Übermächtig wirkende Angst macht risikoavers (Charpentier et al., 2017). Die Verunsicherung der Menschen wird in den leergefegten Supermarktregalen sichtbar. Eine derzeit äußerst populäre psychologische Studie sagte ein solches Szenario bereits vor dem Corona-Ausbrauch hervor: So resultiert ein gefühlter Kontrollverlust in einem Kaufimpuls nach Produkten, die dem Betroffenen das Gefühl geben, wieder Herr oder Frau der Lage zu werden. Die Autoren prophezeiten explizit eine höhere Nachfrage nach Haushalts- und Hygieneprodukten. Auch wenn so nicht unbedingt die Ursache des Kontrollverlustes angegangen wird, erfüllen solche Produkte schlichtweg ihren Zweck und vermögen Sicherheit zu geben (Chen at al., 2017). Nicht zuletzt der aus den USA vermeldete Anstieg der Waffenverkäufe deutet auf die Bedeutung eines solchen Erklärungsmusters hin. Die Google-Suchanfragen nach Stichwörtern wie „firearms“ hat sich Anfang März 2020 in den USA sprunghaft verdoppelt – zu „ammunition“ sogar vervierfacht.

Die Konsumforschung zeigt, Angst und Kontrollverlust sind plausible Gründe für spontane Kaufimpulse, die Käufer von passiv Betroffenen wieder zu aktiven Akteuren werden lassen. Im politischen Kontext wurden Fragen des Kontrollverlustes zuletzt insbesondere mit Blick auf die erstarkenden Rechtspopulisten virulent. Tatsächlich wird in der Forschung prominent vorgebracht, Angst sei das entscheidende Merkmal des rechtspopulistischen Politikangebotes (Wodak, 2015). Immer wieder wird Angst vor Migration, Kriminalität und wirtschaftlichen Disruptionen als „bottle opener“ rechter Parteien angeführt. Sich unter einen autoritären „Law and Order“ Politiker unterzuordnen, der ein Gefühl von Selbstbestimmtheit zu vermitteln weiß, wird weithin als eines der Hauptcharakteristika rechtspopulistischer Parteien angesehen (Mudde, 2007).

Mit „Take back Control“ hat die Leave-Kampagne das Brexit Referendum gewonnen. Donald Trumps „Make America Great Again“ mobilisierte den Wunsch, die USA möge in Anbetracht des chinesischen Aufstiegs wieder selbst das Heft des Handelns in die Hand nehmen. Und auch der Anhängerschaft der AfD wurde ein besonderes Gefühl des Ausgeliefertseins bescheinigt. Trotz enormer sozio-ökonomischer Unterschiede zwischen AfD-Anhängern, sind diese durch „diffuse Sorgen“ um einen Kontrollverlust miteinander verbunden – mit Blick auf sich selbst ebenso wie auf den deutschen Staat (Bergmann at al., 2017).
In der Corona-Krise scheinen Sorgen nun weniger diffus als vielmehr sehr konkret und nahbar. Bilder aus italienischen Krankenhäusern in den Medien und sozialen Netzwerken machen die Bedrohung real. Die globale Vernetzung wird zu einem Katalysator der um sich greifenden Verunsicherung, die ein internationales Herdenverhalten zu erklären vermag. Waffen und Toilettenpapier mögen eine Medaillenseite der gestiegenen Risikoaversion darstellen; politisch gespiegelt wird die Verunsicherung in einem Ruf nach starker Führung. Die aktuelle Krise scheint demnach ein fruchtbarer Nährboden für rechtspopulistische Parteien zu sein: Ein schwaches Krisenmanagement der Europäischen Union, hohe Verunsicherung, ein Gefühl der entgleitenden Kontrolle und starke Bilder, die sich instrumentalisieren lassen.