1. Home
  2. Studien
  3. Migrationswende: Mehrere Entwicklungen spielen zusammen
IW-Kurzbericht Nr. 49 28. Juli 2026 Wido Geis-Thöne Migrationswende: Mehrere Entwicklungen spielen zusammen

In den letzten Jahren kommen vorwiegend aufgrund der veränderten Lage in Syrien immer weniger Geflüchtete nach Deutschland.

PDF herunterladen
IW-Kurzbericht 49/2026
IW-Kurzbericht Nr. 49 28. Juli 2026 Wido Geis-Thöne

Migrationswende: Mehrere Entwicklungen spielen zusammen

Wido Geis-Thöne Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

In den letzten Jahren kommen vorwiegend aufgrund der veränderten Lage in Syrien immer weniger Geflüchtete nach Deutschland.

Gleichzeitig ist vor dem Hintergrund des demografischen Wandels in Europa eine zunehmende Rückwanderungsbewegung in die neuen EU-Mitgliedsländer zu beobachten und die ebenfalls stark erwerbsorientierte Migration aus dem Westbalkan verliert an Gewicht.

Im Jahr 2025 hat Deutschland insgesamt 235.000 Personen durch Zuwanderung gewonnen. Mit einer Ausnahme während der Hochphase der Coronapandemie war das Niveau seit dem Jahr 2010 nicht mehr so niedrig. Im Jahr 2023 lag die Nettozuwanderung noch bei 663.000 Personen. Davor war allerdings in den Jahren 2008 und 2009 keine Zuwanderung, sondern eine Nettoabwanderung von zusammen rund 69.000 Personen zu verzeichnen (Statistisches Bundesamt, 2026). Es ist also keinesfalls selbstverständlich, dass Deutschland durch Migration überhaupt Bevölkerung und Arbeitskräfte gewinnt. Dass die Zuwanderung nach Deutschland derzeit stark rückläufig ist, geht auf mehrere Entwicklungen zurück, die in keinem engen Zusammenhang miteinander stehen.

Aufnahme Geflüchteter

Stellten im Jahr 2023 noch 329.000 Personen einen Asylerstantrag in Deutschland, waren es im Jahr 2025 nur noch 113.000 und die Zahlen sind weiter rückläufig (BAMF, 2026a). Maßgeblich hierfür ist ein stark rückläufiger Zuzug syrischer Geflüchteter. So ist die Zahl ihrer Asylerstanträge zwischen den Jahren 2023 und 2025 von 103.000 auf nur noch 23.000 zurückgegangen (BAMF, 2026b). Dies lässt sich auf die wesentlich verbesserte Lage in Syrien nach dem Ende des Assad-Regimes im Jahr 2024 zurückführen. Sie hat auch dazu geführt, dass in den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 auch nur noch 19,2 Prozent der Asylverfahren von Syrern positiv beschieden (BAMF, 2026a).

Gleichzeitig ist auch die Zahl der Asylerstanträge von Afghanen zwischen den Jahren 2023 und 2025 von 51.000 auf 24.000 Personen zurückgegangen (BAMF, 2026b), was sowohl mit der verschärften Migrationspolitik in Deutschland und Europa als auch mit der Entwicklung in Afghanistan nach der Machtübernahme durch die Taliban in Zusammenhang stehen kann. Im Jahr 2023 befand sich die Zahl der Asylanträge von türkischen Staatsangehörigen mit 61.000 ebenfalls auf einem hohen Niveau, sie ist aber inzwischen wieder auf 12.000 zurückgegangen. Dabei erhalten diese in Deutschland nur sehr selten Flüchtlingsschutz. Derzeit zeichnet sich auch keine stärkere Fluchtbewegung aus einem anderen Kriegs- und Krisenland außerhalb Europas, wie dem Iran, nach Deutschland ab.

Eine Sonderstellung nehmen die Geflüchteten aus der Ukraine ein, die in Deutschland außerhalb des Asylsystems aufgenommen werden. Im Jahr 2025 lag die Nettozuwanderung von ukrainischen Staatsangehörigen bei 89.000 Personen, womit sie die mit weitem Abstand größte Gruppe aus einem einzelnen Land waren. Im Jahr 2024 waren es mit 116.000 allerdings noch deutlich mehr (Statistisches Bundesamt, 2026). Ob die Zahlen weiter zurückgehen oder wieder ansteigen werden, wird maßgeblich von der Entwicklung des Kriegsgeschehens abhängen. Aus demografischer Sicht sind die Migrationspotenziale in der Ukraine, anders als in den außereuropäischen Herkunftsländern Geflüchteter, in jedem Fall rückläufig, da bereits vor dem Krieg mehr Personen starben als geboren wurden. 

Inhaltselement mit der ID 15527 Inhaltselement mit der ID 15529
Inhaltselement mit der ID 15528

Neue EU-Mitgliedsländer und Westbalkan

Im vergangenen Jahrzehnt hat die Zuwanderung aus den neuen EU-Mitgliedsländern einen wesentlichen Beitrag zur Stabilisierung der Arbeitskräftebasis geleistet. So waren 5,0 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland im Oktober 2023 Staatsangehörige dieser Länder. Gleichzeitig leisteten sie auch einen wesentlichen Beitrag zur saisonalen Beschäftigung, etwa in der Landwirtschaft, für die sich im Inland nur schwer Arbeitskräfte finden lassen (Geis-Thöne, 2025a). Inzwischen ist jedoch eine starke Rückwanderungsbewegung zu verzeichnen. Im Jahr 2025 haben 45.000 mehr Staatsangehörige der neuen EU-Mitgliedsländer das Land verlassen als zugezogen sind. Im Vorjahr waren es bereits 35.000, wohingegen im Jahr 2023 noch eine Nettozuwanderung von rund 42.000 Personen zu verzeichnen war.

Dass es in den nächsten Jahren nochmals zu einer stärkeren Zuwanderungsbewegung aus den neuen EU-Mitgliedsländern kommt, erscheint sehr unwahrscheinlich, da der demografische Wandel auch dort zunehmend zu Engpässen an den Arbeitsmärkten führt, und die wirtschaftlichen Gefälle gegenüber Deutschland gleichzeitig kleiner geworden sind (Geis-Thöne, 2025a). Vielmehr besteht die Gefahr, dass sich die Rückwanderungsbewegung einige Jahre weiter fortsetzt. In jedem Fall müssen Politik und Wirtschaft darauf hinarbeiten, die Arbeitskräfte aus den neuen EU-Mitgliedsländern durch Personen aus anderen Herkunftsländern zu ersetzen.

Außerhalb der Freizügigkeit hat die Zuwanderung aus den Westbalkanländern in den letzten Jahren in ähnlicher Weise die Arbeitskräftebasis in Deutschland gestärkt (Geis-Thöne, 2025b). Seit dem Jahr 2022 geht die Nettozuwanderung von Personen mit Staatsangehörigkeiten dieser sechs Länder jedoch ebenfalls zurück und lag im Jahr 2025 noch bei 39.000 Personen. Dies ist noch immer ein substanzieller Wert, da die Länder bei einer schrumpfenden Bevölkerung zusammen nur 16,8 Millionen Einwohner haben. Aus demografischer Sicht bestehen an sich auch dort kaum mehr Migrationspotenziale, jedoch könnte eine ungünstigere Gesamtlage als in den neuen EU-Mitgliedsländern dazu führen, dass von dort auch weiterhin Arbeitskräfte nach Deutschland zuwandern.

Zuwanderung aus anderen Ländern

In der Gesamtsicht war auch die Zuwanderung aus dem Rest der Welt zwischen den Jahren 2023 und 2025 stark rückläufig. So ist der Wanderungssaldo von Personen mit Staatsangehörigkeiten des amerikanischen Doppelkontinents von 27.000 auf 17.000 gesunken. Jedoch gibt es auch gegenläufige Bewegungen. Insbesondere ist die Nettozuwanderung von Vietnamesen von 10.000 auf 19.000 Personen gestiegen (Statistisches Bundesamt, 2026; eigene Berechnungen). Betrachtet man die Bestände der Aufenthaltstitel von Personen aus dem außereuropäischen Ausland, waren zwischen dem 31.12.2023 und dem 31.12.2025 Zunahmen von 33.000 oder 13,6 Prozent bei der Erwerbsmigration und von ebenfalls 33.000 oder 15,3 Prozent bei der Bildungsmigration zu verzeichnen (Statistisches Bundesamt, 2026; eigene Berechnungen). Damit lässt sich feststellen, dass diese für die Fachkräftesicherung besonders wichtigen Bereiche von der Migrationswende noch kaum betroffen waren. Dies könnte sich jedoch ändern, wenn es durch die Industriekrise insbesondere für MINT-Fachkräfte aus dem Ausland schwieriger wird, eine auch für den Aufenthaltstitel entscheidende qualifikationsadäquate Beschäftigung im Land zu finden.

Abwanderung von Inländern

Gleichermaßen könnte die Industriekrise zur Abwanderung von Fachkräften aus dem Inland führen. Dass per Saldo eine Abwanderung inländischer Staatsangehöriger zu verzeichnen ist, ist jedoch der Normalfall und lediglich der deutliche Anstieg von 74.000 auf 97.000 Personen zwischen den Jahren 2023 und 2025 kann ein Hinweis auf eine ungünstige Entwicklung sein. Allerdings kann dieser unter Umständen zu bedeutenden Teilen auf eine verstärkte Rückkehr zuvor eingebürgerter Zuwanderer zurückgehen. Eindeutig feststellen lässt sich das nicht, da bei vielen abwandernden Personen mit inländischer Staatsangehörigkeit bei der Ausreise kein Zielland erfasst wird.

Ableitungen für die Politik

Sollte es zu einer stärkeren Abwanderung hochqualifizierter Fachkräfte kommen, könnte dies nicht nur unmittelbar die bestehenden Engpässe am Arbeitsmarkt verstärken, sondern auch die Innovationskraft der Wirtschaft und ihre längerfristigen Entwicklungspotenziale einschränken. Daher sollte die Attraktivität Deutschlands als Wohn- und Arbeitsort für Fachkräfte weiter gestärkt oder zumindest erhalten werden. Dazu zählt insbesondere auch eine Begrenzung der Belastung durch Steuern und Abgaben. Zudem sollten die Zuwanderung von Personen aus Drittstaaten insbesondere durch schnellere Visaverfahren erleichtert werden und Zugangswege für Arbeitskräfte mit niedrigerem formalen Qualifikationsniveau, ähnlich der Westbalkanregel, für weitere Herkunftsländer geöffnet werden.

DOI: 10.67087/19.21346

PDF herunterladen
IW-Kurzbericht 49/2026
IW-Kurzbericht Nr. 49 28. Juli 2026 Wido Geis-Thöne

Migrationswende: Mehrere Entwicklungen spielen zusammen

Wido Geis-Thöne Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema

Artikel lesen
Innenminister Alexander Dobrindt vollzieht eine Migrationswende: Die Zahl der Zuwanderer sinkt – auch die aus den neuen EU-Ländern.
Pressemitteilung 28. Juli 2026 Wido Geis-Thöne

Migration: Arbeitskräfte aus den neuen EU-Ländern kehren zurück

Seit 2024 kehren deutlich mehr Personen in die neuen EU-Mitgliedsländer zurück als zuwandern. Zugleich ist die Zahl der Asylanträge stark gesunken, zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

Wido Geis-Thöne IW

Artikel lesen
Video 20. Mai 2026 Michael Hüther bei Atlantik-Brücke e.V.

Deutschland und Kanada suchen den gemeinsamen Kurs

Am Rande der Deutsch-Kanadischen Konferenz sprechen IW-Direktor Michael Hüther, stellvertretender Vorsitzender der Atlantik-Brücke, und Nik Nanos, Vorsitzender von Atlantik-Brücke Kanada, über Wissenschaftsfreiheit als Wettbewerbsvorteil und eine konstruktivere Migrationsdebatte.

Michael Hüther bei Atlantik-Brücke e.V. IW

Mehr zum Thema

Inhaltselement mit der ID 8880