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Interview 8. April 2025 Michael Hüther im Spiegel

Trumps Zollkrieg: „Die Verluste an den Börsen könnten größer werden”

Wie geht es weiter im Zollstreit zwischen Donald Trump und dem Rest der Welt? IW-Direktor Michael Hüther erklärt im Interview mit dem Spiegel, warum er neue Kursstürze fürchtet und ob die Amerikaner ihre Smartphones bald selbst löten.

Herr Hüther, Donald Trumps Ankündigung von weltweiten Zöllen hat die Börsen auf Talfahrt geschickt, am Dienstag aber waren sie auf Erholungskurs. Gilt am Ende wie so oft bei Trump: Viel Lärm um nichts?

Nein, es geht um sehr viel. Was Trump angekündigt hat, kann man als Atombombe auf die Weltwirtschaftsordnung verstehen. Er könnte uns damit in die Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts zurückkatapultieren und die US-Wirtschaft in den Niedergang treiben. Trump entzieht sich inzwischen jeder Berechenbarkeit. Mit so einem Verhaltensauffälligen kann man keinen glaubwürdigen Deal machen.

Wie sehr muss das deutsche Verbraucher und Unternehmen beunruhigen?

Die Importe aus den USA sind überschaubar. Die Inflation dürfte deshalb kaum steigen, zumal chinesische Exporte nach Europa umgelenkt werden und die Preise dämpfen. Deutliche Folgen werden wir bei den deutschen Exporteuren sehen. Wenn Trump tatsächlich einen 200-prozentigen Zoll auf Wein erhebt, dann kann man deutschen Wein eigentlich nicht mehr in die USA verschiffen. Zu manchen Exportgütern, etwa hoch spezialisierten Maschinen, gibt es aber meist gar keine Alternativen. Da ist oft schon in den Lieferverträgen vereinbart, dass die Zölle an die Käufer weitergegeben werden.

Müssen wir fürchten, dass uns die Folgen in anderer Form erreichen – vielleicht sogar in einer neuen Finanzkrise?

Die Verluste an den Börsen könnten größer werden, davon sind wir nicht weit entfernt. Denn wenn die aktuellen Einbußen von Aktien in den Bilanzen korrigiert werden müssen, kann es zu Notverkäufen kommen. Dann wäre die heutige Erholung der Börsen nur ein kleines Zwischenhoch gewesen. Außerdem könnte die Zollattacke zu einer weltweiten Rezession führen.

Das wäre ein Problem für die nächste Bundesregierung, die ohnehin mit großen wirtschaftlichen und finanziellen Sorgen startet. Ist das von Union und SPD vereinbarte Finanzpaket, an dessen Konzeption Sie beteiligt waren, am Ende zu klein?

Nein, das Entscheidende wurde gemacht, und die historische Dimension dieser Entscheidung wird jeden Tag deutlicher. Wir sind jetzt in der Verteidigung handlungsfähig. Das ist eine ganz wichtige Botschaft an unsere Partner und Feinde. Gerade jetzt, wo die USA mit dem Abzug von 10.000 Soldaten aus Osteuropa drohen. Übrigens hatte man dort gehofft, Trump mit frühzeitigen Besuchen milde stimmen zu können. Aber das nützt alles nichts.

Trump hat sich schon 1990 beschwert, dass die Deutschen mehr Autos in die USA verkaufen als umgekehrt. Sehen Sie eine Chance, dass er irgendwann versteht, wie solche Ungleichgewichte mit unterschiedlicher Wettbewerbsfähigkeit zusammenhängen, und dass sie sich nicht allein mit Zöllen beseitigen lassen?

Plausibel ist das alles nicht, vielleicht ist ihm mal ein Mercedes über den Fuß gefahren. Bei US-Autos könnte man die Zölle tatsächlich auf null senken, und sie würde trotzdem kaum jemand kaufen. Trump muss verstehen, dass es auch eine Dienstleistungsbilanz gibt. Bei der haben die USA einen Überschuss, auch wegen der Clouddienste ihrer Techkonzerne. Ein Digitalzoll könnte deshalb nicht nur Trump treffen, sondern auch sein Umfeld mit Unternehmern wie Elon Musk. Wie bei Wladimir Putin muss man bei Trump auf sein Umfeld zielen – so ist das bei Autokraten.

Selbst Elon Musk versucht inzwischen offenbar, Trump von den Zöllen abzubringen. Kann das klappen?

Ich glaube, der entscheidende Hebel könnte ein anderer sein: die Midterm-Elections im November 2026. Wenn den Republikanern dort ein starker Verlust der Mehrheiten an die Demokraten droht, könnte der Druck steigen. Schon jetzt sehen wir, dass Vertreter beider Parteien im Senat in Zollfragen gemeinsam stimmen.

Auf der internationalen Bühne präsentiert sich vor allem China als Gegenspieler. Die Regierung hat angekündigt, sie wolle im Zollstreit »bis zum Ende kämpfen«. Sind die Chinesen Hoffnungsträger oder droht damit eine noch größere Eskalation?

Die Atombombe hat Trump geworfen, nicht China. Aus Unternehmen höre ich, dass der Umgang der chinesischen Regierung deutlich freundlicher geworden ist – das war zwischenzeitlich schon mal anders. Und wir sehen eine zunehmende Zusammenarbeit von China, Japan und Südkorea. Trump wollte mit seinen Plänen vor allem China treffen – jetzt verschafft er dem Land neue Partner.

Offenbar ist die Weltwirtschaft für ihn ein Nullsummenspiel, in dem es nur Gewinner oder Verlierer geben kann.

Damit ist er nicht der Einzige. AfD-Chef Tino Chrupalla hat ja gerade Verständnis für die Zölle geäußert. Damit zeigt er endgültig, dass er ökonomisch keinen Sachverstand hat. Und von der Kapitalbilanz mit hohem Überschuss für die USA haben weder Trump noch seine Berater etwas gehört.

Auf TikTok kursiert ein KI-generiertes Video , in dem schwerfällige US-Amerikaner zu chinesisch anmutender Musik an Nähmaschinen arbeiten oder Smartphones löten. Steckt da ein Funken Wahrheit drin und Trump holt tatsächlich Produktion zurück in die USA?

Die Frage ist doch: welche Produktion? Trumps Berater Stephen Miran behauptet, die Jobs seien wegen des für die Industrie schlechten Wechselkurses verloren gegangen. Das ist natürlich Bullshit. Die Deindustrialisierung der USA hat ganz andere Gründe, das hat das Massachusetts Institute of Technology schon 1989 in einer Studie gezeigt. Es gab und gibt ein Problem mit Produktivität und Qualität, und es mangelt an Industrie-Clustern, wie wir sie etwa in der Metall- und Elektroindustrie oder der Chemie haben. Es mangelt auch an gut ausgebildeten Arbeitskräften, das habe ich beispielhaft in einem japanischen Autowerk in Texas erlebt. Die dortigen Arbeiter wurden von den Japanern angeleitet wie Kleinkinder. Diese Ursachen müssen die Amerikaner endlich mal begreifen.

Inzwischen regt sich verstärkt Protest in der amerikanischen Bevölkerung. Sehen Sie das Potenzial, dass er etwas verändert?

Entscheidend wird sein, ob sich auch Anhänger der Republikaner gegen Trump wenden. 52 Prozent der Amerikaner haben ihn gewählt, so viele müssten sich also nicht bewegen. Das wird sich aber erst bei den Midterm-Elections in anderthalb Jahren zeigen. Das lässt genug Zeit für Trump, um Verfassungsordnung und Weltwirtschaft zu zerstören.

Zum Interview auf spiegel.de

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