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Andreas Fischer auf Focus Online Gastbeitrag 12. Juni 2024

Die Wahrheit hinter Deutschlands Import-Rekord beim Strom

Nach mehr als 20 Jahren hat Deutschland 2023 das erste Mal wieder mehr Strom im- als exportiert. Das sorgte für kontroverse Diskussionen. Dabei ist dies vor allem ein Zeichen für einen funktionierenden europäischen Strommarkt und sorgt für günstigen und klimafreundlichen Strom, schreibt IW-Energie-Ökonom Andreas Fischer in einem Gastbeitrag für Focus onlne .

Im vergangenen Jahr entwickelte sich der deutsche Stromsektor trotz Nachwirkungen der Energiekrise und der Abschaltung der letzten drei Kernkraftwerke durchaus positiv: Analog zu den Gaspreisen erholten sich auch die Strompreise nach dem Rekordhoch 2022, blieben aber auf einem relativ hohen Niveau. Aufgrund der gefallenen Gaspreise stieg auch der Anteil von Erdgas im Strommix wieder an. Dafür sank die Verstromung von Braun- und Steinkohle um 29 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Die Erzeugung der erneuerbaren Energien nahm dagegen um rund 7 Prozent zu und deckt mittlerweile über die Hälfte des deutschen Stromverbrauchs. Dadurch nahm der CO2-Abdruck der deutschen Stromerzeugung weiter ab. Der seit 2000 bereits um über ein Drittel gesunken ist - aber trotzdem noch deutlich über dem europäischen Durchschnitt liegt.

Erstmals Nettoimporte seit mehr als 20 Jahren

Daneben gab es auf der Angebotsseite eine weitere Änderung im Vergleich zu den Vorjahren: Deutschland hat 2023 das erste Mal seit 2002 mehr Strom importiert als an die Nachbarländer exportiert. Abzüglich der eigenen Exporte hat Deutschland 2023 11,7 Terawattstunden (TWh) aus anderen Staaten bezogen. Diese Nettoimporte entsprachen etwa 2,3 Prozent des deutschen Strombedarfs. Der Beitrag zur Stromversorgung ist daher überschaubar, auch wenn die Bruttoimporte – ohne Abzug der deutschen Exporte – insgesamt 12,3 Prozent ausmachten.

Dieser Importüberschuss ist aber kein Zeichen dafür, dass der deutsche Kraftwerkspark nicht mehr ausreicht, die eigenen Bedarfe zu decken. Neben der zunehmenden Anzahl erneuerbarer Energien standen im vergangenen Jahr auch in Zeiten, in denen fleißig importiert wurde, nicht nur bestehende Kohlekraftwerke, sondern auch ausreichende Gaskapazitäten zur Verfügung.

Strom wird schlichtweg zu den Zeiten importiert, in denen der Strompreis in den Nachbarländern niedriger ist und die grenzüberschreitenden Leitungen ausreichend freie Kapazität aufweisen, um diesen nach Deutschland zu leiten. Dadurch können Importe den Strompreis an der Börse zeitweise absenken, wenn günstiger Strom in den Nachbarländern zur Verfügung steht.

Grenzüberschreitender Stromhandel

Der importierte Strom war also zur jeweiligen Zeit die günstigere Alternative, im Vergleich zu der Erzeugung des deutschen Kraftwerksparks. Da erneuerbare Energien vorrangig eingespeist werden und ohne Brennstoffkosten nahezu kostenfrei betrieben werden können, betrifft das vor allem Kohle- und Gaskraftwerke, die entsprechend nicht zusätzlich genutzt werden mussten.

Der importierte Strom stammt dabei von unseren Nachbarn aus allen Himmelsrichtungen. Verbindungen über Seekabel haben in den vergangenen Jahren weitere Handelspartner an den deutschen Strommarkt angeschlossen: Neben Schweden können wir seit 2021 über das Kabel „NordLink“ Strom aus Norwegen importieren. Ab 2028 soll über die Verbindung „NeuConnect“ auch eine direkte Verbindung nach Großbritannien bestehen.

Insgesamt stammen über 70 Prozent der deutschen Importe aus Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, Norwegen und der Schweiz. Auf Grundlage des Strommix der einzelnen Partnerländer zeigt sich, dass der Anteil Erneuerbarer Energien bei den importierten Strommengen mit 53 Prozent auf dem gleichen Niveau der deutschen Erzeugung liegt. Der Anteil der fossilen Stromerzeugung ist in Deutschland mit 40 Prozent allerdings deutlich höher als bei den Importen (18 Prozent) und der Anteil der Kernkraft deutlich geringer (22 Prozent).

Nettoimporte: Grün und günstig

Deutlicher zeigt sich der klimafreundliche Aspekt bei den Nettoimporten – also das positive Importsaldo mit Ländern, aus denen wir mehr Strom importieren als wir dorthin exportieren. Hier entfielen 2023 rund 83 Prozent auf die skandinavischen Länder Dänemark, Schweden und Norwegen, mit jeweils sehr hohen Anteilen erneuerbarer Energien im Strommix von 65 bis 99 Prozent. Weshalb der Anteil der Erneuerbaren an diesen deutschen Nettoimporten bei 73 Prozent lag und auch der CO2-Abdruck im Schnitt nur weniger als ein Drittel einer in Deutschland erzeugten Kilowattstunde betrug.

Der grüne Strommix dieser Länder spiegelt sich auch im Preis wider: Zwar ist der Strommarkt in den genannten skandinavischen Ländern in einzelne Gebotszonen mit unterschiedlichen Preisen unterteilt und die Anschlüsse an das deutsche Netz befinden sich dabei jeweils in der teuersten Preiszone.

Trotzdem lag der durchschnittliche Börsenstrompreis 2023 in diesen Preiszonen in Dänemark und Norwegen 9 respektive 17 Prozent unter unseren. In Schweden war der Strom sogar 32 Prozent günstiger. Somit profitiert Deutschland im Falle der Importe von der klimafreundlichen Erzeugung als auch den günstigeren Preisen in den Partnerländern.

Diese jährlichen Durchschnittswerte sind allerdings nur bedingt repräsentativ für die tatsächlichen Preise der Stromimporte. Denn der Strompreis schwankt an den Börsen. Besonders niedrig ist dieser oft, wenn das Stromangebot in Zeiten hoher Einspeisung von Solar- und Windenergieanlagen entsprechend groß ist. Daher bestehen Anreize für Importe oftmals dann, wenn das Stromangebot im Nachbarland aufgrund der starken Einspeisung erneuerbarer Energien besonders groß und entsprechend günstig ist.

Wodurch wir davon ausgehen können, dass der exportierte Strom einzelner Länder häufig etwas grüner und günstiger ist als der Blick auf den durchschnittlichen Strommix verrät. Für die Verbraucher ist der direkte Effekt dabei meist überschaubar. Da erstens der Anteil der Importe am Stromverbrauch begrenzt ist und zweitens ein Großteil der Verbraucherpreise nicht nur auf der eigentlichen Beschaffung des Stroms basiert, sondern auf Netzentgelten, Steuern sowie weiteren Abgaben und Umlagen.

Wir sollten uns an Importe gewöhnen

Der europäische Stromhandel ermöglicht es uns nicht nur, von der günstigen Stromerzeugung in Nachbarländern zu profitieren, sondern hilft so auch dabei die regional unterschiedlichen Schwankungen der Erneuerbaren auszugleichen. Neben anderen wichtigen Maßnahmen, wie dem inländischen Netz- und Speicherausbau, bildet der Stromaustausch mit den Nachbarländern damit eine weitere Säule, um die Integration weiter steigender Anteile erneuerbarer Energien im europäischen Stromsystem zu stemmen.

Die gestiegenen Stromimporte sind daher kein Grund zur Sorge. Stattdessen sollten wir das günstige Stromangebot aus den europäischen Partnerländern begrüßen und die nötigen Leitungskapazitäten weiter ausbauen. Denn diese Stromimporte helfen uns dabei, die eigene Versorgung effizienter und damit günstiger als auch klimafreundlicher zu gestalten – auch wenn wir den eigenen Bedarf durchaus selbst decken könnten.

Ohnehin gehen verschieden Szenarien, zur Modellierung einer erfolgreichen Transformation in Deutschland und der sich daraus ergebende Energieversorgung, in den kommenden Jahren von höheren Nettoimporten aus. Daher sollten wir uns an Stromimporte gewöhnen und sie für eine effiziente Energiewende nutzen.

Zum Gastbeitrag auf focus.de

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