1. Home
  2. Studien
  3. Eine Berufsausbildung bietet den größten Schutz vor Arbeitslosigkeit
IW-Kurzbericht Nr. 12 7. Februar 2025 Alexander Burstedde / Chiara Döring / Dirk Werner Eine Berufsausbildung bietet den größten Schutz vor Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland steigt seit etwa zweieinhalb Jahren kontinuierlich. Für Fachkräfte mit Berufsausbildung sieht es dabei vergleichsweise gut aus, denn ihre Arbeitslosigkeit steigt langsamer an als die von Hoch- und Geringqualifizierten. Dieser stabile Trend dürfte sich demografisch bedingt fortsetzen.

PDF herunterladen
Eine Berufsausbildung bietet den größten Schutz vor Arbeitslosigkeit
IW-Kurzbericht Nr. 12 7. Februar 2025 Alexander Burstedde / Chiara Döring / Dirk Werner

Eine Berufsausbildung bietet den größten Schutz vor Arbeitslosigkeit

Alexander Burstedde / Chiara Döring / Dirk Werner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland steigt seit etwa zweieinhalb Jahren kontinuierlich. Für Fachkräfte mit Berufsausbildung sieht es dabei vergleichsweise gut aus, denn ihre Arbeitslosigkeit steigt langsamer an als die von Hoch- und Geringqualifizierten. Dieser stabile Trend dürfte sich demografisch bedingt fortsetzen.

Deutschland wurde in den letzten Jahren von verschiedenen Krisen getroffen. Besonders starke Auswirkungen haben Klimawandel, Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg. Die Krisen führen unter anderem zu Inflation und steigender Arbeitslosigkeit. Die Entwicklung am Arbeitsmarkt ist jedoch komplexer, als es die die Gesamtschau zeigt. Denn verschiedene Gruppen der Erwerbsbevölkerung sind in unterschiedlichem Maße betroffen.

Laut der IW-Beschäftigtenbefragung (Schäfer, 2024) hatte im April 2024 nur jeder zwanzigste Beschäftigte die Sorge, in den nächsten beiden Jahren seinen Arbeitsplatz zu verlieren und keinen gleichwertigen Ersatz zu finden. Diese Menschen waren überdurchschnittlich häufig geringqualifiziert, in Teilzeit tätig und übten Routine-Tätigkeiten aus. Die Sorge, dass technischer Fortschritt die eigenen Kenntnisse und Tätigkeiten überflüssig macht, ist unter formal Geringqualifizierten stark verbreitet. Trotz fortschreitender Digitalisierung gibt es jedoch keine Belege dafür, dass Beschäftigte in leicht automatisierbaren Berufen häufiger ihren Arbeitsplatz verlieren. Die aktuelle Entwicklung der Arbeitslosigkeit sollte also nach Qualifikation und Tätigkeitsprofilen differenziert betrachtet werden. Im Folgenden werden dafür drei Anforderungsniveaus unterschieden, die typischen Qualifikationen zugeordnet werden können:

  • Fachkräfte: mit Berufsausbildung,
  • Hochqualifizierte: Spezialisten und Experten mit Fortbildung (z. B. Meister, Techniker) oder Studium,
  • Geringqualifizierte: Helfer ohne Abschluss.

Die Abbildung zeigt die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen für die drei Anforderungsniveaus in den letzten zehn Jahren von November 2014 bis November 2024. Die ausgeprägte Saisonalität muss bei der Interpretation berücksichtigt werden. Deshalb werden im Folgenden nur ganzjährige Veränderungen beschrieben, weil es sonst zu Fehlschlüssen kommen könnte.

In den ersten fünf Jahren, von November 2014 bis November 2019 sank die Zahl der Arbeitslosen kontinuierlich um 19,8 Prozent von 2,7 auf 2,2 Millionen – den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Bei Fachkräften sank sie um 26,3 Prozent, während sie bei Hoch- und Geringqualifizierten mit 13,3 beziehungsweise 15,8 Prozent nur etwa halb so stark zurückging.

In die zweite Hälfte des Betrachtungszeitraums fielen zwei große Krisen. Mit Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland ab März 2020 schnellten die Arbeitslosenzahlen hoch, bis auf fast 3,0 Millionen im August 2020. Noch während des ausgeprägten Infektionsgeschehens ging die Arbeitslosigkeit jedoch wieder stark zurück, bis auf ein Zwischentief von 2,3 Millionen im November 2021. Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine ab Februar 2022 löste eine erneute Trendwende aus, allerdings erst mit Verzögerung: Seit September 2022 steigen die Arbeitslosenzahlen kontinuierlich an. Von November 2021 bis November 2024 waren es insgesamt 19,7 Prozent.

Inhaltselement mit der ID 14145 Inhaltselement mit der ID 14146
Inhaltselement mit der ID 14147

Trotz beider Krisen sank die Zahl der arbeitslosen Fachkräfte von November 2019 bis November 2024 leicht um 3,8 Prozent. Bei Hochqualifizierten stieg sie hingegen um 48,6 und bei Geringqualifizierten um 43,3 Prozent sehr deutlich an.

Ohne den Zuzug von Ukrainern lägen diese Werte bei Fachkräften etwa fünf Prozentpunkte niedriger, bei Hoch- und Geringqualifizierten etwa 10 Prozentpunkte niedriger.

Bei Betrachtung des Medians, der sehr hohe oder niedrige Werte einzelner Berufe ausblendet, rücken die Werte der drei Anforderungsniveaus etwas zusammen, Fachkräfte weisen jedoch auch bei dieser Betrachtung die mit Abstand beste Entwicklung auf.

Die unterschiedliche Entwicklung zwischen den Anforderungsniveaus könnte auch darauf zurückgehen, dass mehr Hoch- und Geringqualifizierte dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und dementsprechend ihr Anteil in der Bevölkerung gestiegen ist, während dies bei Fachkräften umgekehrt ist. Um dies zu überprüfen, werden die Arbeitslosen ins Verhältnis zu den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten gesetzt. Diese Berechnung wird erneut auf Ebene der Berufsgattungen (KldB 5-Steller) durchgeführt und dann auf die Anforderungsniveaus aggregiert. Auch hier zeigt sich dasselbe Muster: Bezogen auf die Beschäftigten ist die Arbeitslosigkeit von Fachkräften von November 2019 bis November 2024 um 10,6 Prozent vergleichsweise moderat gestiegen. Deutlich stärker war der Anstieg bei Hochqualifizierten mit 37,7 Prozent und bei Geringqualifizierten mit 20,2 Prozent.

Für Fachkräfte mit Berufsausbildung hat sich zudem seit der Corona-Pandemie nicht nur die Arbeitslosigkeit vergleichsweise gut entwickelt, sondern auch deren Gehälter sind überdurchschnittlich gestiegen. Das Median-Einkommen stieg von 2019 bis 2023 (2024 ist noch nicht verfügbar) für hochqualifizierte Spezialisten um 8,3 Prozent und für Experten um 8,8 Prozent, während es bei Fachkräften um 12,1 Prozent zunahm. Bei Geringqualifizierten stiegen die Entgelte mit 16,5 Prozent noch stärker, dies dürfte jedoch wesentlich auf die deutliche Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro zum 1. Oktober 2022 zurückgehen.

Fazit und Handlungsempfehlungen

Fachkräfte mit Berufsausbildung sind in den letzten zehn Jahren immer seltener arbeitslos geworden, verglichen mit Hoch- oder Geringqualifizierten. Auch die Gehälter haben sich zuletzt besser entwickelt als bei Hochqualifizierten. Eine abgeschlossene Berufsausbildung erweist sich somit als Versicherung gegen Arbeitslosigkeit und bietet gute Verdienstmöglichkeiten.

Die Arbeitslosenquote von Fachkräften mit Berufsausbildung hat sich der von Hochqualifizierten stark angenähert und könnte diese künftig unterbieten. Denn in den nächsten Jahren gehen besonders viele Fachkräfte mit Berufsausbildung in Rente und werden große Lücken am Arbeitsmarkt hinterlassen. Die IW-Arbeitsmarktfortschreibung (Burstedde/Tiedemann, 2024) geht davon aus, dass auch in den kommenden Jahren weiterhin mehr Fachkräfte mit Berufsausbildung fehlen werden als auf allen anderen Anforderungsniveaus zusammen. Einen ausgeprägten Mangel an Fachkräften mit Ausbildung dürfte es insbesondere in Kinderbetreuung, Pflege- und Gesundheitsberufen, Sanitär- und Heizungstechnik oder Mechatronik geben. Daher wäre es sinnvoll, mehr Menschen für eine Ausbildung in Fachkraft-Berufen zu gewinnen. Dazu könnten folgende Maßnahmen beitragen:

  • Junge Menschen sollten durch Berufsorientierung gezielter für eine Ausbildung in Mangelberufen begeistert werden – auch an Gymnasien. Hierzu sind praktische Einblicke in Unternehmen unentbehrlich. Im Ausbildungsmarketing ist zudem die Nutzung der richtigen Kommunikationskanäle hilfreich (Arndt et al, 2024).
  • Das Ansehen beruflicher Bildung sollte weiter gestärkt werden. Dazu sollten „gläserne Decken“ eingerissen werden, die Menschen ohne Studium Karrierewege versperren, auch wenn diese die notwendigen Kompetenzen auf dem Weg der beruflichen Bildung erlangt haben. Insbesondere der öffentliche Dienst sollte hier seine Eingruppierungsregeln öffnen.
  • Die Chancen der beruflichen Weiterbildung sollten als attraktiver Karriereweg bekannter gemacht werden, beispielweise eine Berufslaufbahn zum Meister oder Techniker.
  • Arbeitnehmer und Arbeitgeber sollten sich öfter an die örtlichen Arbeitsagenturen wenden und von den neuen Fördermaßnahmen Gebrauch machen. Beispielsweise werden Beschäftigte inzwischen umfangreich im Strukturwandel gefördert, wodurch sich in vielen Fällen eine Arbeitslosigkeit durch präventive Weiterbildung vermeiden ließe.

Daten und Methodik

Die verwendeten Daten stammen aus der IW-Fachkräftedatenbank und basieren auf Daten der Bundesagentur für Arbeit, die nach Berufsgattungen (KldB 5-Steller) differenziert sind. Die Durchschnitts- und Medianwerte für die verschiedenen Anforderungsniveaus, die aus Berufsgattungen aggregiert wurden, sind mit den Beschäftigtenzahlen 2023 gewichtet. Arbeitslose ohne Angabe der Berufsgattung oder des Anforderungsniveaus sind nur in den Insgesamt-Zahlen enthalten. Strukturbrüche in den Rohdaten ändern wenig an den grundsätzlichen Aussagen.

PDF herunterladen
Eine Berufsausbildung bietet den größten Schutz vor Arbeitslosigkeit
IW-Kurzbericht Nr. 12 7. Februar 2025 Alexander Burstedde / Chiara Döring / Dirk Werner

Eine Berufsausbildung bietet den größten Schutz vor Arbeitslosigkeit

Alexander Burstedde / Chiara Döring / Dirk Werner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema

Artikel lesen
INSM-Bildungsmonitor 2026: Bildungsstand, Bildungschancen und Bildungsmobilität
Gutachten 14. September 2026 Christina Anger et al.

INSM-Bildungsmonitor 2026: Bildungsstand, Bildungschancen und Bildungsmobilität

Der Bildungsmonitor 2026, den das Institut der deutschen Wirtschaft seit dem Jahr 2004 im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) erstellt, misst nun bereits zum 23. Mal, in welchen Handlungsfeldern der Bildungspolitik Fortschritte erzielt werden konnten.

Christina Anger / Julia Betz / Wido Geis-Thöne / Axel Plünnecke IW

Artikel lesen
IW-Report Nr. 38 11. September 2026 Paula Risius et al.

Ausbildung erfolgreich gestalten vom Marketing bis zur Übernahme

Die betriebliche Ausbildung ist ein zentraler Hebel der Fachkräftesicherung. Am Anfang der Investition in künftige Nachwuchskräfte steht die Ansprache und Gewinnung von neuen Auszubildenden. Für viele Unternehmen ist es eine Herausforderung, angebotene Ausbildungsplätze passend zu besetzen.

Paula Risius / Dirk Werner / Philip Herzer / Fritz Orange / Regina Flake / Franziska Arndt / Yasin Küçükyavuz / Edgar Schmitz IW

Mehr zum Thema

Inhaltselement mit der ID 8880