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IW-Kurzbericht Nr. 14 24. Februar 2026 Lennart Eckle Regionale Verankerung der Gewerkschaften in Deutschland

Die Verankerung der Gewerkschaften unter den Beschäftigten ist in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gesunken. Im Jahr 2023 war weniger als jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland Mitglied einer Gewerkschaft.

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Regionale Verankerung der Gewerkschaften in Deutschland
IW-Kurzbericht Nr. 14 24. Februar 2026 Lennart Eckle

Regionale Verankerung der Gewerkschaften in Deutschland

Lennart Eckle Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Die Verankerung der Gewerkschaften unter den Beschäftigten ist in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gesunken. Im Jahr 2023 war weniger als jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland Mitglied einer Gewerkschaft.

Eine Auswertung des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zeigt, dass innerhalb Deutschlands dabei deutliche regionale Unterschiede bestehen. Während Beschäftigte im Nordwesten vergleichsweise häufig gewerkschaftlich organisiert sind (19,4 Prozent), liegt Süddeutschland (11,6 Prozent) deutlich unter dem Bundesdurchschnitt (14,8 Prozent).

Der gewerkschaftliche Netto-Organisationsgrad – der den Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an allen Beschäftigten angibt – lag 2023 in Deutschland je nach Datenquelle zwischen 14,8 Prozent auf Basis des SOEP (Abbildung) und 16,6 Prozent auf Basis des European Social Survey (Eckle, 2025). Der Vorteil dieses Indikators gegenüber dem reinen Verhältnis der Gewerkschaftsmitglieder zur Beschäftigtenzahl ist, dass nicht-erwerbstätige Gewerkschaftsmitglieder (Rentner, Studenten und Arbeitslose) ausgeklammert werden. Damit kann die tatsächliche Verankerung der Gewerkschaften unter Beschäftigten präziser ermittelt werden.

Frühere Auswertungen zeigen, dass sich der gewerkschaftliche Organisationsgrad im regionalen Vergleich zum Teil erheblich unterscheidet (Lesch, 2016; Hellmich/Lesch, 2017). Eine Auswertung auf Basis der aktuellen SOEP-Daten aus dem Jahr 2023 bestätigt, dass die regionalen Unterschiede weiterhin bestehen, sich der Organisationsgrad jedoch in allen Regionen nach unten bewegt hat. Für die Analyse wurden fünf Regionen aus jeweils mindestens zwei Bundesländern gebildet, um Verzerrungen durch geringe Stichprobenfallzahlen einzelner Bundesländer zu vermeiden.

Mit etwa 19,4 Prozent waren Beschäftigte im Nordwesten (Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein) am häufigsten Mitglied einer Gewerkschaft (Abbildung). Damit liegt die Region 4,6 Prozentpunkte über dem Bundesdurchschnitt. Den niedrigsten Organisationsgrad weist Süddeutschland (Baden-Württemberg und Bayern) mit lediglich 11,6 Prozent auf – was 3,2 Prozentpunkte unter dem Bundesdurchschnitt liegt. In der einwohnerstärksten Region Mitte-West (Statistisches Bundesamt, 2026), zu der Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und das Saarland gehören, kamen die Gewerkschaften 2023 auf einen leicht überdurchschnittlichen Organisationsgrad von 16,1 Prozent. Mit einem Netto-Organisationsgrad von 13,6 Prozent im Nordosten (Berlin, Brandenburg und Mecklenburg‑Vorpommern) und 13,9 Prozent in der Region Mitte‑Ost (Sachsen, Sachsen‑Anhalt und Thüringen) lagen beide ostdeutsche Regionen unter dem Bundesdurchschnitt. Im Mittel der ostdeutschen Bundesländer (inklusive Berlin) betrug der Organisationsgrad 13,8 Prozent. In den westdeutschen Bundesländern waren dagegen rund 15 Prozent der Beschäftigten Mitglied einer Gewerkschaft. Das Ost‑West‑Gefälle fällt damit weniger stark aus als das Nord‑Süd‑Gefälle.

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Aufgrund der zum Teil geringen Fallzahlen auf der regionalen Ebene ist eine nach Bundesländern differenzierte Auswertung der SOEP-Daten nur für die bevölkerungsstärksten Bundesländer sinnvoll. Im Folgenden werden nur Bundesländer einzeln ausgewiesen, für die im SOEP eine ausreichend große Stichprobe vorliegt. Dies trifft auf die acht bevölkerungsstärksten Bundesländer zu (Statistisches Bundesamt, 2026). In Niedersachsen waren 19,9 Prozent der Beschäftigten 2023 Mitglied einer Gewerkschaft. Nordrhein-Westfalen (15,9 Prozent), Rheinland-Pfalz (15,8 Prozent) und Hessen (15,2 Prozent) liegen innerhalb der Gruppe der bevölkerungsstarken Bundesländer im Mittelfeld. In Sachsen war der Organisationsgrad mit 14,2 Prozent geringer als der Bundesdurchschnitt. Auch in Berlin war die gewerkschaftliche Verankerung unterdurchschnittlich. So waren in der Hauptstadt 2023 lediglich 13,4 Prozent der Beschäftigten Mitglied einer Gewerkschaft. Die beiden wirtschaftsstarken Bundesländer Bayern (11,9 Prozent) und Baden-Württemberg (11,3 Prozent) fallen mit einem weit unterdurchschnittlichen Organisationsgrad deutlich ab.

Im Zeitverlauf zeigt sich in allen fünf Regionen ein Rückgang der gewerkschaftlichen Verankerung. Besonders deutlich fällt dieser Rückgang im Vergleich der Jahre 2023 und 2003 in den Regionen Nordost (−6,0 Prozentpunkte), Mitte-West (−5,4 Prozentpunkte) und Mitte-Ost (−5,3 Prozentpunkte) aus. In diesen Regionen fiel der Rückgang stärker aus als im bundesweiten Durchschnitt (−4,4 Prozentpunkte). In Süddeutschland verringerte sich der Organisationsgrad um 3,9 Prozentpunkte. Am geringsten fiel der Rückgang in der Region Nordwest aus, wo der Organisationsgrad lediglich um 0,8 Prozentpunkte sank.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass der Organisationsgrad der Gewerkschaften innerhalb Deutschlands weiterhin erheblich variiert und in der langfristigen Betrachtung über alle Regionen hinweg gesunken ist.

Die regionalen Niveauunterschiede dürften auf eine Reihe von Faktoren zurückzuführen sein. Da sich der Organisationsgrad üblicherweise stark anhand von personen‑ und unternehmensbezogenen Merkmalen unterscheidet (Eckle, 2025), sind auch Unterschiede in der jeweiligen regionalen Wirtschaftsstruktur ein naheliegender Erklärungsansatz. Auch institutionelle Unterschiede in der Ausgestaltung der Arbeitsbeziehungen könnten einen Erklärungsansatz darstellen. So wurde in früheren Auswertungen (Lesch, 2016) etwa ein vergleichsweise hoher Organisationsgrad in Bremen und im Saarland ermittelt, der unter anderem auf die Pflichtmitgliedschaft der Arbeitnehmer in Arbeitskammern zurückgehen könnte.

Die Gewerkschaften haben in den vergangenen Jahren mit einigen Maßnahmen auf ihre sinkende Verankerung reagiert. So erprobten sie als „aktivierende Methode des betrieblichen Stärkeaufbaus“ (Dribbusch et al., 2026) sogenannte „Organizing“-Ansätze, zu deren Zielsetzungen die Mitgliedergewinnung gehörte. Zwar waren sie damit zum Teil erfolgreich, doch waren die Mobilisierungserfolge auf einzelne Betriebe oder Branchen begrenzt (ebd.). Einige Gewerkschaften (insbesondere ver.di und die IG Metall) nutzen mittlerweile gezielt den Warnstreik, um durch die Mobilisierung der Beschäftigten neue Mitglieder zu gewinnen – das sogenannte „Organisieren am Konflikt“ (Dribbusch, 2011). Tatsächlich konnte ver.di im Jahr 2023 ihre Mitgliederzahl steigern, doch bereits im Folgejahr kam es erneut zu einem Rückgang (DGB, 2024). Eine langfristige Trendwende scheint damit nicht einzutreten. Zumal die geburtenstarken Jahrgänge, die in den Gewerkschaften stark vertreten sind, in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen werden.

Ergänzend versuchten die Gewerkschaften zum Teil, Bonusregelungen durchzusetzen, die Gewerkschaftsmitglieder gegenüber Nicht-Mitgliedern besserstellen sollen. Fraglich bleibt, ob sich Beschäftigte durch eine solche Regelung nachhaltig an die Gewerkschaften binden lassen. Auch die Bundesregierung nimmt mit der besseren steuerlichen Absetzbarkeit von Gewerkschaftsbeiträgen die Steigerung der Attraktivität der Gewerkschaftsmitgliedschaft in den Blick.

Allerdings adressieren solche Maßnahmen nur einen Teil der Ursachen für das Fernbleiben von den Gewerkschaften. Umfrageergebnisse lassen erkennen, dass die Gründe für ein fehlendes gewerkschaftliches Engagement vielfältig sind (Bach et al., 2024). Neben Informationsdefiziten und einer Abwägung des Nutzens einer Mitgliedschaft können auch Individualisierungstendenzen und die Ausrichtung der Gewerkschaftspolitik ursächlich sein (ebd.). Wenn die Gewerkschaften den Abwärtstrend ihrer Verankerung umkehren wollen, müssen sie sich diesen individuellen Motiven stärker zuwenden und den Beschäftigten überzeugend darlegen, warum sich eine Mitgliedschaft auch heutzutage noch lohnt.
 

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