wird, sind mögliche Umlenkungseffekte ebenfalls verbreitet. Sie lassen sich bei der erwähnten 10-Prozent-Schwelle für 910 Überschneidungs-Warengruppen identifizieren, die für rund 39 Prozent des gesamten deutschen Einfuhrwerts aus China stehen. Überschneidungen kommen auch hier oft vor, ein Rückgang der US-Importe aus China liegt wertmäßig für rund zwei Drittel aller Warengruppen mit einem 10-prozentigen deutschen Einfuhrmengenanstieg aus China vor. In diesen Kernbereichen der deutschen Industrie dürfte die deutsche Wirtschaft in vielen Warengruppen produzieren, aber es gehören auch solche dazu, in denen China gerade im Elektronikbereich bekanntermaßen stark spezialisiert ist.

Daher werden zudem die exportorientierten Kernbereiche der deutschen Industrie betrachtet, indem auf jene Warengruppen aus dem Kernbereich der Industrie fokussiert wird, bei denen Deutschland im Gesamthandel mindestens so viel exportiert wie importiert. Weil dabei Produkte herausfallen, in denen Deutschland gerade im Elektronikbereich stark aus China importiert und selbst keine ausgeprägte Exportstärke hat, verringert sich die Anzahl der Überschneidungs-Warengruppen gemessen an der 10-Prozent-Schwelle auf 579 und deren summierter Anteil an der Gesamteinfuhr aus China auf 11 Prozent. Überschneidungen von US-Einfuhrrückgängen mit deutschen Einfuhrmengenanstiegen kommen hier ebenfalls weniger oft vor, sie sind mit knapp 20 Prozent aber immer noch in relevantem Ausmaß zu verzeichnen.

Auch der genauere Blick auf eine kleine Auswahl einzelner Überschneidungs-Warengruppen im exportorientierten Kernbereich der Industrie zeigt die Brisanz möglicher Umlenkungseffekte für die deutsche Wirtschaft. Dazu werden für die Einfuhrmengenzuwachs-Schwellenwerte von 10 Prozent und 50 Prozent jeweils die 30 wertmäßig wichtigsten der Überschneidungs-Warengruppen genauer betrachtet. 

  • Der Umlenkungsverdacht ist in beiden Fällen groß, da bei jeweils knapp zwei Drittel der 30 Überschneidungs-Warengruppen zweistellige Veränderungsraten sowohl bei dem US-Einfuhrrückgang also auch beim deutschen Einfuhrmengenanstieg aus China zu verzeichnen sind. 
  • Bei der 10-Prozent-Schwelle finden sich unter den wertmäßig wichtigsten Überschneidungs-Warengruppen vor allem Produkte aus den Bereichen Straßenfahrzeuge, Maschinenbau und elektrische Ausrüstungen, in denen Deutschland traditionell ausgeprägte Stärken hat. 
  • Bei der 50-Prozent-Schwelle ist der Zuwachs der deutschen Einfuhrmenge bei mehr als einem Drittel der 30 Fälle sogar dreistellig, was einen sehr stark steigenden Importdruck widerspiegelt. Unter den 30 Überschneidungs-Warengruppen ist der Maschinenbau weniger stark vertreten, dagegen Kunststoffe und Waren daraus relativ mehr. Besonders prominent in dieser Liste kommen Straßen- und Landfahrzeuge vor, sie belegen die ersten drei Plätze und fünf unter den ersten zehn Rängen. Besonders ins Auge fallen Hybrid-Pkws auf den Rängen 2 und 3, E-Lkws sowie mehrere Arten von Autoteilen. 

Es bedarf eines regelmäßigen Monitorings von Importanstiegen aus China und möglichen Umlenkungseffekten, um betroffene und möglicherweise durch unfaire Konkurrenz bedrohte Industriebereiche zeitnah identifizieren zu können. Handelsschutzinstrumente sollten konsequent genutzt werden, wenn Wettbewerbsverzerrungen nachweisbar sind und europäische Produktion in nennenswertem Umfang betroffen ist. Zudem ist dringend nach Wegen zu suchen, die Anwendung dieser Instrumente einfacher, effizienter und in der Wirkungsbreite effektiver zu machen. Dagegen ist bei Buy-European-Regelungen Vorsicht angebracht.

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