Auf den ersten Blick haben die US-Zölle den transatlantischen Handel nicht stark beeinträchtigt. Doch Deutschland hat mehr als andere Länder gelitten. Der größte Schaden sei aber der Vertrauensverlust in die USA, analysiert IW-Ökonomin Samina Sultan.
Deutschland verliert sein Vertrauen in die USA
Eine der ersten Amtshandlungen Donald Trumps nach seinem erneuten Amtsantritt als US-Präsident im Januar 2025 war die Verkündung der „America First Trade Policy“. Damit war klar: Trump würde die hohen US-Importzölle einführen, die er bereits im Wahlkampf angedroht hatte. Für die EU stellte der Präsident am sogenannten „Liberation Day“ im April 2025 Zölle von 20 Prozent in Aussicht. Die Sorge in der EU war entsprechend groß. Denn die USA sind für viele EU-Mitgliedstaaten ein zentraler Warenabsatzmarkt, für Deutschland sogar seit Jahren das wichtigste Exportziel.
Angesichts der zunehmenden Abschottung des chinesischen Marktes gegenüber Importen hat die Bedeutung der USA als Abnehmer europäischer Waren weiter zugenommen. Das Turnberry-Abkommen zwischen den USA und der EU im Sommer 2025 begrenzte die Zölle für die meisten Produkte aus der EU auf 15 Prozent. Nach dem Urteil des Supreme Court vom Februar 2026 mussten zudem die Notstandszölle zurückgenommen werden. Dennoch liegt das US-Zollniveau deutlich höher als vor Trumps erneutem Amtsantritt.
Gut eineinhalb Jahre nach Trumps Amtsantritt und kurz vor den Kongresszwischenwahlen zeigt sich die transatlantische Handelspartnerschaft auf den ersten Blick bemerkenswert widerstandsfähig. Die US-Warenimporte aus der EU stiegen 2025 gegenüber dem Vorjahr um mehr als vier Prozent – trotz aller Zölle. Das US-Warenhandelsdefizit mit der EU ist zwar leicht zurückgegangen, seit Trump wieder im Amt ist. Das liegt jedoch vor allem daran, dass die USA mehr in die EU exportieren, seit Beginn des Irankriegs insbesondere Öl und Gas.
Wie lässt sich erklären, dass die EU-Exporte in die USA trotz der US-Zölle weiter gestiegen sind? Ein Blick auf die einzelnen Mitgliedstaaten relativiert zunächst das Bild: Einige EU-Länder mussten schmerzliche Exporteinbußen verkraften. Am härtesten traf es Malta: Die Warenexporte des Landes in die USA gingen im vergangenen Jahr um mehr als 40 Prozent zurück. Auch Zypern, Österreich und Estland verzeichneten zweistellige Rückgänge. In Deutschland fiel der Rückgang mit knapp neun Prozent geringer aus. Allerdings hat Deutschland bei den Gesamtwarenexporten der EU in die USA ein wesentlich größeres Gewicht als die zuvor genannten Länder.
Dänemark und Finnland hingegen steigerten ihre Exporte in die USA um gut zehn Prozent. Mit einem Plus von fast 53 Prozent liegt Irland deutlich an der Spitze. Diese außergewöhnliche Entwicklung spiegelt die überproportionale Ausweitung des transatlantischen Handels mit pharmazeutischen Erzeugnissen wider. Sie trug maßgeblich zum Wachstum der gesamten EU-Exporte in die USA bei und verdeckte zugleich die Exportrückgänge in weiten Teilen des übrigen verarbeitenden Gewerbes.
Deutschland verliert Anteile am US-Export
Damit verschoben sich auch die Anteile der einzelnen Mitgliedstaaten an den EU-Warenexporten in die USA. Entfielen 2024 noch mehr als 30 Prozent auf Deutschland, waren es 2025 weniger als 27 Prozent. Deutschland verzeichnete damit unter den Mitgliedstaaten die größten Anteilsverluste. Irlands Anteil stieg im selben Zeitraum von 13 Prozent auf über 20 Prozent.
Zudem unterscheiden sich die effektiven bilateralen US-Zollsätze zwischen den Mitgliedstaaten teils erheblich. Sie geben das Verhältnis der tatsächlich gezahlten Zölle zum Wert der jeweiligen US-Importe an. Die Unterschiede erklären sich aus produktspezifischen Ausnahmen von den pauschalen US-Importzöllen: Für Pharmaprodukte gelten etwa niedrigere, für Stahl und Aluminium dagegen etwa höhere Sätze. Der effektive bilaterale US-Zollsatz hängt daher davon ab, welche Waren ein Mitgliedstaat in die USA exportiert.
Für die EU insgesamt lag der durchschnittliche effektive bilaterale US-Zollsatz von Januar bis August 2026 bei 7,7 Prozent. Für Waren aus Deutschland betrug er 9,5 Prozent. Noch höher fiel er für Waren aus Österreich, der Slowakei und insbesondere Luxemburg aus. Dänemark und Finnland lagen leicht unter dem EU-Durchschnitt. Irland blieb mit einem effektiven US-Zollsatz von lediglich 1,5 Prozent deutlich darunter. Das liegt an den Zollausnahmen für pharmazeutische und einige chemische Produkte.
Verschiedene Studien und Umfragen zeigen zudem, dass die amerikanischen Käufer den überwiegenden Teil der Zollbelastung selbst trugen. Die Verkäufer konnten die gestiegenen Kosten vielfach an sie weiterreichen. Das liegt unter anderem daran, dass die USA häufig auf Importe angewiesen sind, wie unsere Berechnungen für Einfuhren aus der EU zeigen. Die Zölle erhöhen den Preisdruck in den USA und tragen damit zu Trumps schlechten Umfragewerten bei.
Über die Zölle hinaus dürfte von Trumps wirtschaftspolitischer Agenda vor allem das hohe Maß an Unsicherheit in Erinnerung bleiben. Die US-Regierung kündigte wiederholt Zölle an und nahm sie teils wieder zurück. Diese Unberechenbarkeit erschwert die Planung der Unternehmen erheblich, zumal ihre Lieferketten komplex sind und sich oft über mehrere Ländergrenzen erstrecken. Besonders deutlich wurde das bei einigen Maschinenbauern in der EU, deren Produkte im August 2025 plötzlich ebenfalls von den 50-prozentigen Stahl- und Aluminiumzöllen erfasst wurden. Da teilweise unklar war, wie die Zölle zu berechnen waren, und im Zweifelsfall hohe Strafzahlungen drohten, stellten einige der betroffenen deutschen Unternehmen ihre Exporte in die USA zeitweise vollständig ein.
Vertrauensverlust ist der größte Schaden
Schwerer als die Zölle selbst wiegt jedoch, dass die US-Regierung sie als Druckmittel für politische Ziele nutzt. Das zeigte sich etwa in der Grönlandkrise, als die USA einigen EU-Mitgliedstaaten wegen der vorübergehenden Entsendung von Soldaten nach Grönland mit Strafzöllen drohten. Auch die europäische Regulierung von Tech-Unternehmen nahm die US-Regierung zum Anlass für Zolldrohungen. Das bedeutet einen fundamentalen Bruch mit der Logik und den Regeln der transatlantischen Beziehungen, die auf gegenseitigem Vertrauen beruhten. Die Trump-Regierung misst diesem Vertrauen bei ihrem transaktionalen Vorgehen erkennbar wenig Bedeutung bei.
Der Verlust dieses Vertrauens ist der eigentliche Schaden für die transatlantischen Beziehungen. Wie dauerhaft dieser Schaden sein wird, lässt sich noch nicht sicher sagen. Das hängt unter anderem vom Ausgang der Kongresszwischenwahlen ab. Unabhängig davon muss die Grundlage der US-EU-Partnerschaft erneuert werden. Die EU und Deutschland können dazu beitragen, indem sie wirtschaftlich und technologisch, vor allem aber verteidigungs- und sicherheitspolitisch stärker und eigenständiger werden. Auf dieser Grundlage kann eine neue transatlantische Partnerschaft erwachsen.
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