Das Thema Pflege spielte im Wahlkampf kaum eine Rolle. Dabei besteht dringender Reformbedarf. Denn der demografische Wandel entfaltet bereits in der neuen Legislaturperiode seine Wirkung. Ab jetzt wechseln die ersten Boomer-Jahrgänge in den Ruhestand, denen nur noch schwächer besetzte Jahrgänge ins Berufsleben folgen.
Anforderungen an ein zukunftsfähiges Pflegewesen: Die Pflegewirtschaft zwischen steigenden Pflegebedarfen und zunehmendem Arbeitskräftemangel
Gutachten im Auftrag des Bundesverbands der privaten Anbieter sozialer Dienste e. V. – bpa
Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Das Thema Pflege spielte im Wahlkampf kaum eine Rolle. Dabei besteht dringender Reformbedarf. Denn der demografische Wandel entfaltet bereits in der neuen Legislaturperiode seine Wirkung. Ab jetzt wechseln die ersten Boomer-Jahrgänge in den Ruhestand, denen nur noch schwächer besetzte Jahrgänge ins Berufsleben folgen.
Damit werden auch in der personalintensiven Pflege zunehmend Kräfte fehlen. Gleichzeitig sind die Pflegefallzahlen seit Einführung des neuen Pflegebegriffs im Jahr 2017 deutlich gestiegen. In etwa zehn bis fünfzehn Jahren sorgen die Babyboomer dann für einen zusätzlichen Auftrieb der Fallzahlen. Damit Pflege auch unter diesen veränderten Voraussetzungen sichergestellt werden kann, braucht es eine neue Orientierung in der Pflegepolitik.
Statt nach neuen Finanzierungsquellen zu suchen, sollte die neue Bundesregierung kurzfristig Einsparpotenziale auf der Ausgabenseite heben. Das gilt unmittelbar für versicherungsfremde Aufgaben, grundlegendere Fragen ergeben sich beim Pflegegeld. Die Verwendung des Pflegegelds ist nicht zweckgebunden. Zudem bleibt ungeklärt, ob und in welchem Maß Pflegebedürftigkeit zu einem finanziellem Unterstützungsbedarf führt. Angesichts immer neuer Defizite in den Pflegekassen müssen die Kosten einer wenig treffsicheren Sozialpolitik gegen die Folgen stetig steigender Beitragssätze abgewogen werden.
Langfristig wird aber auch eine Konzentration des Leistungsversprechens auf pflegerische Kernleistungen nicht ausreichen, um bei steigenden Bedarfen die Versorgung mit einem schrumpfenden Arbeitskräfteangebot zu gewährleisten. Damit das Pflegepersonal entlastet werden kann, braucht es eine Entbürokratisierungsoffensive. Das setzt voraus, die auslösenden Regulierungen auf ein Mindestmaß zu beschränken.
Personalpolitische Entlastungen versprechen darüber hinaus digital unterstützte Lösungen, der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) oder die Pflegerobotik. Doch wird die Anwendung innovativer Ideen bislang durch Regulierungen gehemmt: Digital unterstützte Innovationen erfordern Investitionen, die aber in der vollstationären Pflege bei den Investitionskosten und Pflegesätzen kaum angerechnet werden. Bei den Investitionskosten werden lange Amortisationsfristen unterstellt, die oftmals über den betriebswirtschaftlichen Abschreibungszeitraum hinaus reichen. Auch das hemmt die Verbreitung innovativer Pflegekonzepte. Schließlich haben digitale Lösungen zum Ziel, Pflegepersonal zu entlasten. Diese Einsparungen müssen bei den Instrumenten der Personalbemessung ebenso berücksichtigt werden wie die erforderlichen Personalbedarfe in der IT und Organisationsentwicklung.
Gilt in der Pflege bislang „ambulant“ vor „stationär“, dann erweist sich dieser Grundsatz als zu starr. Denn in einzelnen Regionen entwickeln sich nicht nur die Pflegebedarfe unterschiedlich, sondern auch das Arbeitskräfteangebot und die Kapazitäten in der vollstationären Pflege. Deshalb braucht es differenzierte Lösungen statt einheitliche Regeln, Gestaltungsspielräume für innovative Pflegekonzepte statt bürokratische Standardisierungen.
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