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Wido Geis-Thöne IW-Kurzbericht Nr. 18 8. März 2019 Und was ist mit den Besten?: Immer mehr Einser-Abiturienten

Im Jahr 2017 lag der Anteil der Einser-Abiturienten an der Bevölkerung im entsprechenden Alter mit 3,3 Prozent fast doppelt so hoch wie noch 2006 mit 1,7 Prozent. Dabei sind den PISA-Studien zufolge heute an sich nicht mehr Schüler als „Top-Performer“ einzustufen. Den Leistungsstärksten schadet das, wenn ihre Kompetenzen schlechter gefördert und dokumentiert werden.

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Immer mehr Einser-Abiturienten
Wido Geis-Thöne IW-Kurzbericht Nr. 18 8. März 2019

Und was ist mit den Besten?: Immer mehr Einser-Abiturienten

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Im Jahr 2017 lag der Anteil der Einser-Abiturienten an der Bevölkerung im entsprechenden Alter mit 3,3 Prozent fast doppelt so hoch wie noch 2006 mit 1,7 Prozent. Dabei sind den PISA-Studien zufolge heute an sich nicht mehr Schüler als „Top-Performer“ einzustufen. Den Leistungsstärksten schadet das, wenn ihre Kompetenzen schlechter gefördert und dokumentiert werden.

In den letzten Jahrzehnten hat an den deutschen Schulen eine starke Bildungsexpansion stattgefunden. Deutlich wird dies, wenn man die Bildungsniveaus verschiedener Altersgruppen vergleicht. So hatten im Jahr 2017 bereits 53,3 Prozent der 20- bis 24-Jährigen in Deutschland, aber nur 39,0 Prozent der 40- bis 44-Jährigen und 26,1 Prozent der 60- bis 64-Jährigen die Hochschul- oder Fachschulreife. Noch im Jahr 2006 lag der Anteil bei den 20- bis 25-Jährigen mit 37,4 Prozent um über 15 Prozent niedriger (Statistisches Bundesamt, 2019; eigene Berechnungen).

Dass immer mehr junge Menschen eine gymnasiale Oberstufe durchlaufen, ist an sich sehr positiv zu bewerten, da Bildung in der sich verändernden Arbeitswelt zunehmend an Bedeutung gewinnt. Allerdings ergeben sich auch eine Reihe bildungspolitischer Herausforderungen. So muss einerseits einer Entwertung der anderen Schulformen und -abschlüsse entgegengewirkt und andererseits dafür gesorgt werden, dass die besonders leistungsstarken Schüler auch weiterhin so gefördert und gefordert werden, dass sie ihre Potenziale voll entfalten können. Letzteres ist nicht nur im Sinne der Kinder wichtig, sondern auch für die Entwicklung des Landes von großer Bedeutung, da es sich bei diesen vielfach um die Leistungsträger in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft von morgen handelt.

In diesem Kontext kann die Benotungspraxis am oberen Rand eine wichtige Rolle spielen. Erreichen Schüler bereits mit begrenztem Lernaufwand die Note „sehr gut“, haben sie gegebenenfalls wenig Anreiz sich noch mehr anzustrengen. Sind sie in mehreren Fächern stark und erhalten keine gezielte Förderung außerhalb des regulären Unterrichts, kann es für sie bei niedrigeren Leistungsanforderungen auch schwieriger sein, herauszufinden, wo ihre besonderen Stärken genau liegen. Zudem ist das Anforderungsniveau für die Aussagekraft der sehr guten Noten über das genaue Leistungsniveau der Schüler von großer Bedeutung. Diese wiederum ist etwa sehr wichtig, wenn Studienplätzen in stark nachgefragten Studiengängen im Numerus-Clausus-Verfahren nach den Abiturnoten vergeben werden.

Dabei beenden in den letzten Jahren immer mehr junge Menschen ihren schulischen Bildungsweg mit einem Einser-Abitur. Erlangten den Zahlen der Kultusministerkonferenz zufolge im Jahr 2006 deutschlandweit noch nur 14.999 Personen die allgemeine Hochschulreife mit einem Notenschnitt bis 1,4, waren es 2017 bereits 27.748. Betrachtet man alle Absolventen mit einem Schnitt bis 1,9, ist ihre Zahl von 52.566 im Jahr 2006 auf 84.491 im Jahr 2017 gestiegen. Die Höchstnote 1,0 erreichten im Jahr 2017 mit 5.769 mehr als doppelt so viele Abiturienten wie im Jahr 2006 mit 2.529 (KMK, 2008, 2018; eigene Berechnungen). Eine Darstellung von Werten für die Zwischenjahre ist nicht sinnvoll, da diese aufgrund der doppelten Abiturjahrgänge nach oben verzerrt wären. Zudem ist darauf hinzuweisen, dass sich die Zahlen nur auf die allgemeine Hochschulreife beziehen und die Fachhochschulreife nicht miterfassen. Diese weist insbesondere mit Blick auf den Hochschulzugang allerdings auch eine niedrigere Wertigkeit auf.

Da sich in den letzten Jahren auch die Zahl der jungen Menschen im für das Abitur in Frage kommenden Alter verändert hat, sollen im Folgenden auch die Anteile der Einser-Abiturienten an der Bevölkerung im entsprechenden Alter betrachtet werden. Um diese zu ermitteln, wurden die Anteile der Abiturienten mit Spitzennoten an allen erfolgreichen Abiturienten mit den vom statistischen Bundesamt ermittelten Anteilen der Studienberechtigten mit allgemeiner Hochschulreife an der Bevölkerung im entsprechenden Alter hochgerechnet.

Für das Jahr 2017 ergibt sich so ein Bevölkerungsanteil von 3,3 Prozent Abiturienten mit Note 1,4 und besser. Für das Jahr 2006 liegt der entsprechende Wert mit 1,7 Prozent nur rund halb so hoch. Dabei ist nicht der Abiturientenanteil an der Bevölkerung von 29,9 Prozent auf 40,3 Prozent gestiegen. Auch der Anteil der Einser-Abiturienten an allen erfolgreichen Abiturienten hat von 5,6 Prozent auf 8,2 Prozent zugenommen. Überdies ergeben sich für die Bundesländer sehr unterschiedliche Werte. So liegt der für das Jahr 2017 ermittelte Anteil der Einser-Abiturienten an der Bevölkerung im entsprechenden Alter in Niedersachsen mit 1,9 Prozent weniger als halb so hoch wie in Brandenburg und Thüringen mit jeweils 5,3 Prozent (Abbildung).

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Nimmt man die Abiturienten mit Note 1,9 und besser in den Blick, ist ihr Anteil an der Bevölkerung von 5,9 Prozent auf 10,1 Prozent und ihr Anteil an allen erfolgreichen Abiturienten von 19,7 Prozent auf 24,9 Prozent gestiegen. Für die Abiturienten mit Note 1,0 ergeben sich Bevölkerungsanteile von 0,3 Prozent für das Jahr 2006 und 0,7 Prozent für das Jahr 2017, sowie Anteil an allen Abiturienten von 0,9 Prozent und 1,7 Prozent (KMK, 2008, 2018; Statistisches Bundesamt, 2008, 2018; eigene Berechnungen).

Würde sich hierin tatsächlich ein Anstieg der Zahl junger Menschen mit einem besonders hohen Kompetenzniveau und nicht nur einen Rückgang der Leistungsanforderungen bei den Abiturprüfungen widerspiegeln, müssten sich eine ähnliche Entwicklung in außercurricularen Erhebungen des Leistungsstands von Schülern, wie den PISA-Studien, wiederfinden. Diese zeichnen allerdings ein anderes Bild. So ist der Anteil der 15-jährigen Schüler, die das Höchstniveau (PISA-Stufe 6) erreichen, zwischen 2006 und 2015 in Mathematik von 4,5 Prozent auf 2,9 Prozent gesunken und in den Naturwissenschaften mit jeweils 1,8 Prozent konstant geblieben. Im Lesen sind die Werte aufgrund von Änderungen bei den Tests nicht vergleichbar. Betrachtet man die Anteile der von der OECD als „Top-Performer“ eingestuften Schüler, die mindestens die zweithöchste Stufe 5 erreichen, so ist der Wert in Mathematik von 15,4 Prozent auf 12,9 Prozent und in Naturwissenschaften von 11,8 Prozent auf 10,6 Prozent gesunken. Allerdings ist zwischen 2009 und 2015 im Lesen ein deutlicher Anstieg von 7,6 Prozent auf 11,7 Prozent zu verzeichnen (OECD 2007, 2016).

Unterscheiden sich die Leistungsanforderungen an die Abiturienten stark zwischen den einzelnen Ländern, ist das noch problematischer, als wenn sie sich über die Zeit verändern. Viele Abiturienten wechseln zur Fortsetzung ihrer Ausbildung nämlich in ein anderes Bundesland, sodass es zu Verwerfungen bei der Studienplatzvergabe kommen kann, wenn die Abiturnoten nicht genau dasselbe Kompetenzniveau dokumentieren. Dabei gibt es keine Hinweise darauf, dass sich die großen Länderunterschiede bei den Top-Abiturnoten tatsächlich mit entsprechenden Kompetenzunterschieden bei den Schülern rechtfertigen lassen .

Die Bildungspolitik ist gefordert, die Abiturprüfungen bundesweit soweit zu vereinheitlichen, dass die einzelnen Abiturnoten dasselbe Leistungsniveau dokumentieren. Dabei sollte unbedingt darauf geachtet werden, dass es nicht zu einem weiteren Absinken der Leistungsanforderungen für die Vergabe guter Noten kommt. Hinzuweisen ist hier etwa auf die Kritik des Philologenverbands an den neuen Bewertungsmaßstäben der Kultusministerkonferenz für die Abiturprüfung (Zeit, 2019). Zudem muss dafür gesorgt werden, dass die leistungsstärksten Kinder und Jugendlichen in den Schulen Angebote erhalten, die sie entsprechend ihrer Fähigkeiten fördern und fordern. Erfolgen diese außerhalb des regulären Unterrichts, muss überdies sichergestellt werden, dass die erworbenen Kompetenzen gut dokumentiert werden, sodass sie etwa auch bei der Studienplatzvergabe berücksichtigt werden können.

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