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Martin Acht / Dominik Enste IW-Kurzbericht Nr. 63 26. September 2018 Sport und Demokratie: Warum die Türkei gute Chancen auf die EM 2024 hat

Die Spannung steigt kurz vor der Entscheidung der UEFA über die Vergabe der Fußballeuropameisterschaft 2024. Wenngleich die objektiven Kriterien für Deutschland als Ausrichter sprechen, legt ein Blick auf die Vergabepraxis der letzten Jahre eher einen Sieg der Türkei nahe.

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Warum die Türkei gute Chancen auf die EM 2024 hat
Martin Acht / Dominik Enste IW-Kurzbericht Nr. 63 26. September 2018

Sport und Demokratie: Warum die Türkei gute Chancen auf die EM 2024 hat

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Die Spannung steigt kurz vor der Entscheidung der UEFA über die Vergabe der Fußballeuropameisterschaft 2024. Wenngleich die objektiven Kriterien für Deutschland als Ausrichter sprechen, legt ein Blick auf die Vergabepraxis der letzten Jahre eher einen Sieg der Türkei nahe.

Denn die Vergabe sportlicher Großereignisse erfolgt immer öfter an autoritäre Ausrichterstaaten. Und dies, obwohl seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion der Anteil demokratischer Staaten weltweit auf einen Höchststand stieg und die Demokratie als Regierungsform immer weiter verbreitet ist (siehe Grafik).

Grundlage für die Analyse ist zum einen die Auswertung der Ausrichter von Fußballwelt- und Fußballeuropameisterschaften sowie der Olympischen Sommer- und Winterspiele als den größten Sportereignissen. Zum anderen wird ermittelt, wie demokratisch bzw. autokratisch die Staaten weltweit und die Ausrichter der Großereignisse sind. Um die Entwicklung zu zeigen, wird der Anteil demokratischer Staaten an den Gastgebern in Fünfjahreszyklen zusammengefasst. Als Grundlage für die Klassifizierung von Demokratien dient der weit verbreitete Polity 2 Index des Polity IV Projekts (Marshall et al., 2017). Auf einer Skala von -10 (stark autokratisch) bis 10 (stark demokratisch) misst er die institutionelle Qualität aller Länder. Ab einem Wert von 6 wird ein Land dabei als demokratisch bezeichnet. Für alle zukünftigen Veranstaltungen berücksichtigen wir die bereits feststehenden Gastgeberländer auf der Basis der aktuellen Polity 2 Werte.

Das zentrale Ergebnis: in den 90er Jahren und zu Beginn des neuen Jahrtausends waren alle Ausrichter von sportlichen Großereignissen demokratisch! Für den Zeitraum 2020-24 werden nach aktuellem Stand hingegen nur noch 60 Prozent der Gastgeberländer Demokratien sein. Der Demokratieindikator, basierend auf den durchschnittlichen Polity 2 Werten, veranschaulicht dies noch deutlicher: von einem Mittelwert von etwa 9,8 der demokratischen, institutionellen Qualität in den 90er Jahren sinkt der durchschnittliche Polity 2 Index auf nur noch 2 für die Ausrichter der Jahre 2020-24.

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Diese Entwicklung hat mehrere Gründe. An erster Stelle sind die Entscheidungsstrukturen der maßgeblichen Verbände (Europäischer Fußballverband UEFA, Fußball Weltverband FIFA sowie Internationales Olympisches Komitee IOC) zu nennen. Diese sind weitgehend intransparent und von kleinen Koalitionen geprägt (de Mesquita und Smith, 2012). Bei UEFA und FIFA (bis zur Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022, danach kam ein neues Verfahren zur Anwendung) entscheiden die Exekutivkomitees mit (zurzeit) 20 bzw. 25 Mitgliedern über die Vergabe, die von den Delegierten der Mitgliedsverbände gewählt werden. Beim IOC entscheidet die Vollversammlung mit 115 Mitgliedern, die ihre Zusammensetzung sogar selbst bestimmt. Die Vertreter unterliegen dabei keinerlei Rechenschaftspflichten. Ihr Ziel ist daher nicht zwingend, die Qualität der Veranstaltung zu erhöhen. Oftmals dominieren persönliche Ziele, wie individuelle Annehmlichkeiten oder zu verteilendes Geld (Zimbalist, 2016). Um viel mit den Veranstaltungen zu verdienen, lassen sich die Verbände weitreichende Garantien z.B. bzgl. Steuerbefreiung oder Markenrechten von den Ausrichterstaaten einräumen. Außerdem sind die Veranstaltungen immer größer geworden. Das führt zu explodierenden Kosten. Die letzten olympischen Winterspiele und die Fußballweltmeisterschaft jeweils in Russland waren beide die teuersten aller Zeiten. Diese Kosten sind deutlich leichter von autoritären Staaten zu tragen, da die jeweiligen Führungen nur begrenzt gegenüber der Bevölkerung bzw. den Steuerzahlern ihres Landes Rechenschaft über diese Ausgaben ablegen müssen. Verfallende Stadien und ungenutzte Sportstätten sorgen hier ebenfalls für weniger Unmut.

Weiterhin stellen die Funktionäre der Verbände in etwa einen Querschnitt der Mitgliedsländer dar. Diese sind überwiegend nicht korruptionsfrei (Transparency International, 2017). Da Korruptionsnormen aus den Heimatländern auch in neue Kontexte übernommen werden (Fisman und Miguel, 2007) erscheint es wenig überraschend, dass die Funktionäre anfällig für Korruption sind. Die Anfälligkeit ist angesichts ihrer diskretionären Entscheidungsgewalt über die Vergabe und der immer größeren finanziellen Anreize umso größer.

Der Sitz weitgehend aller Verbände in der Schweiz und deren Verfasstheit als Vereine nach Schweizerischen Zivilgesetzbuch bedingen nur geringe Kontrollen und erhöhen das Korruptionsrisiko weiter (Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestags, 2014). Die in den letzten Jahren aufgedeckten Korruptionsskandale im Zuge der Vergaben belegen dies exemplarisch.

Autoritären Staaten fällt es auch deutlich leichter, Korruptionszahlungen zu leisten. Einerseits ist das Korruptionsniveau dort per se schon deutlich höher, so dass Korruptionszahlungen weniger kritisch gesehen werden. Andererseits sind die nationalen Sportverbände meist staatlich kontrolliert und deren Führungen, die in den Gremien der internationalen Sportverbände sitzen, vielfach auch Teil der (meist korrupten) Machtelite des Landes. Und schließlich sind Korruptionszahlungen trotz ihrer Höhe deutlich günstiger als die Qualität der Bewerbung zu verbessern. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Vergabe in der Vergangenheit erfahrungsgemäß durch solche Zahlungen beeinflusst wurde.

Was kann nun getan werden, um diesen Trend aufzuhalten oder sogar umzukehren? Neben der generellen Bekämpfung der Korruption in den Ländern (vgl. Enste/Heldman, 2017) ist ein glaubwürdiger Wandel der Vergabekultur und -regelungen erforderlich, um den sich selbstverstärkenden Prozess zu stoppen. An erster Stelle steht eine Reform der Verbände und ihrer Entscheidungsstrukturen. Nur wenn die Verbände und ihre Vergabeentscheidungen transparenter werden und ihre Vertreter weniger diskretionären Spielraum und mehr Rechenschaftspflichten haben, kann die Qualität der Veranstaltungen wieder in den Vordergrund rücken (Pielke, 2016). Ob die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2026 an Kanada/Mexiko/USA schon ein Schritt in die richtige Richtung ist, kann bezweifelt werden, da die Bewerbung im Vergleich zu der von Marokko die deutlich größere Einnahmeperspektive bot.

Für die Vergabe der EM 2024 stehen die Chancen Deutschlands trotz des beobachteten Trends aber gerade deshalb vielleicht doch nicht so schlecht: neben der institutionellen Qualität und der beim Fußball weiterhin hohen Akzeptanz in der Bevölkerung für Großereignisse, verspricht eine EM in Deutschland zudem hohe Einnahmen für die beteiligten Verbände.

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