1. Home
  2. Studien
  3. Blockade der Straße von Hormus – mehr als eine Ölkrise
IW-Kurzbericht Nr. 40 16. Juni 2026 Cornelius Bähr Blockade der Straße von Hormus – mehr als eine Ölkrise

In Folge des Angriffs der USA und Israels auf den Iran blockierte zunächst der Iran die Straße von Hormus. Die Blockade wurde durch Gegenmaßnahmen der USA verschärft.

PDF herunterladen
IW-Kurzbericht 40/2026
IW-Kurzbericht Nr. 40 16. Juni 2026 Cornelius Bähr

Blockade der Straße von Hormus – mehr als eine Ölkrise

Cornelius Bähr Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

In Folge des Angriffs der USA und Israels auf den Iran blockierte zunächst der Iran die Straße von Hormus. Die Blockade wurde durch Gegenmaßnahmen der USA verschärft.

Auch im Falle einer baldigen Öffnung des Seeweges werden die Auswirkungen der Blockade noch länger spürbar bleiben. Dabei sind nicht nur Transporte von Öl- und Gasprodukten betroffen.

Die Anrainerstaaten des Persischen Golfs – Kuwait, Katar, der Irak, der Iran, Saudi-Arabien, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind nicht nur zentrale Akteure für die Produktion von Öl- und Erdgasprodukten. Sie spielen auch für Produktion und Welthandel bei einer Reihe anderer Rohstoffe und Vorprodukte für weitere Industriezweige eine wichtige Rolle. Viele dieser Güter wurden bislang über den Seeweg im Persischen Golf transportiert, da alternative Transportwege aufwendiger wären. Entsprechend beeinträchtigt die Blockade den Export solcher Güter.

Aluminium – Die Länder des Gulf Cooperation Council (GCC) sind für rund 9 Prozent der globalen Primäraluminiumproduktion verantwortlich (International Aluminium, 2026). Damit entspricht ihre Jahresproduktion in etwa der Produktion von Europa (inkl. Russland) und mehr als dem Doppelten der deutschen (Sekundär-)Aluminiumproduktion. Neben dem Bauxit-Bergbau in Saudi-Arabien wird zugelieferte Tonerde als Vorprodukt in den Produktionsstätten mit günstigen Energiekosten genutzt. Sowohl die Belieferung als auch der Abtransport des Aluminiums werden durch die Blockade behindert. Die Länder des GCC produzierten im April 2026 rund 35 Prozent weniger Aluminium als im Vorjahresmonat. Andere Weltregionen kompensieren derzeit den Produktionsausfall – zu höheren Kosten, die sich im höheren Weltmarktpreis spiegeln.

Düngemittel – Erdgasvorkommen und geringe Energiekosten machen den Golf zu einem günstigen Standort für die Produktion von Stickstoffdünger. Entsprechend stammten in den vergangenen Jahren rund 10 Prozent der Produktion und rund 20 Prozent der Exporte aller Düngemittel aus West-Asien (IFA, 2026). Bei Stickstoffdüngern liegt der Anteil der Produktion und Exporte deutlich höher. Rund 40 Prozent der globalen Exporte bei Harnstoff und rund 30 Prozent bei Diammonium-Phosphat (DAP) und Ammoniak kamen aus der Region. Hier drohen bei einer andauernden Blockade und folgenden drastischen Lieferschwierigkeiten negative Auswirkungen auf die globale Ernährungssicherheit. Verzögerte Düngemittellieferungen spiegeln sich nicht nur in aktuellen Preissteigerungen wider, sondern drohen, kommende Ernten zu verringern und das Nahrungsmittelangebot im zweiten Halbjahr 2026 und im Jahr 2027 zu verknappen (FAO, 2026). In einer Analyse der Wirkungskanäle verweist die Kreditanstalt für Wiederaufbau auf besonders deutliche Folgen für die Ernährungslage in Asien und Afrika. Die Probleme wachsen mit zunehmender Dauer der Blockade (KfW, 2026).

Inhaltselement mit der ID 15499 Inhaltselement mit der ID 15500

Schwefel – Schwefel kann als Nebenprodukt aus der Entschwefelung von Erdöl und Erdgas gewonnen werden. Saudi-Arabien und Katar gehören daher neben China, den USA und Russland zu den fünf größten Schwefelproduzenten weltweit (USGS, 2026; vbw, 2025). Rund 25 Prozent der weltweiten Produktion und rund 50 Prozent der weltweiten Exporte von Schwefel stammen aus der Golfregion (DERA, 2026). Schwefel wird als Schwefelsäure in der Produktion von Metallen wie Kobalt, Kupfer und Nickel oder in der Produktion von Phosphatdünger eingesetzt. Indonesien – als weltweit führender Nickelproduzent – und Marokko – für die Produktion von Phosphatdünger – zählen zu den größten Importeuren von Schwefel aus der Golfregion. In beiden Fällen drohen Produktionsausfälle, die wiederum die Herstellung von Autobatterien (Nickel) oder Lebensmitteln (Phosphatdünger) behindern können.

Helium – Katar zählt weltweit zu den größten Heliumproduzenten (35 Prozent, USGS, 2026) und -exporteuren (40 Prozent, DERA, 2026). Die Lieferungen gehen überwiegend in asiatische Länder und nach Europa. Die USA als weiterer großer Heliumproduzent nutzen die eigene Produktion überwiegend selbst. Helium wird besonders für die Produktion von Halbleitern in Reinräumen benötigt (DERA, 2026).

Öl- und Gasprodukte – 20 Prozent des weltweiten Verbrauchs an Öl und Ölprodukten (Kondensat, Benzin, Naphta, Diesel oder Kerosin) stammen aus der Golfregion. Bei Erdgas sind 20 Prozent der LNG-Lieferungen betroffen. Für die global auftretenden Knappheiten ist die mangelnde Diversifikation in den internationalen Handelsbeziehungen relevant. So bezieht z.B. Indien rund 60 Prozent seiner Erdgaslieferungen aus Katar und den VAE. Weitere Abhängigkeiten bestehen durch die ungleiche Verteilung von Raffineriekapazitäten. Asien ist von diesen Lieferproblemen weit stärker betroffen als die anderen Weltregionen (DERA, 2026).

Chemische Vorprodukte – Zu den direkt aus Erdöl und -gas hergestellten Vorprodukten zählen Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP). Sie werden in der chemischen Industrie zu weiteren Vorprodukten – z.B. zu Verpackungen oder zu Kunststoffteilen für die Automobilindustrie – weiterverarbeitet. Rund 45 Prozent des globalen PE- und PP-Handels haben ihren Ursprung in der Golfregion. Die Importabhängigkeit in Deutschland und Europa liegt bei jeweils rund 30 Prozent und wird überwiegend aus der Golfregion gedeckt.

Die Blockade der Straße von Hormus führt erst mit Verzögerungen zu materiellen Lieferengpässen. Die meisten feststeckenden Lieferungen waren für eine Ankunft in den Zielorten im Laufe des April geplant. Die anhaltende Blockade reduziert jedoch die verfügbaren Kapazitäten für den Seetransport, behindert dadurch globale Logistikketten und führt schrittweise zu Problemen in internationalen Wertschöpfungsketten.

Dies zeigt sich zunehmend auch in der deutschen Industrie. Im Mai stieg der Anteil der Unternehmen mit Engpässen bei Vorprodukten auf 15,9 Prozent gegenüber 13,8 Prozent im April. Besonders betroffen sind die chemische Industrie, die Hersteller von Gummi- und Kunststoffwaren und die Elektroindustrie (ifo, 2026).

Inwieweit die Lieferunterbrechungen zu weiteren Knappheiten auf den nachgelagerten Märkten führen werden – z.B. bei Lebensmitteln oder in der Metallherstellung – wird von den Marktstrukturen und den Reaktionen der Marktteilnehmer abhängen. Höhere Preise können die Produktion an anderen Standorten anreizen, solange auch eine entsprechende Zahlungsbereitschaft – oder -fähigkeit besteht und Kapazitäten bestehen, um die ausfallenden Rohstoffe zu ersetzen.

An den internationalen Märkten waren schon im März in Antizipation der Lieferprobleme deutliche Preiseffekte zu beobachten, die sich im Verlauf des Konflikts verstärkt haben. Die globalen Preise von Aluminium und Düngemitteln lagen im Mai 2026 deutlich über den Vorjahrespreisen (Mai 2025) – bei Aluminium um rund 50 Prozent, bei DAP um 15 Prozent, bei Harnstoff um 97 Prozent. (Weltbank, 2026).

Die Aufschläge übersteigen damit zum Teil die Preissteigerungen bei Erdöl (+60 Prozent) und Erdgas (+21 Prozent) (Weltbank, 2026). Hier lassen sich deutliche regionale Unterschiede zwischen Asien, Europa und den USA aufzeigen. Der Preis für die Rohölsorte Brent – als Referenzgröße für die Preisbildung in Europa – stieg um 67 Prozent, der Preis für Rohöl aus Dubai um 50 Prozent, der Preis für die US-amerikanische Sorte WTI um 62 Prozent. Die Erdgas- und LNG-Preise entwickelten sich ebenfalls sehr uneinheitlich. In Europa lag der Erdgaspreis im Mai 2026 rund 39 Prozent über dem Preis vom Mai 2025, LNG für Japan war nur 28 Prozent teurer. Für die USA werden für den Monatsvergleich dagegen sinkende Preise berichtet. In den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 liegen die Gaspreise jedoch in den drei Weltregionen über dem Vergleichszeitraum des Vorjahres. Diese Preisentwicklungen können dazu beitragen, dass sich die Energiepreisnachteile Europas gegenüber anderen Weltregionen verschärfen. Die Verwerfungen in den internationalen Lieferketten und die resultierenden Preissteigerungen bei Vorprodukten drohen, die globale Produktion auf Dauer zu belasten. Reduzierte Wachstumsprognosen nationaler und internationaler Institutionen reflektieren diese Entwicklung

DOI: 10.67087/19.21301

PDF herunterladen
IW-Kurzbericht 40/2026
IW-Kurzbericht Nr. 40 16. Juni 2026 Cornelius Bähr

Blockade der Straße von Hormus – mehr als eine Ölkrise

Cornelius Bähr Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema

Artikel lesen
Deutlicher Rückgang nach fünf Monaten auf Rekordniveau
Gastbeitrag 7. Juli 2026 Hubertus Bardt in der Börsen-Zeitung

IMP-Index: Deutlicher Rückgang nach fünf Monaten auf Rekordniveau

Nach dem Sprung zum Jahreswechsel von rund 746 auf 829 Punkte hat sich der Industriemetallpreis-Index fünf Monate lang auf Rekordniveau bewegt, schreibt IW-Geschäftsführer Hubertus Bardt in der Börsen-Zeitung.

Hubertus Bardt in der Börsen-Zeitung IW

Artikel lesen
Gutachten 2. Juli 2026 Henry Goecke et al.

Die ökonomische Bedeutung der Gießerei-Industrie in Deutschland

Die Gießerei-Industrie in Deutschland ist ein zentraler Bestandteil industrieller Wertschöpfungsketten und weit über ihre direkten Kennzahlen hinaus von gesamtwirtschaftlicher Bedeutung.

Henry Goecke / Christian Kestermann / Hilmar Klink / Marco Trenz / Benita Zink IW

Mehr zum Thema

Inhaltselement mit der ID 8880