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IW-Kurzbericht Nr. 78 4. September 2025 Dominik Enste / Benedict Lorbacher / Jennifer Potthoff Anti-Foreign-Bias – Irrationale Ablehnung der Globalisierung?

Die durch die Globalisierung bedingte Abwanderung von Arbeitsplätzen ins Ausland wird in der Bevölkerung oftmals als ungerecht empfunden, obwohl der internationale Handel in den letzten Jahrzehnten gerade in Deutschland für Wachstum und Wohlstand gesorgt hat.

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Anti-Foreign-Bias – Irrationale Ablehnung der Globalisierung?
IW-Kurzbericht Nr. 78 4. September 2025 Dominik Enste / Benedict Lorbacher / Jennifer Potthoff

Anti-Foreign-Bias – Irrationale Ablehnung der Globalisierung?

Dominik Enste / Benedict Lorbacher / Jennifer Potthoff Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Die durch die Globalisierung bedingte Abwanderung von Arbeitsplätzen ins Ausland wird in der Bevölkerung oftmals als ungerecht empfunden, obwohl der internationale Handel in den letzten Jahrzehnten gerade in Deutschland für Wachstum und Wohlstand gesorgt hat.

Woher kommt die Ablehnung und ist sie per se irrational?

Anti-Foreign-Bias

Um der Frage nach der Irrationalität der negativen Wahrnehmung der Globalisierung nachzugehen, schauen wir zunächst die psychologischen Prinzipien dahinter an. Entscheidend ist hier das parochiale Denken von Menschen, das heißt wir arbeiten lieber mit Personen aus der eigenen Gruppe/Nationalität oder Gesellschaft zusammen als mit Fremden. Studien zeigen, dass Menschen altruistisches Verhalten vor allem gegenüber Mitgliedern der eigenen ethnischen oder kulturellen Gruppe zeigen. Auch das Abweichen von prosozialen Normen wird vor allem dann bestraft, wenn das Opfer zur eigenen Gruppe gehört (Bernhard et al., 2006). Dies ist in fast allen Kulturen und Ethnien zu beobachten und konnte für 42 Nationen empirisch nachgewiesen werden (Romano et al., 2021). Der Anti-Foreign-Bias (AFB) beschreibt die Ausprägung des gruppenbezogenen Altruismus bei wirtschaftlichen Entwicklungen und dem Treffen von wirtschaftlichen Entscheidungen (Enste/Lorbacher, 2025).

Mit Hilfe von Umfragedaten konnte ein Index für den AFB berechnet werden (Min. = –4; Max. = +4). Dieser zeigt, dass in der deutschen Bevölkerung ein moderat ausgeprägter AFB vertreten ist und somit zum Beispiel der durch die Globalisierung bedingte Strukturwandel eher als ungerecht empfunden wird (Enste/Lorbacher, 2025). Besonders stark tritt dieser Bias in älteren Bevölkerungsschichten – ab einem Alter von circa 60 Jahren – und in der Arbeiterschicht auf. Des Weiteren gibt es mitunter deutliche regionale Unterschiede zwischen den Bundesländern, während sich die Stärke des Bias nach Einkommen kaum unterscheidet.

Im Gegensatz zu dieser Beobachtung steht die unter Ökonomen häufig vertretene Perspektive, dass internationaler Handel zu einem Gewinn an wirtschaftlicher Effizienz und somit insgesamt zu einem Anstieg von Wohlstand führt (Ricardo, 1817; Krugmann, 1979; Schumacher; 2020).

Rational oder nicht?

Somit stellt sich die Frage nach der Rationalität (in Bezug auf die Eigennutzannahme) dieser Wahrnehmung. Es gilt also zu beurteilen, ob der AFB zum eigenen Vorteil oder zum eigenen Nachteil führen kann. Um dies fundiert beurteilen zu können, ist es notwendig, sich sowohl der gesamtwirtschaftlichen Vorteile als auch der möglicherweise entstehenden individuellen Nachteile bewusst zu werden.

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Der Export hat für die deutsche Wirtschaft eine besondere Bedeutung. Oft als „Exportweltmeister“ bezeichnet, wurde Deutschland immer mit einem starken Export verbunden. Aus ökonomischer Perspektive zeigt sich eindeutig der deutsche Wohlstandsgewinn durch den internationalen Handel. So sind etwa 43 Prozent des gesamtdeutschen Bruttoinlandsproduktes auf die starken deutschen Exporte zurückzuführen (Weltbank, 2025). Auch mit Blick auf die internationalen Märkte spielt die deutsche Wirtschaft dort noch immer eine wichtige Rolle, trotz der anhaltend schwierigen Situation der deutschen Wirtschaft. So hat Deutschland in knapp 100 Warengruppen eine – über 15 Jahre hinweg – persistente Exportdominanz (Weltexportanteil von über 30 Prozent). Dies verdeutlicht die nach wie vor dominante Stellung der deutschen Wirtschaft auf den internationalen Märkten (Sultan/Matthes, 2025a). Bei der Gesamtbetrachtung der deutschen Exporte ist jedoch seit 2015 ein deutlicher Rückgang des Wachstums zu beobachten. So lässt die Nachfrage in wichtigen Absatzmärkten stark nach. Begründet liegt dies unter anderem in geopolitischen Krisen, die den Welthandel insgesamt schwächen, und einem Aufschwung des Protektionismus (Sultan/Matthes, 2025b). Protektionistische Tendenzen, die auch durch den AFB ausgelöst sein könnten, gefährden somit das deutsche Exportmodell und somit den Gewinn an gesamtwirtschaftlichem Wohlstand.

Auch wenn die Relevanz des internationalen Handels für den Gesamtwohlstand der deutschen Wirtschaft auf Makroebene eindeutig zu sein scheint, kann der folgende Strukturwandel auf Mikroebene gerade für Arbeiter Nachteile mit sich bringen. So zeigt eine Studie von Choi et al. (2024) einen eindeutigen Effekt von Freihandelsabkommen auf lokale Arbeitsmärkte. Infolge des NAFTA-Abkommens wurde eine Vielzahl von amerikanischen Bezirken betrachtet. Es zeigt sich, dass sich der Stellenabbau infolge des Freihandelsabkommens zwischen den Bezirken dadurch unterschied, wie stark ihre Industriebetriebe mexikanischer oder kanadischer Konkurrenz ausgesetzt sind. So konnte dargelegt werden, dass es in Konsequenz des Abkommens in Bezirken, in denen Industriebetriebe ansässig waren, die sich mexikanischer und kanadischer Konkurrenz ausgesetzt sahen, einen verstärkten Abbau an Arbeitsstellen gab.

Auch in Deutschland konnte ein Verlust an Arbeitsplätzen in bestimmten Sektoren als direkte Folge der internationalen Konkurrenz beobachtet werden. Es zeigt sich, dass deutsche Industriearbeiter signifikant unter dem Lohndruck der Konkurrenz aus China und den mittel- und osteuropäischen Staaten leiden. Beschäftigte in Branchen, die direkt in Konkurrenz mit Importen aus diesen Ländern stehen, mussten Einkommenseinbußen hinnehmen. Besonders Arbeitnehmer, die innerhalb der eigenen Branche die Stelle wechselten oder neu in eine Branche eintraten, nahmen die größten Einkommenseinbußen hin, da neu abgeschlossene Arbeitsverträge durch den Konkurrenzdruck beeinflusst werden. Betrachtet man den gesamten Effekt von internationalem Handel auf die Industriebeschäftigung, ist dieser aufgrund der größeren Exportchancen jedoch im Allgemeinen positiv. So stieg der Medianlohn von Industriearbeitern branchenübergreifend über den betrachteten Zeitraum an. Dies deutet darauf hin, dass branchenspezifisch zwar Einkommenseinbußen hinzunehmen waren, die Gesamtsituation von Industriearbeitern sich aber verbessert hat (Dauth et al., 2021).

Fazit

Die Betrachtung der Makro- und Mikroebene der Effekte des internationalen Handels führt zu den folgenden zwei Schlussfolgerungen:

  1. Der internationale Handel hat für den gesamtwirtschaftlichen Wohlstand in Deutschland eine enorme Bedeutung.
  2. Der durch den internationalen Handel ausgelöste Strukturwandel führt in bestimmten Sektoren zu einem Verlust von Arbeitsplätzen.

Somit ist festzustellen, dass es aus der individuellen Perspektive von Arbeitnehmern rational sein kann, die Abwanderung von Arbeitsplätzen ins Ausland als nicht gerecht zu bewerten. Diese Einsicht ist essenziell, um geeignete Maßnahmen zu ergreifen, welche die Akzeptanz von international ausgerichteter Wirtschaftspolitik nachhaltig sichern. Insbesondere mit Blick auf Wahlentscheidungen von betroffenen Arbeitern sollten die Auswirkungen des Anti-Foreign-Bias von Ökonomen stärker berücksichtigt werden. Die Übergänge im Strukturwandel müssen abgefedert werden, wofür die Soziale Marktwirtschaft im Gegensatz zum US-amerikanischen Kapitalismus gute Instrumente vorsieht.
 

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