Dreieinhalb Jahre nach Kriegsbeginn plant die US-Regierung neue Russland-Sanktionen, darunter drakonische Sekundärzölle für Länder, die russische Waren beziehen. China ist mit 130 Milliarden US-Dollar wichtigster Importeur russischer Waren.
Sanktionen gegen Russland: Wer finanziert noch Putins Kriegskasse?
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Dreieinhalb Jahre nach Kriegsbeginn plant die US-Regierung neue Russland-Sanktionen, darunter drakonische Sekundärzölle für Länder, die russische Waren beziehen. China ist mit 130 Milliarden US-Dollar wichtigster Importeur russischer Waren.
Trotz westlicher Sanktionen stiegen die Exporte Russlands in die 20 größten Handelspartner 2024 inflationsbereinigt um 18 Prozent auf 330 Milliarden US-Dollar – Putins Kriegskasse bleibt gut gefüllt. Effizienter als neue Zölle wären ein deutlich gesenkter Ölpreisdeckel und strengere Maßnahmen gegen die Schattenflotte.
Dreieinhalb Jahre nach Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine erwägen die USA – maßgeblich vorangetrieben durch den US-Senat – gemeinsam mit der EU neue Sanktionen gegen Russland. Die Enttäuschungen der US-Regierung über Putins Verweigerungshaltung zu einem Waffenstillstand könnten die transatlantischen Partner wieder zusammenschweißen. Die geplanten Sanktionen zielen auf die russischen Einnahmen aus Exporten ab, US-Senatoren favorisieren dabei Sekundärzölle, das heißt: Auch Produzenten aus Drittstaaten sollen künftig zur Kasse gebeten werden, wenn ihre Waren russische Güter enthalten. Von Zöllen über 500 Prozent ist die Rede.
Ein solches Vorgehen würde vor allem die Abnehmer russischer Waren, insbesondere von Öl, Gas und anderen Rohstoffen, prohibitiv stark treffen. Dazu zählen primär Länder wie China, Indien, Türkei und Brasilien, die ihre Importe aus Russland seit Beginn des Krieges stark ausgebaut haben (siehe Abbildung). China ist mit 130 Milliarden US-Dollar der mit Abstand wichtigste Importeur russischer Waren, gefolgt von Indien, das vor dem Krieg nur an zwölfter Stelle der wichtigsten Handelspartner Russlands stand und nun der zweitwichtigste Abnehmer russischer Waren, insbesondere von Erdöl, ist. Brasilien hat den Bezug von russischen Waren fast verdoppelt, auch die Türkei tritt als bedeutender Abnehmer russischer Exporte auf. Weitere starke Anstiege von Importen aus Russland verzeichnen die früheren Sowjetrepubliken Usbekistan und Armenien, die durch Pipeline-Gas versorgt werden. Auch Israel hat seinen Handel mit Russland stark ausgebaut, insbesondere durch den Import von Erdöl.
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Handelsverschiebungen durch westliche Sanktionen
Die Verschiebung der Handelsströme, insbesondere in Länder des Globalen Südens, resultiert aus dem bereits engen Sanktionsnetz des Westens, der den Handel mit Russland auf ein sehr niedriges Niveau zurückgefahren hat (Gerards Iglesias, 2024). Deutschland importierte 2024 92 Prozent weniger Waren aus Russland als 2021, die nur noch einen Wert von 2 Milliarden US-Dollar betragen. Doch auch im Westen gibt es Ausnahmen: Die politisch dem Kreml nahestehenden Länder Ungarn und Slowakei zählen noch zu den wichtigen Handelspartnern Russlands. Die Slowakei hat ihre Importe nur geringfügig reduziert, Ungarn hat seine Importe aus Russland inflationsbereinigt sogar um ein Drittel gesteigert. Die 20 größten Handelspartner Russlands importierten im Jahr 2024 Waren im Wert von 330 Milliarden US-Dollar aus Russland. Inflationsbereinigt entspricht das einem Anstieg um 18 Prozent gegenüber dem Vorkriegsniveau im Jahr 2021. Der Export in diese Länder machte damit rund 16 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts aus. Putins Kriegskasse leert sich trotz aller europäischen Bemühungen nicht. Stattdessen nutzt das Regime die Lücken im Sanktionsregime geschickt, um seine finanziellen Mittel zu erweitern. Auch die vorläufigen Daten des Jahres 2025 zeigen, dass sich an dieser Entwicklung wenig geändert hat.
Fraglich ist, ob die US-Regierung ihre Drohung wahr machen und wirklich ein drakonisches Sekundärzoll-Regime einführen und auch durchhalten wird, zumal die bisherigen Erfahrungen eine sehr wankelmütige Politik gezeigt haben. Die Androhung von Zöllen wird dadurch immer weniger glaubwürdig. Die EU wird sich kaum dazu bewegen lassen, sich diesen – fast willkürlichen – Maßnahmen anzuschließen, ohne selbst großen wirtschaftlichen Schaden zu tragen und eine Zolleskalationsspirale zu erzeugen. Auch die Anwendbarkeit von Zöllen erscheint fraglich: Handelsdaten lassen sich erst mit Verzögerung nachvollziehen und zudem könnte dies zu einer weiteren Intransparenz von Handelsstatistiken führen. Russland veröffentlicht aus diesem Grund seit 2022 nicht mehr seine Handelsstatistiken.
Ölpreisdeckel senken, Schattenflotte dezimieren
Ein koordiniertes Vorgehen wäre viel wirksamer, um den Preisdeckel für russisches Öl deutlich zu senken. Dessen Wirksamkeit hat aufgrund fallender Weltmarktpreise mit 60 Dollar pro Barrel zuletzt stark nachgelassen. Dies würde die Einnahmen Russlands deutlich schmälern, da mehr als ein Drittel des russischen Staatshaushalts aus Einnahmen von Öl- und Gasexporten stammt (Yermakov, 2024). Allerdings muss der Preisdeckel so weit gesenkt werden, dass opportunistische Importsteigerungen durch Drittstaaten die Einnahmeverluste nicht – wie im vergangenen Jahr – vollständig kompensieren oder gar übertreffen. Ein niedriger Ölpreisdeckel von 30 Dollar pro Barrel hätte beispielsweise im April 2025 die Einnahmen Russlands um 38 Prozent oder 4,1 Milliarden Euro gesenkt (CREA, 2025a).
Auch sollten Sanktionen die russische Logistik stärker in den Blick nehmen: Die Schattenflotte, die zunehmend auch für Sabotageakte an westlicher Infrastruktur verantwortlich gemacht wird, könnte noch stärker sanktioniert werden, etwa durch Sekundärsanktionen gegen Drittstaaten-Reedereien und Hafenbetreiber.
Doch auch der Westen selbst muss stärker handeln und Kontrollen durchsetzen: Dass die Schattenflotte durch EU-Hoheitsgewässer fährt und dabei Sabotageakte begeht sowie Umweltrisiken erzeugt, ist ein nicht hinnehmbarer Zustand. Der Warenumschlag auf See, sogenannte STS-Transfers, könnte für russische Schiffe in EU-Gewässern komplett verboten werden. Ebenso sollten ölverarbeitete Produkte aus Drittstaaten aber mit russischem Ursprung sowie LNG-Importe aus Russland auf die Embargoliste gesetzt werden. Im dritten Kriegsjahr überschritten die EU-Importe aus Russland den Wert der EU-Hilfen an die Ukraine (CREA, 2025b). Dass mehrere EU-Länder zu den bedeutenden Abnehmern russischer Rohstoffe zählen, ist weiterhin ein dunkler Fleck im westlichen Sanktionsregime.
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