Doch diese scheinbar so makellose Bilanz ist nur eine Momentaufnahme. Denn für ihre Fortschreibung gibt es gleich eine ganze Reihe von Herausforderungen:

- Die Digitalisierung der Wirtschaft schreitet mit großer Geschwindigkeit voran und erfasst immer mehr Felder unseres täglichen Lebens. Verbunden damit ist ein hoher gesamtwirtschaftlicher Investitions- und Modernisierungsbedarf.

- Die Internationalisierung wirtschaftlicher Prozesse geht einher mit einer zunehmenden Mobilität von Sachkapital, Finanzkapital und von Personen. Migration wird zu einer ständigen Begleiterscheinung wirtschaftlichen Austauschs.

- Starke demografische und migrationsbedingte Veränderungen der Bevölkerungszahl und vor allem deren altersstrukturelle und qualifikatorische Zusammensetzung verändern den längerfristigen Wachstumspfad unserer Volkswirtschaft und die Entwicklung der Pro-Kopf-Einkommen.

- Die demografische Entwicklung stellt die öffentlichen Haushalte vor große Herausforderungen. Die Einnahmen aus der Einkommensteuer werden demografiebedingt langsamer wachsen, die Ausgaben in der Gesetzlichen Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung deutlich ansteigen.

Anders als früher vermutet, wird Deutschland aufgrund der Rekordzuwanderung des Jahres 2015 nicht mehr schrumpfen, sondern die Wohnbevölkerung wird bis zum Jahr 2035 um 1,2 Millionen auf über 83 Millionen steigen. Unverändert bleibt es jedoch bei der starken Alterung der deutschen Wohnbevölkerung, wenn auch aufgrund der Zuwanderung in vermindertem Tempo. Das hat auch Auswirkungen auf den zukünftigen Wachstumspfad: Nach einer IW-Wachstumsrechnung würde sich das jährliche Potenzialwachstum in Deutschland demografiebedingt bis zum Jahr 2035 auf nur noch rund einen ¾-Prozentpunkt vermindern und damit gegenüber den beiden zurückliegenden Dekaden mehr als halbieren.

Dies liegt in erster Linie am Rückgang der Erwerbsbevölkerung, denn trotz einer weiter zunehmenden Arbeitsmarktpartizipation wird das wachstumsrelevante Arbeitsvolumen ab Mitte der 2020er Jahre merklich sinken und damit auch die Wachstumsmöglichkeiten bremsen. Auch die Wachstumsbeiträge der Kapitalbildung und des technischen Fortschritts können die negativen Arbeitsangebotseffekte nicht mehr vollständig kompensieren, wenn sich an den längerfristigen Trends nichts ändert.

Soll sich also das BIP-Wachstum in den nächsten 20 Jahren nicht halbieren, bedarf es einer klaren demografiepolitischen Wachstumsvorsorge. Der Wachstumseinbruch kann durch umfangreiche Maßnahmen zur Steigerung der Beschäftigung („Beschäftigungsszenario“), der Investitionen und des technischen Fortschritts („Technologieszenario“) oder gar einer Kombination aus beiden Pfaden („Kombinationsszenario“) ausgeglichen werden. Folglich sind für die neue Legislatur die drei Handlungsfelder Arbeit, Investitionen und Produktivität zentral, um die negativen Folgen der Alterung für das zukünftige Pro-Kopf-Einkommen zu vermeiden (Übersicht).

Handlungsfeld Arbeit

Eine weitere Ausweitung der Erwerbstätigkeit ist notwendig, um das Lebenseinkommen auch für die durchschnittliche höhere Lebenserwartung in einer alternden Gesellschaft erwirtschaften und den negativen Altersstruktureffekt ausgleichen zu können. Dazu gehört erstens eine höhere Jahresarbeitszeit, denn die tarifliche Jahressollarbeitszeit für Vollzeitarbeitnehmer ist in Deutschland unterdurchschnittlich. Zweitens ist der geltende Arbeitszeitrahmen weiter zu flexibilisieren, denn mit der zunehmenden Verbreitung von digitalen Kommunikationsmitteln steigt der zeitliche Flexibilitätsbedarf von Unternehmen und Beschäftigten. Drittens bedarf es einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Die Einführung der Rente mit 63 war demografiepolitisch ein großer Rückschritt, daher führt an einer weiteren Erhöhung des gesetzlichen und auch effektiven Renteneintrittsalters kein Weg vorbei, wenn extreme Anpassungen im Rentenniveau oder beim Beitragssatz vermieden werden sollten. Viertens muss der mit der Steigerung der Erwerbsquoten verbundene Hebel zu einem höheren Arbeitsvolumen durch den weiteren Ausbau vereinbarkeitsförderlicher Leistungen und Maßnahmen gestärkt werden.

Handlungsfeld Investitionen

Ein erhöhter Kapitaleinsatz durch Investitionen kann den geringeren Arbeitseinsatz infolge einer zurückgehende Erwerbsbevölkerung teilweise ersetzen. Investitionen sind die Grundlage zukünftiger Erträge und damit auch zukünftigen Wohlstands. Daher ist erstens in die Qualität der öffentlichen Infrastrukturen zu investieren. Eine Vermehrung des staatlichen Infrastrukturbestands um rund 10 Milliarden Euro würde das BIP dauerhaft um rund 2,5 Milliarden Euro erhöhen. Zweitens ist die digitale Dateninfrastruktur dringend an internationale Spitzenstandards wie etwa in Schweden heranzuführen. Vor allem die geringe Verbreitung von Glasfaseranschlüssen kann sich als Wachstumsbremse erweisen. Drittens schafft eine bessere Verfügbarkeit von Wagniskapital zusätzliche Investitionen und Marktchancen. Viertens sollten Existenzgründungen namentlich im Hochtechnologiebereich höher priorisiert werden: Deutschland liegt im internationalen Vergleich der Gründungsraten allenfalls auf einem mittleren Platz, das Gründungsgeschehen ist im Trend rückläufig. Deshalb ist fünftens die Stärkung der Gründungsfinanzierung im Allgemeinen und der Venture Capital-Basis im Besonderen erforderlich, um den Kapitalbedarf für innovative Gründer zu decken. Der Mangel an Risikokapital erweist sich vielfach für junge und innovative Unternehmen noch als eine Innovationsbarriere.

Handlungsfeld Produktivität

Eine höhere Produktivität und ein beschleunigter technischer Fortschritt sind starke Hebel zur Steigerung des Wohlstands bei gegebenem Arbeits- und Kapitalangebot. Erstens können durch eine gute Ausbildung sowohl der inländischen Bevölkerung als auch der steigenden Zahl von Zuwanderern zusätzliche Potenziale für Innovation und Wachstum entwickelt und die drohenden Engpässe des deutschen Arbeitsmarktes bei qualifizierten Mitarbeitern geschlossen werden. Zweitens sind zielgruppengenaue Bildungsinvestitionen in die Erhöhung der Schülerkompetenzen zur Verminderung oder Vermeidung von Bildungsarmut prioritär. Der Kompetenzerwerb von jungen Menschen steht im Zentrum der Humankapitalausstattung einer Volkswirtschaft im demographischen Wandel. Die Schaffung von Bildungschancen ist vor allem angesichts der großen Integrationsherausforderungen der Flüchtlingsmigration von besonderer Bedeutung. Drittens sind auch die erreichten Fortschritte bei der Steigerung des technischen MINT-Fachkräfteangebots sowohl auf der beruflichen wie auf der akademischen Ebene weiter zu verstetigen. Viertens sollten die FuE-Ausgaben bis 2025 auf wenigstens 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung erhöht werden. Dazu müssten aber pro Jahr mindestens 15 Milliarden Euro zusätzlich an Forschungsmitteln aufgebracht werden. Umso wichtiger ist es daher fünftens, dass in der neuen Legislaturperiode endlich eine steuerliche Forschungsförderung eingeführt wird.

Demografievorsorge lohnt sich

Werden die genannten Maßnahmenbündel ergriffen, kann das BIP-Wachstum nach einer Schwächephase wieder auf das bisher gewohnte Durchschnittsniveau von knapp unter 1 ½ Prozent zurückgebracht werden. Das wirkt sich auch konkret auf das durchschnittliche Einkommen der Wohnbevölkerung aus:

  • Im Beschäftigungsszenario wird das Arbeitsvolumen gegenüber dem Trend gesteigert. Das Pro-Kopf- Einkommen liegt bis zum Ende des Projektionszeitraums kumuliert um knapp 10.000 Euro höher als im Basisfall.
  • Werden im Technologieszenario der Kapitaleinsatz und das technologische Wissen forciert, dann beläuft sich die kumulierte Handlungsdividende bis zum Jahr 2035 auf 12.500 Euro je Einwohner.
  • Bei einem Kombinationsszenario im Sinne einer umfassenden Anpassungsstrategie an den demografischen Wandel kann sogar eine Handlungsdividende von kumuliert rund 22.000 Euro je Einwohner bis zum Jahr 2035 realisiert werden.