Etwa 5,5 Millionen Arbeitsplätze sind in Deutschland mit der Stahlindustrie verbunden. Doch hohe Energiepreise und Billigimporte setzen die Branche unter Druck – und bedrohen schon heute akut mehr als jeden zehnten Job.
Stahlgipfel: Mehr als 600.000 Arbeitsplätze akut von Krise in Stahlindustrie bedroht
Die Stahlbranche musste in den vergangenen Jahren zahlreiche Rückschläge verkraften. Meldungen über Werksschließungen, Personalabbau und Produktionsrückgänge waren an der Tagesordnung. Der Niedergang einer Branche, die Deutschland über Jahrzehnte geprägt hat, droht – und damit auch der Verlust eines wichtigen Teils der industriellen Identität. Es ist daher höchste Zeit, dass Friedrich Merz am Donnerstag zum Stahlgipfel ins Kanzleramt lädt. Wie Berechnungen des IW zeigen, steht viel auf dem Spiel: Insgesamt sind rund 5,5 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland entlang der Wertschöpfungskette mit der Stahlindustrie verbunden. Etwa 605.000 davon hängen direkt an der Produktion in Deutschland – etwa als Zulieferer oder Kunden – und sind deshalb von einer weiteren Verschärfung der Krise bedroht.
Nicht wettbewerbsfähig
Dass die deutsche Stahlindustrie in der Krise ist, hängt auch mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine zusammen. Vor der Energiekrise 2022 war die Stahlproduktion in Deutschland noch wettbewerbsfähig, zeigen IW-Auswertungen: 2019 lagen die Produktionskosten demnach bei knapp 440 Euro pro Tonne – das entsprach etwa dem Niveau der USA (430 Euro pro Tonne). Im Jahr 2023 waren es schon 550 Euro pro Tonne – und das, obwohl die schlimmsten Preisschocks zu diesem Zeitpunkt überwunden waren. Mit der klimafreundlichen Umstellung auf Wasserstoff könnten die Kosten zusätzlich um fast 50 Prozent auf 810 Euro pro Tonne steigen.
Dazu kommen geopolitische Verwerfungen, zwischen deren Fronten die deutsche Wirtschaft gelandet ist: Während China seine Stahlindustrie mit Rekordsubventionen aufbockt, versuchen die USA unter Trump Stahlimporte durch hohe Zölle einzudämmen. All das mindert die Exportchancen der deutschen Hersteller enorm.
Bundesregierung gefordert
Am Letztgenannten wird Friedrich Merz kurzfristig wenig ändern können. Bei den Produktionskosten hingegen schon: Die Energiepreise müssen dauerhaft sinken – und zwar über den Industriestrompreis hinaus. Der entlastet die deutschen Unternehmen nach IW-Berechnungen nur um bis zu 1,5 Milliarden Euro pro Jahr und ist damit keine echte Hilfe – zumal er auch nur für drei Jahre gelten soll. Stattdessen muss die Industrie beim Wandel zu grünem Stahl gezielter unterstützt werden, beispielsweise über Klimaschutzverträge. Zudem braucht es eine effizientere Energieversorgung, unter anderem durch ein leistungsfähiges Stromnetz und den zügigen Aufbau einer Infrastruktur für Wasserstoff. Andernfalls sind mehrere hunderttausend Arbeitsplätze und die Klimaziele gefährdet.
Europäische Verteidigungsfähigkeit im nationalen Verteilungsstreit
Der Rüstungshochlauf hat bereits 2015 eingesetzt und er gewinnt nun weiter an Fahrt, schreibt IW-Direktor Michael Hüther in einer Kolumne für die Süddeutsche Zeitung.
IW
Standort Deutschland: „Wir haben diesen perfekten Sturm – und es greift einfach alles ins Negative“
Im Handelsblatt-Podcast „Economic Challenges“ diskutieren IW-Direktor Michael Hüther und Handelsblatt-Chefökonom Bert Rürup, worin die Industrieschwäche wurzelt, welche externen Faktoren wirken und wo Chancen für Wachstum liegen.
IW