Die AfD hat ihre elektoralen Erfolge insbesondere in Transformationsregionen ausgebaut. Dort ist die Zukunft der hohen industriellen Wertschöpfung durch die Dekarbonisierung unsicher. Wirtschaftliche Sorgen, Strukturwandel und das Gefühl von regionalem Statusverlust sind für die Narrative der Rechtsaußenpartei ein fruchtbarer Nährboden.
AfD gewinnt gerade in Transformationsregionen
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Die AfD hat ihre elektoralen Erfolge insbesondere in Transformationsregionen ausgebaut. Dort ist die Zukunft der hohen industriellen Wertschöpfung durch die Dekarbonisierung unsicher. Wirtschaftliche Sorgen, Strukturwandel und das Gefühl von regionalem Statusverlust sind für die Narrative der Rechtsaußenpartei ein fruchtbarer Nährboden.
In vielen Ländern bieten deindustrialisierte Regionen einen besonders fruchtbaren Nährboden für die politischen Angebote von Rechtsaußen-Parteien. Sowohl im US-amerikanischen Rustbelt, in den britischen Midlands oder in Nordfrankreich ließ sich in Folge des Verlustes an gut bezahlter Industriebeschäftigung ein enormes Erstarken des rechten politischen Randes beobachten. In Folge des industriellen Niedergangs kommt es häufig zur Abwanderungen Jüngerer und besser Qualifizierter. Wie kein anderer Indikator fasst die demographische Entwicklung sowohl die objektive als auch die subjektive wirtschaftliche Lage zusammen. Auch in Deutschland hat sich der Bevölkerungsschwund zuletzt als starker Erklärungsfaktor für die Erfolge der politischen Ränder herauskristallisiert (Diermeier et a., 2024).
Die deutsche Wirtschaft zeichnet sich im internationalen Vergleich durch die weiterhin hohe Bedeutung der Industrie aus. Noch immer ist hierzulande jeder fünfte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe angestellt; rund ein Fünftel der deutschen Bruttowertschöpfung wird in der Industrie erwirtschaftet (BA, 2025). Häufig sitzen große international erfolgreiche Mittelständler („Hidden Champions“) in den ländlichen Räumen und bilden so einen Anker des regional balancierten deutschen Geschäftsmodells.
Auch in Deutschland gibt es allerdings Landstriche, in denen die Bedeutung der Industrieproduktion stark zurückgegangen ist. Im Gegensatz zu anderen Ländern blieben die Rechtsaußenerfolge dort lange Zeit überschaubar. Vielmehr feierten in Regionen, die einen langfristigen industriellen Niedergang durchlebt haben, eher die politischen Kräfte Linksaußen Erfolge (Bayerlein et al., 2025). Vielmehr ist die AfD dort, wo weiterhin ein großer Teil der Wertschöpfung auf die Industrie zurückgeht, überproportional erfolgreich. In der Bundestagswahl 2025 erzielte die Partei etwa im Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen („Weltzentrum der Medizintechnik“) 27,1 Prozent der Zweitstimmen; am traditionellen Industriestandort Heilbronn waren es 25,5 Prozent; im Wahlkreis Schwäbisch Hall – Hohenlohe („Region der Weltmarktführer“) 25,1 Prozent.
Denkbar ist, dass die AfD gerade in einer Zeit, in der die Industrie von Umbrüchen und Veränderungen geprägt wird, mit ihren Untergangserzählungen über die deutsche Wirtschaft regionale Sorgenreservoirs aktiviert. Gerade in den ländlichen Gemeinden schlägt die anhaltende Rezension der Industrie unmittelbar auf die Steuereinnahmen durch. In der nordhessischen Mittelstadt Baunatal beliefen sich die Gewerbesteuern des dortigen VW-Werks beispielsweise zeitweise auf bis zu 80 Millionen Euro jährlich. Zwischenzeitlich hatten sich die Zahlungen mehr als halbiert; Diskussionen um eine mögliche Werksschließung lösten im vergangenen Jahr auch mit Blick auf die gut ausgebaute – und entsprechend teure – Daseinsvorsorge vor Ort große Sorgen aus (Steppat, 2024).

Die traditionellen Industrieregionen, in denen Wertschöpfung weiterhin mit hohem CO2-Ausstoß verbunden ist, stehen unumstritten unter „Transformationsstress“ (Südekum/Posch, 2023) – mit politischen Folgen. Denn zwischen CO2-Abhängigkeit einer Region und dem AfD-Wahlverhalten lässt sich ein positiver Zusammenhang herausarbeiten (Hilbig/Voeten, 2024). Interessanterweise zeigen Auswertungen auf der Ebene von Beschäftigten, dass die individuelle Betroffenheit der Umbrüche gar nicht so stark mit dem Wahlverhalten korreliert. Die AfD mobilisiert etwa nicht speziell die besonders von Umbrüchen Betroffenen, dafür aber in einem betroffenen soziotropischen Umfeld (Bayerlein et al., 2025). Denkbar ist, dass die Sorge um die wirtschaftliche Heimat und Statusverlust von Rechtsaußen gerade in den ländlichen Industriezentren in eine transformationspolitische Fundamentalopposition gesteigert werden kann.
Einen solchen Befund bestätigt der Blick auf die vergangenen Bundestagswahlen (siehe Abbildung). Bereits 2021 hatte sich gezeigt, dass die AfD auch in Regionen stark abschneidet, die im internationalen Vergleich nicht zu den Hochburgen der Rechtsaußen-Parteien gehören (Bergmann et al., 2023). Entsprechende Auswertungen stützen sich auf die von der IW Consult (2022) definierten Transformationsregionen. Diese weisen eine hohe Beschäftigungsquote in energieintensiven Branchen oder der Automobilindustrie auf; alternativ wird die Anzahl emissionsintensiver Anlagen beziehungsweise der Beschäftigungsanteil in der Produktion traditioneller Automobil-Antriebe berücksichtigt. Insgesamt lassen sich 117 besonders transformationsbetroffene Landkreise oder kreisfreie Städte (91 West; 26 Ost) identifizieren.
Lag das AfD-Wahlergebnis 2021 in den Transformationsregionen noch 2,2 Prozentpunkte über dem der anderen Regionen, betrug der Unterschied im Jahr 2025 3,7 Prozentpunkte. In der Zwischenzeit hatte die Energiepreiskrise zu einer deutlichen Verschärfung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten beigetragen. Nicht zuletzt in der Industrie sind seit dem Herbst 2023 über 100.000 Arbeitsplätze weggebrochen (BA, 2025). Besonders markant baute die AfD Ihre Wahlergebnisse in Transformationen in Ostdeutschland aus. Die Differenz wuchs dort von 3,8 auf 6,9 Prozentpunkte; in Westdeutschland ist der Unterschied von 1,3 auf 2,3 Prozentpunkte angestiegen. Die Ergebnisse verändern sich qualitativ kaum, wählt man anstatt der Ebene der teils sehr unterschiedlich großen Landkreise und kreisfreien Städte die Ebene der Wahlkreise.
Plakativ zeigt sich die Entwicklung im Wahlkreis der doppelten Transformationsregion Sonneberg (Automotive und energieintensive Produktion). Hier steigerte die AfD ihr Ergebnis bei der Bundestagswahl 2025 um 16,7 Prozentpunkte auf 43,1 Prozent. Das Direktmandat holte die Partei mit einem Abstand von 22,7 Prozentpunkten vor der Union. Die IW-Personenbefragung aus dem Juni 2025 zeigt: keine andere Anhängerschaft macht sich vergleichbar große Sorgen um die Wirtschaft im Allgemeinen und die Auswirkung der Klimapolitik auf die Wirtschaft im Speziellen. Sorgen um den ökonomischen Statusverlust der eigenen Region lassen sich gerade dort politisch kapitalisieren, wo mit der vorhandenen Industrie aktuell tatsächlich Wirtschaftskraft, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen auf dem Spiel stehen.
Zusätzlich zu den diskutierten wirtschaftsstrukturellen Unsicherheiten entsteht AfD-Wählerpotenzial in Regionen, in denen sich die Menschen infrastrukturell abgehängt fühlen. Die unheilige Allianz dieser beiden Aspekte kann zu einer Wahrnehmung führen, vom Wohlstandsversprechen der Bundesrepublik abgekoppelt zu werden. Instrumente wie die Gemeinschaftsaufgabe "Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur" (GRW) können hier wirksam Kontrapunkte setzen, indem Unternehmen in strukturschwachen Regionen Investitionsförderungen erhalten und die wirtschaftsnahe Infrastruktur verbessert wird. Zudem wird für die nächste Förderperiode ab 2028 die Ausweitung der GRW-Förderung auf Regionen mit hohem Transformationsdruck diskutiert, um die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse und die regionale Balance des deutschen Geschäftsmodells wahren zu können. Die Berücksichtigung vorausschauender Elemente in der GRW-Förderung würde sicherstellen, dass Regionen „nicht erst in den Brunnen fallen müssen“, um eine Förderung zu erhalten, sondern proaktiv entgegensteuern könnten (Südekum/Posch, 2025). Dadurch wäre insbesondere aktuell starken Industrieregionen, in denen Risiken für extremes Wahlverhalten virulent sind, mit vorsorgender Industriepolitik statt nachsorgender Sozialpolitik geholfen.
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Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
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