Nach zwei Jahren Rezession tritt die deutsche Wirtschaft im Jahr 2025 nur auf der Stelle. Der Außenhandel bleibt im Desorientierungsstress, weil geopolitische De-Normalisierung den Welthandel belasten.
IW-Konjunkturprognose Herbst 2025: Warten auf die Wende
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Nach zwei Jahren Rezession tritt die deutsche Wirtschaft im Jahr 2025 nur auf der Stelle. Der Außenhandel bleibt im Desorientierungsstress, weil geopolitische De-Normalisierung den Welthandel belasten.
Der Konsum bleibt trotz normaler Inflation, aber wegen gedämpfter Beschäftigungsperspektiven unter seinem Potenzial. Die Investitionen verharren im Vorsichtsmodus. Für 2026 wird eine anhaltende Besserung erwartet – mit gut 1 Prozent wird aber keine wirkliche Aufschwungsqualität erreicht.
VGR-Revision
Die Bewertung und Prognose der deutschen Konjunktur ist von Revisionen in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) geprägt. Bei der Veröffentlichung der detaillierten Daten für das zweite Quartal 2025 wurde die wenige Wochen vorher veröffentlichte Schnellschätzung deutlich nach unten korrigiert. Auch der Konjunkturverlauf der letzten Jahre wurde gründlich überarbeitet. Zum einen war die Erholung nach dem Pandemieschock 2020 erheblich stärker und das Vorkrisenniveau von 2019 wurde im Jahr 2022 sichtlich übertroffen. Zum anderen zeigt sich seitdem jedoch eine stärkere Rezession in den Jahren 2023 und 2024.
Mit Blick auf das Jahr 2025 gab das preis-, saison- und arbeitstäglich bereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal nunmehr um 0,3 Prozent nach. Der erfreuliche Jahresstart und die Hoffnung auf eine anhaltende Wende der deutschen Konjunktur wurden damit wieder geschmälert. Gleichwohl gibt es Anzeichen, dass das Bild für das zweite Quartal möglicherweise wieder in ein besseres Licht gerückt werden könnte – da es jüngst bei der Industrieproduktion für Juni zu einer erheblichen Aufwärtskorrektur kam.
Branchenkonjunktur
Nichtsdestotrotz bilden die aktuell gemeldeten VGR-Daten die Basis für die Bewertung und Prognose. Demnach war die reale Bruttowertschöpfung in der Industrie und vor allem im Baugewerbe zuletzt wieder rückläufig. Die nur moderate Gangart der Dienstleister konnte dies nicht ganz kompensieren.
Der deutsche Außenhandel verharrt im Desorientierungsstress. Die geopolitische Weltlage bremst Weltwirtschaft und Welthandel und das trifft die deutsche Industrie hart. Die konfrontative Außenpolitik der USA beeinträchtigt das globale Miteinander und ist eine Ursache für die deutsche Exportschwäche.
Der private Konsum verharrt trotz der sichtbaren Verbesserung im Jahresverlauf 2024 und im ersten Quartal 2025 im Vorsichtsmodus. Das durch die Normalisierung der Inflation und die Einkommenszuwächse verfügbare Potenzial wird weiterhin nicht ausgeschöpft. Besorgnis über die wirtschaftliche Zukunft und die Arbeitsplätze stehen einer nennenswerten Konsumerholung im Weg.
Auf den Investitionen lasten die Unsicherheiten des wirkenden Strukturwandels. Die Unwägbarkeiten infolge der weltpolitischen De-Normalisierung und die Unsicherheiten durch die klimabedingte Transformation lasten auf der Investitionstätigkeit am Standort Deutschland. Hinzu kommen Wettbewerbsnachteile bei Energie-, Regulierungs- und Arbeitskosten sowie infolge industriepolitischer Wettkämpfe rund um den Globus.
Weltwirtschaft
Die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland wird durch die zunehmende Fragmentierung der Weltwirtschaft belastet bleiben. Insgesamt zeigt sich die Weltwirtschaft zwar resilient mit einem Expansionstempo von 2,3 Prozent. Die US-Handelspolitik und die daraus entstehenden Verwerfungen bewirken eine Abschwächung beim globalen Warenhandel. Dieser wird in diesem Jahr nur um 1,5 Prozent zulegen. Es bestehen Abwärtsrisiken aufgrund der Nervosität an den internationalen Finanzmärkten und der sicherheitspolitischen Herausforderungen im Nahen Osten und der Ukraine.
In der ersten Jahreshälfte 2025 gab es gleichwohl positive konjunkturelle Impulse. Das zeigt sich unter anderem in den gestiegenen Einkaufsmanagerindizes (PMI). Für die Gesamtwirtschaft liegt der PMI in den USA, im UK, Euroraum sowie in China und Japan über der Expansionsschwelle von 50 Punkten. Auffällig ist der starke Anstieg in den USA auf über 55 Punkte. Dies deckt sich mit der Entwicklung der Weltproduktion: Diese lag im Juni 2025 um 3,2 Prozent über dem Vorjahresmonat, getrieben vom Wachstum in den Schwellenländern (inklusive China). In den USA besteht die Hoffnung auf Zinssenkungen der Federal Reserve (Fed) zum Jahresende, da der Arbeitsmarkt seit Juli 2025 abkühlt. In China bleibt die Inlandsnachfrage schwach. Den chinesischen Exporteuren gelingt es allerdings, Marktanteile in anderen Teilen der Welt zu gewinnen, während die Ausfuhren in die USA aufgrund der hohen Zölle rückläufig sind. Offen bleibt, ob die positiven Exportimpulse durch Vorzieheffekte der Unternehmen zustande kamen oder sich eine stabile Trendwende ankündigt.
Globale Handelspolitik
Bremsspuren der protektionistischen US-Handelspolitik sind beim realen Welthandel sichtbar. Seit April 2025 ist dieser rückläufig und das Niveau lag im Sommer 2025 nur noch rund 3 Prozent über dem Vorjahresmonat. Für das zweite Halbjahr 2025 wird eine nachlassende Dynamik erwartet. Die möglichen Auswirkungen der US-Handelspolitik wurden bereits in der IW-Frühjahrsprognose integriert. Dort wurde angenommen, dass die USA Handelszölle von 10 Prozent auf weltweite Importe erheben, auf EU-Importe 20 Prozent und die EU ihrerseits 20 Prozent Einfuhrzoll auf amerikanische Produkte fordert. Seitdem gab es mit der EU eine Grundsatzeinigung auf eine Zollobergrenze von 15 Prozent. Im Unterschied zur IW-Frühjahrsprognose (Bardt et al., 2025) hat die EU ihrerseits nicht zurückgeschlagen, sondern die Industriezölle sogar aufgehoben. Das könnte die adversen Effekte der amerikanischen Zollpolitik durch ausbleibende Retaliationsmaßnahmen abschwächen. Für einige Handelspartner (z. B. Vietnam) haben die USA deutlich höhere Handelszölle als 10 Prozent eingeführt. Für China liegt der US-Zoll aktuell bei 50 Prozent. Somit kann es zu Handelsumlenkungseffekten in den einzelnen Regionen kommen. Weitere Auswirkungen der protektionistischen US-Zollpolitik betreffen die globalen Finanzmärkte. Insbesondere bei den Anleiherenditen spiegelt sich die erhöhte Risikowahrnehmung der Investoren aufgrund der politischen Unsicherheit wider.
Außenhandel
Die geoökonomische Lage und die in diesem Jahr einsetzende konfrontative Außenhandelspolitik der neuen US-Regierung haben den deutschen Außenhandel im ersten Halbjahr merklich geprägt. Aufgrund von Vorzieheffekten legten die realen Exporte im ersten Quartal deutlich zu, bevor sie im Folgequartal leicht nachgaben. Das Vorjahresvolumen wurde im ersten Halbjahr um 1,7 Prozent unterschritten. Für das zweite Halbjahr deutet sich keine Besserung an, sodass die Ausfuhren im Gesamtjahr 2025 um gut 0,5 Prozent sinken werden. Dabei kommt auch die schlechte Entwicklung im zweiten Halbjahr 2024 zum Tragen. Im kommenden Jahr dürften sich die Ausfuhren bei einer gefestigten Weltkonjunktur leicht erholen. Dagegen werden die realen Importe im Jahr 2025 das Vorjahresniveau um knapp 3 Prozent übertreffen. Bereits das erste Halbjahr zeigte ein Plus von 3,2 Prozent. Dahinter steht ein Lageraufbau wegen der geoökonomischen Lage und nicht wegen einer anziehenden Konsum- und Investitionstätigkeit in Deutschland. Dem hohen negativen Außenbeitrag steht ein hoher positiver Vorratseffekt gegenüber.
Investitionen
Die gesamten Bruttoanlageinvestitionen lagen im ersten Halbjahr 2025 um 1,7 Prozent unter dem bereits schlechten Vorjahresvolumen. Damit hat sich die Investitionskrise weiter verschärft und das Niveau von 2019 wird um 11 Prozent verfehlt. Vor allem bei den Ausrüstungen war der Rückgang mit über 4 Prozent erheblich stärker als erwartet. Für das Gesamtjahr 2025 wird hier nunmehr ein Minus von 2,5 Prozent prognostiziert. Die realen Bauinvestitionen dürften 2025 unverändert um 1,7 Prozent nachgeben, wobei im Wohnungsbau das erste Halbjahr deutlich schlechter war als erwartet. Einzig die Sonstigen Anlagen (F&E, Software, Datenbanken) sind seit Jahren aufwärtsgerichtet und werden 2025 um 3 Prozent zulegen. Die für die nächsten Jahre zur Verfügung stehenden Investitionsmittel des Staates sowie beabsichtigte Verbesserungen der investiven Rahmenbedingungen zeigen in diesem Jahr noch keine Wirkung. Positive Impulse setzen aber 2026 ein und vermindern die bestehenden Investitionslücken im öffentlichen und auch im privaten Bereich.
Konsum
Der gesamtwirtschaftliche Konsum lag im ersten Halbjahr 2025 um 1,5 Prozent über dem Vorjahresniveau. Dazu haben die deutlich höheren öffentlichen Konsumausgaben (+2,5 Prozent) und der private Konsum (+1 Prozent) beigetragen. Für das gesamte Jahr dürften die privaten Konsumausgaben um 1 Prozent zulegen, womit zum zweiten Mal in Folge die starken Einbrüche durch die Pandemie und den kriegsbedingten Energiepreisschock mehr als aufgeholt werden. Der Konsum wird 2026 auf diesem Erholungspfad bleiben. Die Inflation wird mit gut 2 Prozent den Konsum nicht überdurchschnittlich belasten. Belastend wirken dagegen die anhaltend gedämpften Arbeitsmarktperspektiven.
Arbeitsmarkt
Die VGR-Revision vom August 2025 macht auch eine Aktualisierung der Erwerbstätigenprognose erforderlich. Während die alten Daten einen Rückgang der Erwerbstätigkeit seit Mitte 2024 nahelegten, signalisieren die neuen Zahlen für das vergangene Jahr eine gleichmäßige Seitwärtsbewegung, die sich im bisherigen Jahresverlauf 2025 fortsetzte. Im Jahresdurchschnitt 2025 sind wie im Vorjahr, stabil rund 45,995 Millionen Erwerbstätige zu erwarten. Dieses Niveau dürfte auch im kommenden Jahr gehalten werden. Dabei schreitet der Strukturwandel voran: Im ersten Halbjahr 2025 sank saisonbereinigt die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe und der Zeitarbeit um 96.000 Personen, während sie in den öffentlichen und sozialen Dienstleistungsbereichen um 103.000 stieg. Die registrierte Arbeitslosigkeit wird sich 2025 – wie erwartet – auf durchschnittlich 2,955 Millionen Personen erhöhen, was einer Arbeitslosenquote von 6,3 Prozent entspricht. Arbeitsmarktpolitische Reformen beim Bürgergeld dürften frühestens ab 2026 erste positive Effekte auf dem Arbeitsmarkt entfalten, die Arbeitslosigkeit vorerst aber nur wenig vermindern.
Bruttoinlandsprodukt
Vor dem Hintergrund der erwarteten Entwicklung beim Außenhandel, den Investitionen, beim Konsum und am Arbeitsmarkt verharrt das reale BIP auf Basis der vorliegenden Datenbasis auf dem Vorjahresniveau. Die im Vergleich zur Frühjahrsprognose etwas besseren Konjunkturaussichten für 2025 erklären sich zum Teil aus dem besseren Jahresverlauf 2024 aufgrund der VGR-Revision. Die Rahmenbedingungen für den Konsum, die Investitionen und für den Außenhandel haben sich in den letzten Monaten zumindest mit Blick auf dieses Jahr nicht grundlegend verändert. Der Außenhandel bleibt im Desorientierungsstress trotz zwischenzeitlicher Vereinbarungen mit den USA. Unberechenbarkeiten bleiben. Der Konsum läuft trotz normaler Inflation, aber wegen gedämpfter Beschäftigungsperspektiven unter seinem Potenzial. Die privaten Investitionen verharren zunächst wegen vielfältiger Verunsicherungen im Vorsichtsmodus. Für das Jahr 2026 werden die anhaltende Konsumdynamik und die einsetzende Investitionswende die lange Krise beenden. Es hängt gleichwohl der Schleier der Unberechenbarkeiten über der deutschen Exporttätigkeit.
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