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Jürgen Matthes bei n-tv Interview 10. März 2023

Risiko Taiwan-Konflikt: Wie gefährlich ist China für deutsche Unternehmen?

China ist vor allem im Technologie-Bereich vom Westen abhängig, der zugleich ein wichtiger Exportmarkt ist. Doch selbst das müsse Peking nicht zwangsläufig davon abhalten, Taiwan anzugreifen, sagt IW-Außenhandelsexperte Jürgen Matthes. Gegenseitige harte Sanktionen seien dann sehr wahrscheinlich - und das wirtschaftliche Überleben westlicher Firmen bei sehr starker China-Abhängigkeit bedroht.

Die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von China ist groß - umgekehrt aber ist auch die Volksrepublik stark auf Einfuhren aus dem Westen angewiesen. Wie groß ist diese Abhängigkeit?

Das lässt sich nur schwer exakt beziffern und hängt auch von der Perspektive ab. Man kann das gesamtwirtschaftlich betrachten, man kann einzelne Produkte betrachten - und kommt dann zu unterschiedlichen Ergebnissen. Das IW hat im vergangenen Frühjahr eine Studie veröffentlicht, derzufolge die EU und China insgesamt betrachtet etwa gleich stark voneinander abhängig sind. Was wirjetzt festgestellt haben: Vor allem bei Technologieprodukten ist die Abhängigkeit Chinas groß. Auch bei einigen Rohstoffen und Lebensmitteln ist das der Fall. Auf der anderen Seite muss man sehen, dass nicht alles schwer ersetzbar ist und teils auch aus anderen Ländern bezogen werden kann.

Wie schätzen Sie die Verwundbarkeit von Chinas Wirtschaft ein?

China ist bei Technologien noch stark vom Westen abhängig, wie auch chinesische Experten aufzeigen. Zwar hat die Volksrepublik in vielen Bereichen technologisch bereits stark aufgeholt, in einigen ist sie sogar führend. Doch das Land ist weiter auf zahlreiche westliche Technologien angewiesen, auch um für ausreichend Wirtschaftswachstum im schnell alternden China zu sorgen.

Wie geht China mit der technologischen Abhängigkeit um?

Der vom ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump angezettelte Handelskrieg hat der Kommunistischen Partei klar gemacht, dass China verwundbar ist. Weil die Biden-Administration diesen Kurs fortsetzt, will Chinas Führung diese Angriffsfläche verkleinern und China technologisch so schnell und so weit wie möglich vom Ausland unabhängig machen.

Wie weit sind die Chinesen hier dabei vorangekommen?

Das ist verschieden von Sektor zu Sektor und von Produkt zu Produkt. Beispielsweise in der Elektroindustrie, in der Digitalisierung und bei Elektroautos ist China sehr weit. In vielen Bereichen ist das Land aber noch dabei, aufzuholen. Insbesondere bei der Produktion modernster Halbleiter liegt China noch deutlich hinter dem Westen. Hier setzen ja auch US-Sanktionen an, da die USA Chinas Fortschritt hier auch aus militärischen Gründen eindämmen wollen. Die Abhängigkeit Chinas bei hochmodernen Halbleitern hat also bereits eine hohe geopolitische Relevanz.

Woran liegt Chinas Rückstand im Halbleitersektor?

Ein wesentlicher Grund liegt darin, wie der Sektor grundsätzlich strukturiert ist. Das zeigt sich beispielhaft am Verbrennungsmotor. In diese Technologie hat sich die deutsche Industrie regelrecht reingefuchst - sehr arbeitsteilig mit einem innovativen Mittelstand und sehr vielen Zulieferern. Das heißt: Das Wissen ist verteilt auf viele Spezialisten. Die Liefer- und Wertschöpfungsketten sind sehr komplex. Bei Halbleitern sieht es ähnlich aus, nur internationaler. Diese Struktur macht es China schwer, völlig autark zu werden. Für China ist es eine riesige Herausforderung, in diesem Bereich unabhängig zu werden.

Sie haben eben das deutsche Wirtschaftsmodell angesprochen, in dem der Mittelstand und unternehmerische Freiheit tragende Säulen sind. Das chinesische Wirtschaftsmodell ist ein völlig anderes. Ist die Lenkung durch die Kommunistische Partei ein Vor- oder ein Nachteil, wenn es um die gewünschte Aufholjagd geht?

Staatskapitalismus und zu viel politische Steuerung sind in der Regel ein Nachteil. Aber China hat sich erstaunlich erfolgreich entwickelt. Dem Land ist es gelungen, eine Kombination aus Staatsunternehmen und dynamischen Privatunternehmen aufzubauen – auch wenn die letzteren nicht frei vom Staatsdirigismus sind. Doch das hat in China besser funktioniert als man das als liberaler, ordnungspolitisch orientierter Ökonom erwartet hat. Das heißt nicht, dass dort alles hervorragend läuft. Es wird viel Geld verschwendet, Staatsunternehmen sind vergleichsweise unproduktiv. Aber die Taschen Chinas sind tief. Das System ist nicht effizient – aber recht effektiv in vielen Bereichen.

Die Bundesregierung arbeitet an einer neuen China-Strategie. Abhängigkeiten sollen verringert werden, Lieferketten sollen breiter aufgestellt werden. Halten Sie das für eine gute Idee?

Ja. In der Corona-Pandemie haben Unternehmen gemerkt, dass Lieferketten, bei denen sie annahmen, dass sie immer gut funktionieren werden, dies plötzlich nicht mehr taten. Sie stellten fest, wie abhängig und verwundbar sie sind. Stellenweise musste die Produktion stillgelegt werden. Umzusteuern und Diversifizieren, das ist vor allem die Aufgabe der Unternehmen selbst. Aber die Politik muss das flankieren.

Inwiefern?

Die Politik kann helfen, wenn es darum geht, neue Absatzmärkte zu erschließen und neue Lieferanten zu finden. Infrage kommen etwa Indonesien, Indien oder Malaysia. Das sind dynamisch wachsende, große Volkswirtschaften. Doch auf beiden Seiten gibt es hohe Zollbarrieren, die durch Freihandelsabkommen verschwinden würden. Außerdem kann die Politik etwa durch Ansiedlungs- und Exportförderung die Loslösung von China unterstützen.

Sie haben die durch die Corona-Pandemie gestörten Lieferketten angesprochen. Hat bei deutschen Unternehmen der mit Blick auf China angemahnte Bewusstseinswandel schon eingesetzt?

In Umfragen geben Unternehmen an, dass sie mehr lagern und dabei sind, die Zahl der Lieferanten auszuweiten. In einer Umfrage des ifo Instituts betonten im vergangenen Jahr fast die Hälfte der Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes in Deutschland, sie seien auf wichtige Vorleistungen aus China angewiesen. Zugleich plant demzufolge fast jedes zweite dieser Unternehmen, die importseitige Abhängigkeit von China zu reduzieren. Allerdings sind die Importe aus China nach Deutschland im letzten Jahr auf einen neuen Rekordwert gestiegen. Da ist schon ein Widerspruch, den wir derzeit noch nicht auflösen können.

Müssen westliche Firmen – also auch deutsche - ihre Investitionsentscheidungen in China überdenken und auch aus geopolitischen Gründen zurückhaltender werden?

Das muss jedes Unternehmen für sich entscheiden und das hängt auch von der jeweiligen Branche ab. Im Rahmen der geopolitischen Zuspitzung der letzten Jahre und dem Hegemonialkonflikt zwischen den USA und China tritt die Volksrepublik auch gegenüber der EU immer mehr als Systemrivale auf. Nach dem Fall der Eisernen Vorhangs hat die Geopolitik die Wirtschaft kaum beeinflusst, die Globalisierung konnte sich weitgehend ungestört von der Politik ausbreiten. Doch das hat sich mit der "Zeitenwende" geändert – das zeigt der Krieg in der Ukraine mit aller Deutlichkeit. Die Volksrepublik droht damit, Taiwan möglicherweise auch mit militärischen Mitteln in den eigenen Einflussbereich zu holen. Die Frage scheint nicht mehr zu sein, ob das passiert, sondern wann das passiert.

Und was heißt das für westliche Unternehmen, die in China aktiv sind?

Wenn es zu einem Angriff käme, wären gegenseitige harte Sanktionen sehr wahrscheinlich. In einem solchen Fall wäre die Geschäftstätigkeit westlicher Firmen in China bedroht und damit bei sehr starker China-Abhängigkeit möglicherweise ihr wirtschaftliches Überleben. Deshalb sollten sie heute trotz weiter in China winkender Gewinne darüber nachdenken, welche Risiken sie eingehen wollen und können. Wenn etwa Großkonzerne überhöhte Risiken eingehen sollten, weil sie davon ausgehen, dass sie notfalls von der Bundesregierung mit Steuergeld gerettet werden, wäre das hochproblematisch, und die Politik müsste sich überlegen, wie sie damit umgeht.

Im Westen war jahrelang das Mantra zu hören: Gegenseitige wirtschaftliche Verflechtungen verhindern, dass geopolitische Konflikte vollends eskalieren. Denn die Kosten für beide Seiten wären zu hoch. Hat der Krieg in der Ukraine gezeigt, dass das eine Illusion war?

Ja. Die "Zeitenwende" bedeutet auch, dass wir uns nicht mehr darauf verlassen können, dass intensive Wirtschaftsbeziehungen eine Versicherung gegen militärische Konflikte sind. Das ist die entscheidende Einsicht, aus der wir lernen müssen. Autokratische Systeme können wirtschaftliche Schäden für die Bevölkerung in Kauf nehmen und Proteste unterdrücken. Also kann das Kalkül einer solchen politischen Führung sein, einen militärischen Konflikt vom Zaun zu brechen und den wirtschaftlichen Schaden hinzunehmen.

Das gilt auch für China?

Im vergangenen Jahr hatten wir uns angeguckt, wie abhängig Russland wirtschaftlich von der EU ist. Den 2018 erhobenen Daten zufolge hing vor dem Krieg knapp zehn Prozent der russischen Wertschöpfung direkt und indirekt an Exporten in die EU. Und trotzdem kam es zum Überfall auf die Ukraine. Für China ist die exportseitige Abhängigkeit vom Westen fast genauso hoch. Das heißt: Das Narrativ, China sei so abhängig vom Westen, dass es Taiwan nicht angreifen werde, könnte ein Irrtum sein.

Den ntv-Beitrag finden Sie hier.

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