Die Anzahl der Erwerbstätigen, die ihren Lohn mit Bürgergeld aufstocken, ist gewachsen. Die größten Zuwächse gab es bei Ausländern und Auszubildenden. Dies legt nahe, dass der Anstieg auf eine bessere Integration von Zuwanderern in den Arbeitsmarkt zurückgeht.
Mehr Bürgergeld-Aufstocker: Ergebnis eines arbeitsmarktpolitischen Erfolges?
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Die Anzahl der Erwerbstätigen, die ihren Lohn mit Bürgergeld aufstocken, ist gewachsen. Die größten Zuwächse gab es bei Ausländern und Auszubildenden. Dies legt nahe, dass der Anstieg auf eine bessere Integration von Zuwanderern in den Arbeitsmarkt zurückgeht.
Die Anzahl der Erwerbstätigen, die ihren Lohn mit Bürgergeld aufstocken müssen, um den Bedarf ihres Haushaltes abzudecken, ist im Jahr 2024 erstmals seit langem wieder gestiegen. Zuvor ging sie stetig von 1,4 Millionen im Jahr 2010 auf unter 800.000 im Jahr 2023 zurück. Im vergangenen Jahr zeigt sich dagegen ein leichter Anstieg um rund 30.000 (Statistik der Bundesagentur für Arbeit, 2025). Kritiker sahen darin das Resultat unzureichender Löhne im unteren Lohnsegment.
Aufstocker sind meist teilzeitbeschäftigt ...
Der typische Aufstocker ist kein Vollzeitbeschäftigter, der aufgrund eines niedrigen Stundenlohns ergänzendes Bürgergeld benötigt. Die meisten sind vielmehr teilzeit- oder geringfügig beschäftigt und bessern ihr Bürgergeld mit einer Tätigkeit in geringem Umfang etwas auf. Dies ist nicht zuletzt das Resultat der Anreize, die durch den Erwerbsfreibetrag nach §11b des Sozialgesetzbuches 2 definiert werden. Diese haben zur Folge, dass die implizite Belastung durch den Wegfall des Bürgergeldanspruchs bei höheren Einkommen weit höher ausfällt als bei geringen Einkommen. Der Wechsel in eine Vollzeitbeschäftigung führt somit nur zu einem geringen Anstieg des verfügbaren Einkommens (Schäfer, 2019). Für viele sind das keine ausreichenden Anreize. Im Ergebnis sind lediglich rund 80.000 der 800.000 Aufstocker sozialversicherungspflichtig vollzeitbeschäftigt. Demgegenüber sind über 500.000 teilzeit- oder geringfügig beschäftigt.
... oder leben in größeren Haushalten
Von den rund 80.000 Vollzeitbeschäftigten leben zwei Drittel in Haushalten mit Kindern. In diesen Fällen spielt für das Vorliegen von Bedürftigkeit eine Rolle, dass der Bedarf des Haushaltes durch die höhere Anzahl der Haushaltsmitglieder erhöht ist. Damit ein Alleinverdiener den gesamten Bedarf eines größeren Haushaltes durch Erwerbseinkommen erwirtschaften kann, würden Stundenlöhne deutlich oberhalb des Mindestlohns benötigt. Lediglich 16.000 der vollzeitbeschäftigten Aufstocker sind alleinstehend. Doch selbst bei dieser Gruppe kann ein geringer Stundenlohn für die Bedürftigkeit nicht verantwortlich zeichnen. Denn wer 2025 zum Mindestlohn Vollzeit arbeitet, erzielt ein Nettomonatseinkommen von knapp 1.600 Euro und hat damit keinen Anspruch mehr auf Bürgergeld. Bedürftigkeit könnte in diesen Fällen zum Beispiel dadurch entstehen, dass die Erwerbstätigkeit im Berichtsmonat erst zu einem späteren Zeitpunkt entlohnt wird.
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Keine Frage des Stundenlohns
Vor diesem Hintergrund sind Zweifel angebracht, ob die Entwicklung der Anzahl der Aufstocker in einem engen Zusammenhang zur Lohnhöhe steht und etwa eine Erhöhung des Mindestlohns zu einer nennenswerten Verringerung der Anzahl führen könnte. Daher ist fraglich, ob der beobachtete Anstieg im Jahr 2024 von geringen Löhnen hervorgerufen wurde. Ein weiteres dagegensprechendes Indiz ist, dass der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnsektor von 16,3 Prozent 2023 auf 15,9 Prozent 2024 abgenommen hat (Statistisches Bundesamt, 2025).
Aufschluss über die Ursachen des Anstiegs im vergangenen Jahr kann – neben der Wirkung der ungewöhnlich hohen Anhebung der Regelsätze im Jahr 2024 – eine Betrachtung der Struktur der Veränderungen geben.
Mehr Ausländer und Auszubildende
Der Anstieg um rund 21.000 erwerbstätige Bürgergeld-Bezieher von November 2023 bis November 2024 geht ausschließlich auf eine erhöhte Anzahl Ausländer zurück (Grafik). Die Anzahl der Leistungsbezieher mit deutscher Staatsangehörigkeit sank dagegen um knapp 7.000. Differenziert nach der Arbeitszeit war die größte Bewegung bei den teilzeit- und geringfügig Beschäftigten zu verzeichnen. Auch hier stand ein deutlicher Zuwachs bei Ausländern einem Rückgang bei Deutschen gegenüber. Ein weiteres Segment mit einem deutlichen Zuwachs waren die Auszubildenden – hier unabhängig von der Nationalität.
Eine Erklärung für den Befund wäre, dass es 2024 in größerem Maße gelungen ist, Zuwanderer in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Da dies überproportional in Ausbildung oder Teilzeit erfolgte und die Zuwanderer darüber hinaus häufig in größeren Haushalten leben, führte dies zu der beobachteten Zunahme von Aufstockern. Sollte sich diese These bestätigen, würde der Anstieg kein sozialpolitisches Problem, sondern einen arbeitsmarktpolitischen Erfolg reflektieren.
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