Öl- und Gaspreise sind infolge des Iran-Krieges um jeweils knapp 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Dies erinnert an die Energiekrise zu Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine.
Bleibt die große Inflation diesmal aus?
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Öl- und Gaspreise sind infolge des Iran-Krieges um jeweils knapp 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Dies erinnert an die Energiekrise zu Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine.
Die Inflationsrate lag infolge im September 2022 bei 10 Prozent. Besteht nun das Risiko, dass die Teuerungsrate in diesem Jahr ähnlich stark ansteigen wird?
Energiepreise haben direkte und indirekte Effekte auf die Lebenshaltungskosten:
- Zu den direkten Effekten gehören steigende Preise für Treibstoff und Heizmittel. Während die Preise für Benzin und Diesel sehr flexibel sind und sofort auf Engpässe im Bereich Ölproduktion reagieren, sind die Heizkosten eher träge und reagieren mit zeitlicher Verzögerung auf die gestiegenen Öl- und Gaspreise. Während der letzten Energiekrise in den Jahren 2022 und 2023 stiegen die Preise für Kraftstoff und die Heizkosten in einigen Monaten sogar um jeweils bis zu 47 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
- Indirekte Effekte entstehen, wenn Produzentenpreise steigen. Beispielsweise benötigt die Chemische Industrie Öl und Gas für die Produktion von Düngemitteln. Steigende Preise für Düngemittel erhöhen dann die Lebensmittelpreise. In einigen Monaten während der Energiekrise in den Jahren 2022 und 2023 stiegen Lebensmittelpreise sogar um bis zu 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die Bereiche Lebensmittel, Heizung und Treibstoff machen rund ein Fünftel der Lebenshaltungskosten eines durchschnittlichen Haushalts aus. Aufgrund dieses hohen Gewichts und der fehlenden Substitutionsmöglichkeiten bei diesen Gütern haben steigende Öl- und Gaspreise einen signifikanten Effekt auf die Inflation.
Unterschiede zu 2022
Dem Energiepreisanstieg durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ging eine erhöhte Inflation durch die Coronapandemie voraus. Im Zuge der nachlassenden Mobilität während der ersten Pandemiewelle im Jahr 2020 wurden die Ölfördermengen eingeschränkt. Mit der sich normalisierenden Mobilität nach der ersten Pandemiewelle konnte die Ölproduktion dann lange nicht Schritt halten, sodass die Ölpreise anstiegen (Demary et al., 2022).
Im Zuge der Pandemie wurden zudem in China ganze Häfen geschlossen, sodass es zu einem starken Anstieg der Frachtraten kam. Diese erhöhten sich um ein Vielfaches. Die gestiegenen Frachtraten spiegelten Knappheiten verschiedenster Güter wider, deren Preise damit anstiegen. Darüber hinaus entstand durch die Lockdowns ein aufgestauter Konsum, weil zum Beispiel die Friseure geschlossen hatten und anschließend eine hohe Zahlungsbereitschaft in Kombination mit einer höher als geplanten Ersparnis zu höheren Preisen geführt hat (Demary et al., 2022).
Für die Geldpolitik, die zu diesem Zeitpunkt expansiv ausgerichtet war, kam es zu einem Zielkonflikt: Eine Zinserhöhung hätte zwar die Inflation bekämpft, aber das Wirtschaftswachstum abgeschwächt, während die Niedrigzinsen das Wachstum aufrechterhalten, aber die Inflation angeheizt hätten. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat sich dann doch zu expansiven Maßnahmen entschlossen, bevor sie die Zinsen erhöht hat (Demary et al., 2022; Demary/Zdrzalek, 2022).
Die gestiegenen Gaspreise infolge des russischen Krieges gegen die Ukraine trafen somit auf ein bereits bestehendes inflationäres Umfeld. Dies ermöglichte es den Verbraucherpreisen bis auf 10 Prozent im September 2022 anzusteigen.
Aktuell sind zwar Öl- und Gaspreise ähnlich stark angestiegen wie im Jahr 2022, doch lag im letzten Jahr kein inflationäres Umfeld vor. Die Inflationsrate in Deutschland lag im Januar 2026 bei 2,1 Prozent und damit genau auf dem Wert, den die EZB mit Preisstabilität verbindet. Der Anstieg auf 2,7 Prozent im März deutet jedoch auf einen kommenden Inflationsdruck hin.
Aktuell ist die Geldpolitik nicht expansiv ausgerichtet. Angebotsseitige Engpassfaktoren sind aber bereits im Index der angebotsseitig bestimmten Güter und im Index der handelbaren Güter erkennbar. Die Preissteigerungsraten dieser beiden Indizes haben sich im März signifikant erhöht (Abbildung). Sie dienen in der Regel als vorauslaufende Indikatoren, während die anderen Indikatoren auf eher Zweitrundeneffekte reagieren.
Gemeinsamkeiten zu 2022
Im Jahr 2022 drohte eine mögliche Gasmangellage. Hintergrund war, dass die Gasspeicher deutlich weniger stark gefüllt waren wie in der Vergangenheit und die Reduzierung der Gaslieferungen aus Russland.
Aktuell sind die Gasspeicher wieder deutlich weniger gefüllt als in der Vergangenheit. Die Füllmenge ist sogar niedriger als im Jahr 2022. Dies bedeutet, dass zu einem Zeitpunkt ungünstig hoher Gaspreise ein historisch niedriger Füllstand bis zum Beginn der Heizperiode ausgeglichen sein muss. Zwar existiert mittlerweile ein gemeinsamer Einkauf der EU, der bessere Preise garantieren soll (Europäische Kommission, 2023). Trotzdem muss damit gerechnet werden, dass die höheren Kosten für das Befüllen der Gasspeicher im kommenden Winter das Beheizen der Wohnungen verteuern wird. Bei einem durchschnittlichen Haushalt belaufen sich die Heizkosten auf 4,3 Prozent der Gesamtausgaben.
Ähnlich wie im Jahr 2022 hat sich das Tanken von Benzin und Diesel schlagartig verteuert. Dies betrifft vor allem die Haushalte, die ihr Auto für den Weg zur Arbeit benötigen. Auch wenn das Deutschlandticket mittlerweile als Alternative für die Autofahrt bereitsteht, so kann eine Vielzahl von Arbeitnehmern nicht ausschließlich mit dem ÖPNV ihre Arbeitsstätten erreichen. Diese Haushalte können den gestiegenen Benzin- und Dieselpreisen nur schwer ausweichen. Ihr Anteil an den Gesamtausgaben liegt im Durchschnitt bei 3,1 Prozent.
Wird die Geldpolitik eingreifen?
Für die Geldpolitik ist die aktuelle Situation wiederum herausfordernd. Dies liegt daran, dass Energiepreisschocks angebotsseitige Schocks darstellen und eine Zentralbank die Inflation nur auf Kosten von Wachs-tumseinbußen erreichen kann. Angesichts dessen ist es verständlich, dass die EZB und die US-amerikanische Federal Reserve Bank erst einmal keine Zinsänderung vornehmen und auf weitere Informationen warten.
Inflationsausblick
Vor dem Hintergrund, dass die Anstiege der Öl- und Gaspreise noch recht frisch sind und die Inflationsdaten noch nicht reagieren konnten, kann keine Entwarnung gegeben werden. In den nächsten Monaten werden weitere Daten eintreffen, die ein klareres Bild ergeben und damit eine bessere Inflationsprognose ermöglichen. Auch wenn eine Prognose aufgrund fehlender Daten noch schwierig ist, so kann eine Simulation der Inflationszyklen aus der letzten Energiekrise einen Eindruck einer möglichen Inflationsdynamik in diesem und nächsten Jahr bieten.
Dazu werden die Inflationsverläufe bei Lebensmitteln, Heizkosten und Kraftstoffen der letzten Energiekrise auf die heutige Preisstruktur angewendet. Die Inflationsraten der anderen Gütergruppen werden auf dem Wert vom März 2026 abgebildet. Die Simulation stellt keine Prognose, sondern eine Nachbildung der vergangenen Energiekrise unter der heutigen Preisstruktur dar. Sie berücksichtigt nicht, dass die aktuelle Energiekrise in ihrer Größenordnung und ihrer zeitlichen Dauer auch anders verlaufen kann.
Trotzdem kann die Simulation einige Hinweise über eine mögliche Inflationsdynamik geben. Basierend auf der Inflationsdynamik der letzten Krise bei Lebensmitteln, Heizkosten und Kraftstoffen könnte die Inflationsrate im Dezember 2026 bei 4,6 Prozent liegen. Die durchschnittliche Inflationsrate für 2026 würde dann bei 3,5 Prozent liegen und wäre damit niedriger als die Inflationsrate im Jahr 2022 von 6,9 Prozent.
Bei der Simulation ist allerdings zu beachten, dass die aktuelle Energiekrise aufgrund noch nicht prognostizierbarer Faktoren auch anders verlaufen könnte. So kann die Dauer des Krieges im Iran die Inflationsdynamik durch Knappheiten bei Öl und Gas verstärken, während Politikmaßnahmen wie in der letzten Energiekrise, beispielsweise die Gas- und Strompreisbremse, die Inflationsdynamik abschwächen können.
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