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Sonja Beer IW-Kurzbericht Nr. 57 5. Mai 2020 Die Corona-Krise in den Entwicklungs- und Schwellenländern: Eine Katastrophe naht

Seit Wochen breitet sich das Coronavirus im Westen stark aus. China ist die Eindämmung des Virus zum Teil gelungen. Obwohl die wirtschaftlichen Konsequenzen in den meisten Entwicklungs- und Schwellenländern bereits jetzt schon deutlich spürbar sind, steht im Hinblick auf die Verbreitung des Virus noch das Schlimmste bevor.

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Eine Katastrophe naht
Sonja Beer IW-Kurzbericht Nr. 57 5. Mai 2020

Die Corona-Krise in den Entwicklungs- und Schwellenländern: Eine Katastrophe naht

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Seit Wochen breitet sich das Coronavirus im Westen stark aus. China ist die Eindämmung des Virus zum Teil gelungen. Obwohl die wirtschaftlichen Konsequenzen in den meisten Entwicklungs- und Schwellenländern bereits jetzt schon deutlich spürbar sind, steht im Hinblick auf die Verbreitung des Virus noch das Schlimmste bevor.

Die Zahlen der erfassten Corona-Neuinfektionen in den meisten Schwellenländern sind relativ gering, sodass der Höchstwert des Corona-Ausbruchs noch nicht erreicht ist. In den letzten Tagen hat sich die Situation in diversen Schwellenländern rasch verschlechtert: Die Türkei, Russland und Brasilien haben derzeit mehr als 100.000 registrierte Neuinfektionen. Iran kommt auf fast 100.000 Neuinfektionen, Indien und Peru auf jeweils nahezu 50.000 Neuinfektionen (JHU, 2020). Hierbei ist fraglich, wie umfassend die Corona-Infektionen jeweils erfasst werden.

Um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, haben diese Länder inzwischen sehr weitreichende Maßnahmen wie völlige Isolation, Ausgangssperren und weit verbreitete Schließungen im öffentlichen Raum eingeführt.

  • Die russische Regierung erklärte den Monat April zum bezahlten Urlaubsmonat. Diese Maßnahme wurde nun bis zum 11. Mai verlängert.
  • Die mehr als 1,3 Milliarden Einwohner Indiens befinden sich schon seit dem 24. März im kompletten Lockdown.
  • Auch die Türkei hat für das vergangene Wochenende zum dritten Mal eine Ausgangssperre verhängt.
  • Brasilien ist das Land mit den meisten Corona-Neuinfizierten in Südamerika, obwohl der brasilianische Präsident Bolsonaro das Coronavirus verharmlost hat. Die Gouverneure der brasilianischen Bundesstaaten haben sich darüber hinweggesetzt und zahlreiche Ausgangsbeschränkungen verhängt.

Bereits verheerende wirtschaftliche Auswirkungen

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie werden in allen Ländern folgenschwer sein, jedoch werden sie für die Schwellenländer noch dramatischer sein als für die entwickelten Länder. Während Letztere über bessere Gesundheitssysteme und mehr wirtschaftspolitischen und vor allem fiskalischen Spielraum verfügen, um die Krise zu überstehen, sehen sich die Schwellenländer gleichzeitig mit einer kaum eindämmbaren Gesundheits-, Wirtschafts-, und Finanzkrise konfrontiert. Zusätzlich zu den Problemen, die alle Länder betreffen (z. B. Nachfrage- und Angebotsschock), kommen bei den Entwicklungsländern noch eine schwache Gesundheitsinfrastruktur, eine hohe Verschuldung, eine rasch zunehmende Kapitalflucht und eine Abwertung der Landeswährungen hinzu. Darüber hinaus hängen viele Volkswirtschaften (z. B. Türkei und Thailand) sehr stark vom Tourismus ab, eine Branche, die von Covid-19 besonders schwer betroffen ist. Dies gilt auch für die Rohstoffexporteure: Die Preise für zahlreiche Rohstoffe (vor allem Erdöl) befinden sich seit dem Beginn der Pandemie im Sinkflug, was vor allem den großen Exporteuren wie Russland, Saudi-Arabien, Brasilien und Nigeria stark zusetzt. Insgesamt sehen sich die meisten Schwellenländer bereits jetzt mit großen wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert, obwohl die Pandemie noch nicht mit voller Wucht zugeschlagen hat.

Rekorde bei Kapitalflucht

Die Schwellenländer stehen seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie an den Finanzmärkten unter einem enormen Druck. Viele ausländische Investoren sind verunsichert und ziehen ihr Kapital aus diesen Ländern ab. Laut dem Institute for International Finance (IIF, 2020) belief sich die Summe im März 2020 auf 83,3 Milliarden US-Dollar, was einem höheren Wert als dem im Vergleichszeitraum während der Finanzkrise 2008/2009 entspricht. Die Abbildung illustriert die Kapitalflüsse in die Schwellenländer im Zeitraum 2014 bis 2019 und eine Prognose für das Jahr 2020. Die Prognose des Instituts schätzt, dass sich die ausländischen Kapitalströme in die Schwellenländer (ohne China) im Jahr 2020 auf 304 Milliarden US-Dollar reduzieren werden, was deutlich unter dem Vorjahreswert (678 Milliarden US-Dollar) liegen würde. Dies entspricht einer Reduktion von rund 55 Prozent. Bezugnehmend auf die Zusammensetzung der ausländischen Investitionen, zeigt die Abbildung, dass ausländische Portfolioinvestitionen für das Jahr 2020 aufgrund der ausgeprägten Risiken im Jahr 2020 mit minus 41 Milliarden US-Dollar negativ ausfallen dürften. Im Jahr 2019 lag der Wert bei 155 Milliarden US-Dollar. Die grundsätzlich stabileren ausländischen Direktinvestitionen sollten weniger stark einbrechen (294 Milliarden US-Dollar). Im Vergleich zu 2019 jedoch fallen sie deutlich geringer aus (356 Milliarden US-Dollar).

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Die rasche Kapitalflucht bringt viele Herausforderungen mit sich. Die Flucht in den Dollar führt zu großen Abwertungen der Landeswährungen. Der mexikanische Peso und der brasilianische Real sind zum US-Dollar seit Anfang Februar um bis zu 30 Prozent zurückgegangen, der südafrikanische Rand um mehr als 20 Prozent. Der russische Rubel und die türkische Lira sind um jeweils mehr als 15 Prozent im gleichen Zeitraum eingebrochen. Gleichzeitig bedeutet dies eine Erhöhung der in US-Dollar aufgenommenen Schulden in Landeswährung. Viele Schwellenländer hatten bereits vor der Krise große Schulden aufgebaut. Die Abwertung macht es nicht nur schwieriger, alte Schulden zu begleichen, sondern auch, neue Schulden aufzunehmen. Daher könnten einige Länder in eine Finanzkrise steuern und somit in unüberwindbare Zahlungsschwierigkeiten geraten.

IMF korrigiert seine Wachstumsprognose stark nach unten

Diese Herausforderungen dämpfen die Wachstumsaussichten der Schwellenländer. Der International Monetary Fund (IMF, 2020) hat vor Kurzem seine Wachstums­prognose stark nach unten korrigiert: Insgesamt wird die Wirtschaftsleistung in der Gruppe der Schwellen- und Entwicklungsländer voraussichtlich um 1,0 Prozent im Jahr 2020 schrumpfen (um 2,2 Prozent, wenn China nicht berücksichtigt wird). Die meisten Regionen müssen mit sehr hohen Wachstumseinbrüchen rechnen: Lateinamerika (–5,2 Prozent), die aufstrebenden Länder Europas (–5,2 Prozent), der Nahe Osten und Zentralasien (–2,8 Prozent) sowie Subsahara Afrika (–1,6 Prozent). Die aufstrebenden Länder Asiens werden voraussichtlich die einzige Region mit einer positiven Wachstumsrate im Jahr 2020 sein (+1,0 Prozent). Das liegt vor allem an China (+1,2 Prozent) und Indien (+1,9 Prozent), die positive Wachstumszahlen verzeichnen werden. Jedoch fallen diese Werte sehr niedrig aus: Die Wachstumsraten von China und Indien lagen letztes Jahr bei 6,1 Prozent und 4,2 Prozent. Doch mit einer Wachstumsprognose von –5,3 Prozent für Brasilien und –5,5 Prozent für Russland befinden sich diese Länder in einer noch schwierigeren Situation. Das Gleiche gilt für Südafrika, das eine Wachstumsrate von –5,8 Prozent zu erwarten hat.

Multilaterale Zusammenarbeit essenziell

In manchen Schwellenländern ist die Situation trotz der Wachstumseinbrüche etwas besser als in anderen: Das gilt vor allem für China und Russland, da diese Länder in der Vergangenheit bereits Finanzreserven aufbauen konnten. Doch in den meisten Schwellenländern sind keine großen staatlichen Hilfspakete zur Konjunkturstabilisierung möglich, was eine multilaterale Unterstützung unumgänglich macht. Der IWF unterstützt aktiv gefährdete Länder durch verschiedene Kreditfazilitäten. Die Finanzminister der G20-Staaten haben zudem vor Kurzem ein Schuldenmoratorium für Entwicklungsländer beschlossen. Ob diese Maßnahmen zur Überbrückung der Krisenzeit für die Schwellenländer ausreichend sein werden, bleibt abzuwarten.

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