Auch wenn Industriebetriebe im Frühjahr 2020 nicht aufgrund staatlicher Vorgaben geschlossen werden mussten, standen wichtige Teile mit dem ersten Lockdown still. Insgesamt sank die Produktion zwischen Februar und April letzten Jahres um 29,4 Prozent. Vor allem die für die deutsche Volkswirtschaft so bedeutende Autoindustrie (Puls/Fritsch, 2020) stand nach einem Minus von 74 Prozent praktisch still, gleiches galt für das Gastgewerbe. Dem Absturz folgte eine zügige Erholung. Bis zum Jahresende 2020 konnte das Vorjahresniveau in der Industrie fast wieder erreicht werden, während das Gastgewerbe bereits unter dem zweiten Lockdown litt. Im Dezember 2020 lag die Industrieproduktion nur noch um gut 4 Prozent unter dem Jahresdurchschnitt 2019. Für das gesamte Jahr 2020 ergibt sich für die Industrie unter dem Strich ein Minus von 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Produktionslücke zum Jahr 2018 beläuft sich allerdings noch auf 14 Prozent.

Bis aber alle aufgerissenen Lücken geschlossen sind, wird noch einige Zeit ins Land gehen. Immerhin rechneten im November 2020 die Hälfte der Industriefirmen noch für das Jahr 2022 mit Produktionsrückständen (Bardt/Grömling, 2021). Die aktuelle Krise der Volkswirtschaft durch die zweite Corona-Welle mit einem Lockdown von mittlerweile schon vier Monaten wird die Wachstumsaussichten der Industrie nicht stärken, auch wenn sie bisher recht unbeschadet durch die Krise zu gehen scheint. Doch die oberflächliche Stabilität darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich eine Vielzahl von Risiken auf der Angebots- und Nachfrageseite angesammelt hat, die kurzfristig zu erheblichen Problemen und Rückschlägen führen können.

  • Bisher gut verkraftet wurden Quarantäne, Schulschließungen und Ausfall anderer Betreuungsmöglichkeiten. Die Sorge, der Ausfall von Mitarbeitern könnte die Industrieproduktion in Mitleidenschaft ziehen, hat sich nicht bestätigt.
  • Auch die Erreichbarkeit der Betriebe konnte sichergestellt werden. Eine erhebliche Einschränkung des ÖPNV würde dies aber gefährden.
  • Ebenso sind die Lieferketten und die Wertschöpfungsketten weiterhin intakt. Während im Frühjahr internationale Zulieferer ausgefallen sind, konnten die Produktionsverbünde im Winter aufrechterhalten werden. Voraussetzung dafür ist aber eine positive Entwicklung der Corona-Fallzahlen bei den europäischen Handelspartnern.
  • Die Schließung des Handels bringt ebenfalls Produktionsrisiken mit sich. Nach einiger Zeit werden die Güter nicht mehr hergestellt, die auch nicht verkauft werden müssen. Geschlossene Autohäuser waren Teil der Industrie-Krise im Frühjahr 2020.
  • Eine massive Bedrohung mit kurzfristig möglichen Konsequenzen für die industrielle Wertschöpfung liegt in der Schließung der europäischen Grenzen. Ohne den störungsfreien Warentransport kann keine moderne Just-in-Time- oder Just-in-Sequence-Produktion aufrechterhalten werden. Dabei reicht es nicht aus, dass die Güter die Grenze überqueren können. Auch Fahrer und Schiffsführer müssen ohne lange Verzögerungen an den Grenzen einreisen und sich lange genug in den Zielländern aufhalten dürfen. Schon heute wird der andauernde Ausfall von Dienstreisen als Hemmnis für Kundenbindung, Geschäftsanbahnung und Dienstleistungserbringung gesehen. Die aktuell drohenden Werksschließungen durch den eingeschränkten Grenzverkehr mit Tschechien ist ein akutes Warnsignal.
  • Zusätzliche Probleme sind in der internationalen Logistik entstanden. Ausgefallene Lieferungen des letzten Jahres werden nun nachgeholt. Der schnelle Aufschwung der Wirtschaft im zweiten Halbjahr hat die Nachfrage nach internationalen Transportdienstleistungen weiter gesteigert. Inzwischen sind Schiffskapazitäten knapp und teuer geworden, was die weitere Expansion von Güterhandel- und Produktion bremst. Der Rückgang der Charterpreise im ersten und zweiten Quartal von 23 beziehungsweise 30 Prozent wurde schon im dritten Quartal überkompensiert. Seitdem zeigte die Preisentwicklung weiter nach oben und liegt jetzt 32 Prozent über dem Wert von Anfang 2020.
  • In der Automobilindustrie ist ein zusätzliches kurzfristiges Problem virulent geworden. So fehlt es an Halbleitern, um den Bedarf durch die überraschend starke und schnelle Erholung der Automobilproduktion zu decken. Kurzfristig mangelt es an verfügbaren Angeboten, die Kapazitäten sind für andere Produkte eingeplant. Stockende Produktion durch fehlende Teile und drohende Ausfälle gefährden die Erholung dieser Schlüsselbranche.