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IW-Kurzbericht Nr. 7 7. Februar 2026 Michael Grömling Ökonomische Kosten der Krisen in Deutschland

In den krisengeplagten Jahren seit 2020 kam es in Deutschland zu einem Ausfall an Wirtschaftsleistungen von nahezu einer Billion Euro. Allein ein Viertel davon entfällt auf das vergangene Jahr.

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Ökonomische Kosten der Krisen in Deutschland
IW-Kurzbericht Nr. 7 7. Februar 2026 Michael Grömling

Ökonomische Kosten der Krisen in Deutschland

Michael Grömling Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

In den krisengeplagten Jahren seit 2020 kam es in Deutschland zu einem Ausfall an Wirtschaftsleistungen von nahezu einer Billion Euro. Allein ein Viertel davon entfällt auf das vergangene Jahr.

Je Erwerbstätigen entspricht dies einem Wertschöpfungsverlust von insgesamt deutlich über 20.000 Euro durch die Pandemie, die Folgewirkungen des Kriegs in der Ukraine und die konfrontative Politik der USA.

Die gesamtwirtschaftliche Leistung konnte in Deutschland auch im Jahr 2025 das Niveau von 2019 kaum übertreffen. Nach den volkswirtschaftlichen Belastungen durch die Pandemie haben die Auswirkungen der russischen Invasion in der Ukraine und die damit einhergehenden geoökonomischen Verwerfungen die wirtschaftliche Entwicklung gelähmt. Die konfrontative Politik der neuen US-Regierung und die dadurch ausgelösten Umbrüche haben im vergangenen Jahr die deutsche Wirtschaft zusätzlich belastet. Die laufende Dekade ist bislang von außergewöhnlichen Schocks und gewaltigen ökonomischen Anpassungslasten geprägt, die mittlerweile das Belastungsniveau früherer Krisen deutlich übertreffen (Grömling, 2025). In dem vorliegenden Beitrag werden eine Aktualisierung und Fortschreibung der gesamtwirtschaftlichen Produktionsausfälle im Gefolge der Pandemie und der mannigfachen geopolitischen Verwerfungen vorgenommen. Wie auch in den vorhergehenden Schätzungen zu den ökonomischen Kosten der Krisen in Deutschland (Grömling, 2022; 2025) werden eine Trennung und Zurechnung der Belastungen auf die einzelnen Schocks nicht vorgenommen, da sich seit dem Jahr 2022 die einzelnen Krisen und ihre ökonomischen Folgewirkungen überlagern.

Um Wirtschaftsausfälle und die entsprechenden ökonomischen Kosten im Gefolge von außergewöhnlichen Ereignissen zu schätzen und Größenordnungen zu beziffern, können zumindest zwei unterschiedliche Vorgehensweisen gewählt werden (Grömling, 2025): Für das Krisenausmaß kann ein Vergleich mit der Wirtschaftsleistung vor den jeweiligen Ereignissen herangezogen werden. Dies könnte zum Beispiel mit Blick auf die letzten sechs Jahre, in denen die gesamten Auswirkungen der genannten Schocks angefallen sind, das vierte Quartal 2019 oder der Jahresdurchschnitt 2019 sein. Es wird dabei jedoch ignoriert, dass sich das Wirtschaftsleben ohne die Pandemie und die geopolitischen Umbrüche weiterentwickelt hätte und voraussichtlich nicht auf dem Niveau des Jahres oder des Schlussquartals 2019 stehengeblieben wäre. In diesem Kontext wurde bereits in vorhergehenden Analysen (Grömling, 2022; 2025) darauf verwiesen, dass für Deutschland vor Ausbruch des Pandemieschocks für die Jahre 2020 und 2021 jeweils ein Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von rund 1 Prozent prognostiziert wurde. Ebenso waren die Erwartungen für Deutschland für die Jahre 2022 und 2023 vor dem Kriegsausbruch in der Ukraine überaus optimistisch.

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Vor diesem Hintergrund kann für eine Schätzung der Wertschöpfungsverluste der tatsächlichen Wirtschaftsentwicklung ein kontrafaktischer Konjunkturverlauf gegenübergestellt werden. In dieser hypothetischen Realität wird ein ökonomisches Umfeld unterstellt, in dem es im hier konkreten Fall die Pandemie, den Krieg in der Ukraine mit seinem Energieschock und die Verunsicherungen und Belastungen durch die US-Politik nicht gibt. Um diese kontrafaktische Wirtschaftsentwicklung abzuleiten, kann einerseits auf Prognosen für die entsprechenden Jahre, die vor Ausbruch der Schocks datieren, zurückgegriffen werden. Andererseits kann wie in den früheren Schätzungen (Grömling, 2022; 2025) eine kontrafaktische Realität angenommen werden, die sich an der trendmäßigen Konjunkturdynamik in der Vergangenheit, etwa im Zeitraum 1991 bis 2019, orientiert.

Aus der Gegenüberstellung des tatsächlichen Konjunkturverlaufs in Deutschland auf Basis des gemessenen realen BIP und einer kontrafaktischen Wirtschaftsentwicklung für eine Welt ohne Pandemie und Geopolitikkrisen ergeben sich dann jeweils für die 24 hier betrachteten Quartale die in der Abbildung dargestellten Einbußen an gesamtwirtschaftlicher Wertschöpfung. Die Werte und Abweichungen wurden auf Basis von preis- und saisonbereinigten Daten für die einzelnen Quartale berechnet. Zudem sind die durchschnittlichen Vierteljahreswerte für die einzelnen Jahre dargestellt, um da-mit eine Zu- oder Abnahme der jährlichen Belastungseffekte anzuzeigen.

Akkumuliert über diese sechs Krisenjahre ergibt sich somit ein Ausfall an preisbereinigtem BIP in Höhe von insgesamt 940 Milliarden Euro. Wie in den vorhergehenden Analysen werden gerundete Werte ausgewiesen, um damit auch den Charakter einer groben Orientierungsrechnung zu betonen. Demnach waren im ersten Coronajahr 2020 wirtschaftliche Einbußen in einer Größenordnung von insgesamt 185 Milliarden Euro zu verbuchen. Mehr als die Hälfte davon ist allein dem starken Wirtschaftseinbruch im zweiten Quartal 2020 zuzurechnen. Für das Jahr 2021 werden Wertschöpfungseinbußen in Höhe von 100 Milliarden Euro geschätzt. Die Verluste in diesen beiden Jahren können zum Großteil der Pandemie und ihren Folgewirkungen zugerechnet wer-den. Gleichwohl dürften auch in den Folgejahren zumindest bei einer Schätzung auf Basis eines kontrafaktischen Konjunkturverlaufs pandemiebedingte Wirtschaftsausfälle zu verzeichnen sein. Diese überlagern sich jedoch mit den seit dem ersten Quartal 2022 anfallenden Verlusten infolge des Kriegs in der Ukraine und der insgesamt geopolitisch belasteten Weltwirtschaft. Gemäß der hier verwendeten Modellrechnung belaufen sich die Ausfälle im Jahr 2022 auf 75 Milliarden Euro. Aufgrund der faktischen Stagnation und des unterstellten kontrafaktisch weiter ansteigenden Verlaufs steigen die geschätzten wirtschaftlichen Verluste in den Jahren 2023 auf 140 Milliarden und 2024 deutlich auf über 200 Milliarden Euro weiter an. Die im Jahr 2025 anhaltende Stagnation brachte nunmehr einen Rekordwert an Einbußen von 235 Milliarden Euro mit sich.

Im Gegensatz zu dieser Schätzung wären auf Basis eines Referenzniveaus, das sich an der Vergangenheit (etwa dem Jahr 2019) orientiert, seit Ende 2021 keine Einbußen zu verzeichnen gewesen. Der Krieg in der Ukraine und die Anpassungslasten infolge der konfrontativen Wirtschaftspolitik der USA würden keine Ausfälle mit sich bringen, da die Wirtschaftsleistung in Deutschland in den vergangenen drei Jahren mehr oder weniger auf dem Vergleichsniveau von 2019 stagnierte. Dagegen ergeben sich auf Basis einer kontrafaktischen Realität erhebliche und ansteigende Wirtschaftsausfälle. Das basiert auf der Annahme, dass sich ohne diese Krisen das Wirtschaftsleben mit dem Durchschnittstempo der letzten drei Dekaden weiterentwickelt hätte und nicht aus anderen Gründen als die der Pandemie und der Geopolitik stehengeblieben wäre.

Nach der Erholung vom Pandemieschock kamen die wirtschaftlichen Aktivitäten in Deutschland nunmehr seit drei Jahren nicht mehr über das Niveau des Jahres 2019 hinaus. Aufgrund dieser faktischen Stagnation und eines unterstellten kontrafaktisch weiter ansteigenden Verlaufs öffnete sich bislang die Schere immer weiter und die wirtschaftlichen Verluste nahmen in den letzten Jahren durchgehend und deutlich zu (siehe auch Grömling, 2024; 2025). Aufsummiert über diesen mittlerweile sechsjährigen Zeitraum ergibt sich ein geschätzter Ausfall an preisbereinigtem BIP in Höhe von nahezu einer Billion Euro. Ein Viertel davon entfällt allein auf das letzte Jahr. Bezogen auf die durchschnittliche Anzahl an Erwerbstätigen in Deutschland in diesem Zeitraum entspricht dies einem Wertschöpfungsausfall von insgesamt deutlich über 20.000 Euro. Dieser Gesamtausfall je Erwerbstätigen über die vergangenen sechs Jahre beläuft sich wiederum auf rund ein Fünftel der durchschnittlichen Jahresleistung einer wirtschaftlich aktiven Person in Deutschland in diesem Zeitraum.

DOI: 10.67087/19.20897

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