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Michael Hüther in der Welt Gastbeitrag 6. Juli 2021

Ende des Gesundheits-Diktats – jetzt muss die Bildung den Ton angeben

Die Politik redet wieder von Grundrechtseinschränkungen. Obwohl die Ausgangslage eine völlig andere ist als vor einem Jahr. Wir müssen vor allem die Schule als Lernort sichern. Um das Chaos zu beseitigen, braucht es mutige Bildungspolitiker – und Samstags-Unterricht, schreibt IW-Direktor Michael Hüther in einem Gastbeitrag für die Welt.

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Was ich klarstellen will:

Es klingt banal, aber der Herbst 2021 ist nicht der Herbst 2020. Hört man hingegen maßgeblichen Stimmen der Politik zu, so könnte man genau den gegenteiligen Eindruck gewinnen. Ob Bundeskanzlerin oder Bundesgesundheitsminister: Stellt Euch – so lautet die Ansprache an die lieben Mitbürger – darauf ein, dass es wiederum Einschränkungen der Grundrechte geben werde. Vor allem die vage Drohung, es müsste wohl der Schulbetrieb wieder eingeschränkt werden – Wechselunterricht oder gar Distanzunterricht –, schreckt die Leute und soll es wahrscheinlich auch. Dazu aber darf es nicht kommen: Schulschließungen oder andere Eingriffe in das Grundrecht auf Bildung sind zu vermeiden.

Warum ich das gerade jetzt sage:

Einerseits: Der Herbst 2021 wird nicht der Herbst 2020 sein. Den Unterschied macht der Impffortschritt. Das RKI spricht davon, dass das Pandemiegeschehen kontrollierbar wird, indem es sich zu einem endemischen Phänomen wandelt.

Das bedeutet aber, dass die Entwicklung der Neuinfektionen – gemessen an der Sieben-Tage-Inzidenz je 100.000 Einwohner oder dem Reproduktionswert – nicht mehr der relevante Indikator ist. Die Impfung verringert die Ansteckungsgefahr und das Risiko schwerer Verläufe.

Eine „epidemische Lage von nationaler Tragweite liegt vor, wenn eine ernsthafte Gefahr für die öffentliche Gesundheit in der gesamten Bundesrepublik Deutschland besteht“, so heißt es in Paragraf 5 des Infektionsschutzgesetzes. Früh wurde das mit der Auslastung der intensivmedizinischen Kapazitäten konkretisiert.

Das Risiko ist nun aber durch die Impfung stark gemindert, sodass künftig das Infektionsgeschehen nicht anders zu bewerten sein wird als bei bekannten endemischen Phänomenen. Der Hinweis auf Virusvarianten muss ernst genommen werden, kann aber keine vorsorgliche Grundrechtseinschränkung rechtfertigen.

Andererseits: Wir wissen heute empirisch gesättigt, was jedem im Vorhinein klar sein musste. Distanzunterricht ist zwar mehr als nichts, aber auch nicht viel mehr als das. Das gilt generell, weil auch in bildungsaffinen Haushalten der Unterricht zu Hause auf längere Sicht zu einer Überforderung wird.

Die familiäre Situation in den eigenen vier Wänden beruht auf der zeitlichen wie räumlichen Trennung zum Lernort und zum Arbeitsort. Jedenfalls kann das nur begrenzte Zeit vermischt werden, ohne dass Spannungen auftreten. Vor allem aber führt der Distanzunterricht dazu, dass Kinder aus bildungsferneren Haushalten noch weiter benachteiligt werden.

Hinzu kommt, dass in diesen Haushalten die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass auch andere Folgen der Pandemie und Pandemiepolitik sich negativ auswirken: Die Beschäftigungsverluste sowie das gestiegene Insolvenzrisiko in den vom Lockdown betroffenen Branchen treffen meist jene Haushalte, in denen die Zeitressourcen und die Bildungsvoraussetzungen für die Unterstützung der Kinder geringer sind. Die psychischen Belastungen der Kinder sind schon früh in der Pandemie untersucht worden, so vom UKE in Hamburg. Auf diese Hinweise hat die Politik nie wirklich reagiert.

Die Vorstellung, dass digital gestützter Distanzunterricht eine neue Norm für die Allgemeinbildung der Kinder sein könnte, ist mindestens so abwegig wie die, dass alle Beschäftigten künftig im Homeoffice weilen. Der Lernort ist und bleibt auch in der digitalen Welt die Schule.

Dass es um andere Lernkonzepte, technische Unterstützung und moderne Raum- und Zeitstrukturen gehen muss, trägt aber nur, wenn es ohne Masken von Angesicht zu Angesicht in Schulen organisiert wird. Bildung ist nicht nur Wissensvermittlung und Kompetenzerwerb, sondern auch Sozialisation – die Befähigung zum verantwortlichen Reden und Handeln im öffentlichen Raum.

Wer bestimmt sofort protestiert:

Lehrerverbände und Elternverbände, insofern sich dort, was häufig der Fall, jene sich systematisch wortstark positionieren, die besonders risikoavers sind und hundertprozentigen Schutz fordern, der nie zu haben ist. Wohl auch jene Aktivisten von ZeroCovid und NoCovid, die für die Idee, das Virus (weitgehend) auszurotten, den Verlust der Freiheit und die Einschränkung der Grundrechte in Kauf nehmen.

Wie es nun idealerweise weitergeht:

Um die Schule als Lernort zu sichern, sind Investitionen in Lüftungsanlagen ebenso geboten wie die Vorbereitung einer Impfkampagne für die Schüler im Herbst. Die Lernverluste sind gezielt in den Schulen zu kompensieren, und zwar für Kinder mit besonderem Förderbedarf sowie vor dem Übergang in eine andere Bildungsstufe. Das wird ohne eine Ausweitung des Unterrichts auf Nachmittage und den Samstag nicht gehen. Die konsequente Verkleinerung der Klassen gerade in der Sekundarstufe auf 25 Schüler gehört ebenso dazu.

Damit das gelingt, brauchen wir mutige Bildungspolitiker, die nun anstelle der Gesundheitspolitiker den Ton angeben. Wir benötigen eine klare Zielvorstellung für die Pandemiepolitik im Herbst, um insgesamt zu Maß und Mitte zurückzukehren. Die Gesellschaft als Ganzes muss lernen, Covid-19 nun als kontrollierbares Risiko und nicht mehr als überwältigende Ungewissheit zu sehen.

Zum Gastbeitrag auf welt.de

 

 

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