Die Energiewende stellt für die Immobilienbranche eine historische Herausforderung dar, die eines umfangreichen Engagements von Gebäudeeigentümern und -nutzern sowie politischen Akteuren bedarf. Nach dem im Jahr 2010 von der Bundesregierung vorgelegten Energiekonzept soll der deutsche Gebäudebestand bis zum Jahr 2050 annähernd klimaneutral gestaltet sein (BMWi/BMU, 2010). Das Ziel hat sich seither nicht geändert – anders als die politischen Instrumente zur Umsetzung dieses Ziels und damit die Rahmenbedingungen für die Gebäudeeigentümer und Investoren. Momentan entfallen auf den Gebäudesektor bis zu 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs und etwa 30 Prozent der Treibhausgasemissionen (BMWi, 2014a). Damit gilt der Gebäudesektor als zentraler Schlüssel einer modernisierten Energieversorgung, ohne den eine Dekarbonisierung insgesamt nicht erreicht werden kann (BMUB, 2016). So kann beispielsweise Strom, der zukünftig verstärkt aus erneuerbaren Energiequellen stammen wird, im Gebäudesektor zum Heizen genutzt und gespeichert werden.

Gegenwärtig bleiben jedoch viele Maßnahmen und Investitionen zur Verbesserung der Energieeffizienz im Gebäudebestand aus, sodass sich die ehrgeizigen Zielvorgaben kaum erreichen lassen. So ist der Anteil energetischer Modernisierungsleistungen an den gesamten Bauleistungen im Bestand rückläufig. Er sank von 32,5 Prozent im Jahr 2010 auf 27,9 Prozent im Jahr 2015 (Gornig et al., 2016). In weiten Teilen der Bevölkerung scheint sich zudem ein gewisser Attentismus breitzumachen, da sich die gesetzlichen Vorgaben, Förderbedingungen und politischen Ankündigungen laufend ändern und eine Verunsicherung hinsichtlich der Wirksamkeit und Vorteilhaftigkeit einer nachträglichen Wärmedämmung besteht (Henger et al., 2015).

Besonders hemmend wirkt sich der Streit um eine mögliche steuerliche Förderung von energetischen Gebäudesanierungen aus: Bereits zweimal wurde die steuerliche Förderung aufgrund ungeklärter Finanzierungsfragen zwischen Bund und Ländern nicht umgesetzt, obwohl sie vom Bundestag beschlossen (im Jahr 2011) und im Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz (BMWi, 2014b) von der Regierungskoalition vereinbart wurde. Die Folge ist, dass Gebäude eigentümer keine hinreichende Motivation haben, in Maßnahmen der energetischen Gebäudesanierung zu investieren – selbst wenn die notwendigen finanziellen Mittel vorhanden sind und die Wirtschaftlichkeit der Maßnahmen teilweise gegeben ist. Der 2016 von der Bundesregierung gemeinsam mit Verbänden und Kommunen erarbeitete „Klimaschutzplan 2050“ (BMUB, 2016) verspricht hier Besserung. Sein umfangreicher Maßnahmenkatalog wird in den nächsten Jahren jedoch, da es auch bei ihm an der Umsetzung hapert, allenfalls als Rahmengeber fungieren.

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat sich gemeinsam mit dem Volkswirtschaftlichen Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen in den vergangenen drei Jahren sehr intensiv mit den Fragen der Energiewende beschäftigt. Dabei wurde ein besonderer Fokus auf die Rolle des Handwerks gelegt. Die vorliegende Analyse fasst die Kernergebnisse dieses Forschungsvorhabens zusammen, das von der Stiftung „bauen-wohnen-leben“ der Bausparkasse Schwäbisch Hall gefördert wurde. Sie erweitert die vorliegenden Arbeiten um einen Blick auf internationale Erfahrungen. Auf Basis der Forschungsergebnisse diskutiert die IW-Analyse viele Aspekte, Hemmnisse und Potenziale auf dem Weg zu einem nahezu klimaneutralen Gebäudebestand in Deutschland. Zunächst werden in Kapitel 2 die politische Zielsetzung und die gegenwärtige Situation im Hinblick auf die Bauleistungen und Gebäudestrukturen dargestellt. Kapitel 3 beschreibt die zentrale Rolle des Handwerks als Modernisierer und Vernetzer bei der Umsetzung von Effizienzmaßnahmen, die Energie- und Wärmeverluste vermeiden und den Einsatz erneuerbarer Energien zur Gewinnung von Strom und Wärme ermöglichen sollen. In Kapitel 4 werden die wichtigsten Bereiche vorgestellt, die für eine erfolgreiche Umsetzung der Energiewende im Gebäudesektor von Bedeutung sind. Hierzu zählen die Förderung, die Beratung, die steuerlichen Anreize, das Mietrecht und die Markttransparenz. Kapitel 5 richtet den Blick ins Ausland und zeigt anhand der Länder Irland, Schweden und Vereinigtes Königreich, mit welchen Strategien und Politikinstrumenten in verschiedensten Kombinationen international agiert wird, um eine Verringerung an Treibhausgasemissionen im Gebäudebestand zu erreichen. Kapitel 6 stellt schließlich die zentralen Ergebnisse und Schlussfolgerungen des Forschungsprojekts zusammenfassend dar und formuliert zehn konkrete Handlungsempfehlungen für Deutschland.