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Dominik Enste / Katrin Orth IW-Kurzbericht Nr. 39 21. Juni 2019 Kirchentage, Kirchenbesuche und Kinderzahl

Die Kirchen könnten mit einer Neuinterpretation des „Ora et Labora“ ihre Rolle in der Gesellschaft stärken und eine „Triple-Dividende“ einfahren. Über Kirchentage und Seminarangebote hinaus können sie einen Beitrag zur Stabilität der Gesellschaft leisten, indem sie helfen, die demographische Entwicklung positiv zu beeinflussen. Dazu gehören die Ausweitung der Kinderbetreuung für nicht Getaufte und die Wertevermittlung bereits im Kindesalter.

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Dominik Enste / Katrin Orth IW-Kurzbericht Nr. 39 21. Juni 2019

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Die Kirchen könnten mit einer Neuinterpretation des „Ora et Labora“ ihre Rolle in der Gesellschaft stärken und eine „Triple-Dividende“ einfahren. Über Kirchentage und Seminarangebote hinaus können sie einen Beitrag zur Stabilität der Gesellschaft leisten, indem sie helfen, die demographische Entwicklung positiv zu beeinflussen. Dazu gehören die Ausweitung der Kinderbetreuung für nicht Getaufte und die Wertevermittlung bereits im Kindesalter.

Gemeinschaftserlebnis Kirchentag

Die christlichen Religionsgemeinschaften laden nicht nur zum Besuch von Gottesdiensten ein, sondern immer wieder auch zu Kirchentagen. Wichtigstes Motiv für den Besuch des Kirchentages ist das Gemeinschaftserlebnis. 82 Prozent der Befragten bewerten dies als wichtig oder sehr wichtig (Hopp, 2017). Musik und Konzerte sowie die Möglichkeit, Kirche mal ganz anders erleben zu können wird von Dreiviertel der Besucher genannt. Glaube und Spiritualität (70 Prozent) sowie gesellschaftspolitische Themen (67 Prozent) folgen dahinter. Vier von fünf Besuchern haben bereits früher an einem Kirchentag teilgenommen. Wer einmal Feuer gefangen hat, kommt offensichtlich gerne wieder.

Rund 13 Millionen besuchen regelmäßig Gottesdienste

Deutlich mehr Menschen besuchten im Jahr 2017 Gottesdienste: Rund 13 Millionen Menschen waren nach eigenen Angaben mindestens einmal im Monat ein Gottesdienstbesucher (16,5 Prozent; SOEP-Auswertung, 2019). Ein weiteres Viertel geht ab und zu zur Kirche. Die Zahl derjenigen, die nie eine religiöse Veranstaltung besucht, hat in den letzten 10 Jahren von 53 auf 59 Prozent zugenommen. Damit liegt die Zahl der praktizierenden Christen deutlich unter der Zahl der Mitglieder der christlichen Kirchen von rund 45 Millionen. Um den Mitgliederschwund zu stoppen, sollten die Kirchen das bekannte „Ora et Labora“ neu interpretieren.

Religiöse Menschen haben mehr Kinder

Die Analyse von Daten des World Value Survey zeigt, das religiöse Menschen weltweit mehr Kinder haben, als nicht religiöse (Homann/Enste/Koppel, 2009). Eine aktuelle Auswertung der repräsentativen Daten für Deutschland des SOEP für die Jahre 2007 bis 2017 bestätigt diesen Befund eindrücklich. Religiosität – hier gemessen am tatsächlichen Verhalten anhand der Häufigkeit des Besuchs von religiösen Veranstaltungen – korreliert positiv mit der Kinderzahl. Die aktuelle Auswertung zeigt: Bei Personen, die jede Woche zur Kirche gehen, lebten im Jahr 2017 im Durchschnitt 2,12 Kinder im Haushalt. Ohne Gottesdienstbesuch waren dies nur 1,64 Kinder. Im Zeitablauf zeigt sich das gleiche Muster auch in den letzten 10 Jahren (Abbildung).

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Natürlich heißt dies nicht, dass der Besuch von Gottesdiensten oder des gerade stattfindenden evangelischen Kirchentags in Dortmund unmittelbar die Kinderzahl beeinflusst. Aber es veranschaulicht, welche Rolle Kirche, Glaube und gemeinsames Beten indirekt haben können.

Der Einfluss von tradierten Werten und Religiosität auf die Kinderzahl wird im Hinblick auf den demographischen Wandel und geringen Geburtenraten aber im Vergleich zum Beispiel zum Ausbau der Kinderbetreuung oder der Elternzeit kaum thematisiert. Wirtschaftsforschern ist der empirische Wirkungsnachweis von Gebet, Glaube und Religiosität auf die Kinderzahl zwar vielfach suspekt. Dennoch gibt es – insbesondere von soziologischer, aber auch sozialpsychologischer Seite – immer wieder Ansätze, diesen Zusammenhang mit Daten zu untermauern. Das Ergebnis der Auswertung von Daten aus 82 Ländern aus dem Worldvalue Survey oder der Allbus Befragung: der Glaube an Gott, den Himmel und ein Leben nach dem Tod hängen positiv mit der Geburtenrate zusammen (Homann/Enste/Koppel, 2009). Ob das bedeutet, dass Menschen, die Kinder haben, mehr Gründe haben zu beten, oder ob Gläubige mehr Kinder haben, lässt sich auf Basis der Daten nicht ermitteln. Aber es zeigt, die Kirchen könnten einiges zum Kindersegen beitragen. Denn es gibt die positive Korrelation auch zwischen Beten und Zahl der Kinder.

Kirchliche Kinderbetreuungsangebote

Natürlich sind neben den veränderten Wertorientierungen auch die vielfältigeren Wahlmöglichkeiten in modernen Gesellschaften für die veränderte Geburtenrate relevant. Die Opportunitätskosten sind anders als in traditionellen Gesellschaften vor allem für Frauen deutlich höher. Sie müssen sich bei einer Entscheidung für Kinder gegen eine größere Zahl anderer Optionen – zum Beispiel Berufstätigkeit oder Karriere – entscheiden, sofern sich diese Wünsche nicht miteinander verbinden lassen. Die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf („Labora“) steht zu Recht im Zentrum der bevölkerungsorientierten Familienpolitik in Deutschland, die zugleich die Chancen für Mütter am Arbeitsmarkt verbessern sollen.

Soziologen führen als weiteren Grund für die höhere Kinderzahl die stärkere Eingebundenheit der religiösen Menschen in Gemeinschaften an. Die Last der Verantwortung kann leichter verteilt werden, Unsicherheiten werden durch die Unterstützung in der Gemeinschaft besser aufgefangen. Zudem erleichtern die klaren Normen vieler Religionen, die Kinder als Geschenk Gottes ansehen, die Entscheidung für Kinder.

In modernen Gesellschaften wie z.B. in Deutschland stecken die Kirchen allerdings in einem Dilemma: Beharren sie auf ihrem tradierten Familienbild, verlieren sie gemäßigte Mitglieder. Nähern sie sich jedoch liberalisierend dem Zeitgeist mit seinen zahlreichen neuen Lebensoptionen an, spalten sich besonders religiöse Anhänger ab, die zudem vielfach kinderreich sind. So verlieren die Kirchen inmitten der Flügelkämpfe fast unausweichlich Gläubige durch Austritte und fehlenden Nachwuchs. Eine mögliche Maßnahme gegen die schwindende Bedeutung und den Mitgliederschwund könnte der Ausbau der Kindertagesstätten in kirchlicher Trägerschaft sein, gerade wenn die Zahl der getauften Kinder sinkt. Durch diese Investition würden zwar Finanzmittel aufgebraucht, dadurch könnten die Kirchen allerdings für ihre eigene Zukunft vorsorgen und die Mitgliederzahl trotz demografischem Wandel versuchen zu stabilisieren – zumindest, wenn die Werteerziehung und das regelmäßige Beten („Ora“) mit den Kindern im Kindergarten wiederbelebt würden. Denn die frühzeitige Glaubenserfahrung schafft erst die Voraussetzung für das Gemeinschaftserlebnis zum Beispiel auf Kirchentagen.

Triple-Dividende

Der sinkenden Kinderzahl und damit dem demographischen Wandel kann also nicht nur mit einer Verbesserung der Kinderbetreuung entgegengewirkt werden, wodurch Arbeit („Labora“) und Familie besser vereinbar sind. Sondern auch durch die Stärkung des Glaubens durch gemeinsames Beten („Ora“) kann sich positiv auswirken. Damit bekommt das Prinzip „Ora et Labora“ eine ganz neue Bedeutung. Den Religionsgemeinschaften winkt somit eine „Triple“-Dividende: (1) mit Investitionen in den Ausbau der Kinderbetreuung – auch und gerade für Kinder, deren Eltern nicht mehr konfessionell gebunden sind – leisten sie einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag, um die Berufstätigkeit zu erleichtern und so die Chancengerechtigkeit zu verbessern. Sie leisten einen Beitrag im Sinne der Corporate Social Responsibility. (2) Dadurch werden nicht nur überzeugte Christen – wie auf dem Kirchentag – die gesellschaftliche Bedeutung der Kirchen positiver sehen, sondern auch Menschen, die der Kirche ansonsten kritisch gegenüber gestehen. (3) Wenn zugleich in den Kitas christliche Werte vermittelt werden und gebetet wird, kann der Mitgliederschwund der Kirchen vielleicht gestoppt werden, weil Glaube frühzeitig nachhaltig vermittelt wird.

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