Die deutsche Wirtschaft hat in den letzten Jahren deutlich an Innovationskraft verloren. Während die inflations- und kaufkraftbereinigten Aufwendungen der Wirtschaft für Forschung und Entwicklung (FuE) in Deutschland nur marginal angestiegen sind, haben Länder wie China oder die USA ihre entsprechenden Anstrengungen um ein Vielfaches dynamischer entwickelt.
Industrieposition in der Zukunft: Patent- und Forschungsanalyse der deutschen Industrie
Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Die deutsche Wirtschaft hat in den letzten Jahren deutlich an Innovationskraft verloren. Während die inflations- und kaufkraftbereinigten Aufwendungen der Wirtschaft für Forschung und Entwicklung (FuE) in Deutschland nur marginal angestiegen sind, haben Länder wie China oder die USA ihre entsprechenden Anstrengungen um ein Vielfaches dynamischer entwickelt.
In der Folge ist Deutschlands Anteil an den weltweiten FuE-Aufwendungen der Wirtschaft kontinuierlich von 8,5 Prozent im Jahr 2008 auf 5,6 Prozent im Jahr 2021 gesunken. Als Konsequenz dieser relativen Erosion des FuE-Inputs ist auch der FuE-Output hierzulande deutlich gesunken. Konkret ist Deutschlands branchenübergreifender Weltmarktanteil an den transnationalen Patentanmeldungen kontinuierlich zurückgegangen – von 21,9 Prozent im Jahr 2000 auf 15,0 Prozent im Jahr 2022. Seit dem Jahr 2018 – also bereits deutlich vor der COVID-Pandemie – ist sogar ein Rückgang der Anzahl der am Forschungsstandort Deutschland hervorgebrachten transnationalen Patentanmeldungen zu verzeichnen. In Folge der nachteiligen Entwicklung in Deutschland und der zeitgleich global erfolgenden Expansion bei FuE-Aufwendungen und Patentaktivität hat insbesondere die Industrie, auf die über 80 Prozent aller FuE-Aufwendungen und Patentanmeldungen hierzulande entfallen, in den letzten Jahren absolut als auch relativ zu ihrer internationalen Konkurrenz deutlich an Innovationskraft verloren.
Eine differenzierte Analyse auf Ebene von 13 Industriebranchen zeigt, dass sich dieser Befund in nahezu jeder einzelnen Branche bestätigt. Den relativ gemessen größten Verlust musste Deutschland in der Pharmazeutischen Industrie erleiden, deren Patent-Weltmarktanteil sich von 13,1 Prozent im Jahr 2000 auf 4,4 Prozent im Jahr 2022 reduziert hat, während die Branche hierzulande in Absolutwerten aktuell nur noch rund ein Drittel ihrer Patentanmeldungen des Jahres 2000 hervorbringt. Eine ähnlich nachteilige Entwicklung ist in der Chemischen Industrie zu verzeichnen. Und auch die Elektroindustrie sowie mit Abstrichen die Automobilindustrie – traditionell das Zugpferd Deutschlands in puncto Innovationskraft – haben im Betrachtungszeitraum deutlich auf die internationale Konkurrenz eingebüßt. Allein im Maschinenbau ist es gelungen, den relativen Verlust an Innovationskraft zu begrenzen und die Patentkraft am Forschungsstandort Deutschland sogar auszubauen. Auch auf Ebene der Einzelbranchen zeigt sich somit das Bild, dass die Patent- und FuE-Aktivitäten in Deutschland in der Regel bestenfalls stagniert haben, während diese in den relevanten internationalen Konkurrenzländern deutlich expandierten.
Nochmals verstärkt wird dieser Befund, wenn ergänzend die Kontrollperspektive der Patente berücksichtigt wird. Rund 189.000 oder 29 Prozent aller transnationalen Patentanmeldungen, die im Zeitraum 2000-2022 am Forschungsstandort Deutschland hervorgebracht wurden, befinden sich aktuell im Besitz und damit unter der Kontrolle eines Global Ultimate Owners aus dem Ausland. Dem gegenüber stehen im Vergleichszeitraum rund 102.000 transnationale Patentanmeldungen, die an einem ausländischen Forschungsstandort hervorgebracht wurden und aktuell von einem Global Ultimate Owner aus Deutschland kontrolliert werden. Per Saldo verliert Deutschland folglich in gravierendem Ausmaß intellektuelle Eigentumsrechte an das Ausland. Die differenzierte Analyse zeigt, dass jede der 13 Industriebranchen – mit Ausnahme der stark auch im Auslandforschungs- und patentaktiven Automobilindustrie – einen negativen Patentsaldo zu verzeichnen hat. Insgesamt waren im Analysezeitraum mehr als 5.000 verschiedene Unternehmen in Deutschland patentaktiv, die samt ihren Patenten aktuell von einem Global Ultimate Owner aus dem Ausland kontrolliert werden – in erster Linie in Folge von Übernahmen ursprünglich deutscher Unternehmen durch ausländische Investoren, aber auch in Folge von in Deutschland gegründeten Tochtergesellschaften ausländischer Industrieunternehmen. Die meisten in Deutschland hervorgebrachten Patente werden aus den USA kontrolliert, aber auch China hat sich bereits in der entsprechenden Spitzengruppe etabliert. Angesichts der aktuellen 6 Patent- und Forschungsanalyse der deutschen Industrie: Branchen 7 geopolitischen Entwicklungen müssen beide Umstände kritisch hinterfragt werden. Deutschland ist gut beraten, seine in Patenten resultierende Forschung und Entwicklung nachhaltig zu stärken und in relevanten Technologiebereichen einen deutlich höheren Grad technologischer Autarkie zu erzielen.
Industrieposition in der Zukunft: Patent- und Forschungsanalyse der deutschen Industrie
Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung (Hrsg.)
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Patentdynamik in zentralen Technologiebereichen
Im technologieübergreifenden Durchschnitt des Analysezeitraums 2000-2022 beläuft sich der Patentweltmarktanteil Deutschlands auf 18,7 Prozent. Anders ausgedrückt hatte mehr als jede sechste transnationale Patentanmeldung in diesem Jahrtausend ihren Ursprung am Forschungsstandort Deutschland.
IW
Chinas Expansionsdrang: „Wir lassen unsere Kronjuwelen aufkaufen”
Deutsche Patente wandern immer öfter in den Besitz Chinas. IW-Ökonom Oliver Koppel warnt im Interview vor diesem Know-how-Abfluss. Und er rät zu einem harten Vorgehen gegen Konzerne aus der Volksrepublik, die hiesige Firmen übernehmen wollen.
IW