Hinzukommen Daten- und Erfassungsschwierigkeiten sowie statistische Unsicherheiten, die sich daraus ergeben, dass nur ein Teil der Bevölkerung befragt wird. Entwicklungen am aktuellen Rand sollten dabei mit Vorsicht behandelt und nicht überstürzt interpretiert werden, müssen Daten doch regelmäßig korrigiert und Sachverhalte neu eingeschätzt werden. Mit größerer Sicherheit lassen sich langfristige Trends feststellen. Allerdings stellen hierbei Zeitreihenbrüche in den verfügbaren Datenquellen teils ebenfalls Probleme dar. Angesichts dieser Herausforderungen und Einschränkungen wird im vorliegenden Report die Entwicklung von Einkommen und Vermögen in Deutschland seit der Wiedervereinigung diskutiert. Darüber hinaus wird mit den jüngsten Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) betrachtet, wie sich die relative Einkommensmobilität im Lebensverlauf, das heißt die finanziellen Aufstiegschancen einzelner Personen aus unterschiedlichen Einkommensgruppen seit der Wende verändert haben.

Grundsätzlich zeigt sich, dass das heutige Niveau der Ungleichheit in den Markteinkommen und in den verfügbaren Haushaltseinkommen gegenüber den 1990er Jahre höher liegt, aber auch das allgemeine Wohlstandsniveau. So stiegen die durchschnittlich verfügbaren Haushaltseinkommen zwischen den Jahren 1991 und 2017 real um rund 20 Prozent. Insbesondere die Jahre seit 2013 sind durch hohe reale Einkommenssteigerungen für alle Einkommensgruppen gekennzeichnet. Allein zwischen den Jahren 2013 und 2017 stiegen die durchschnittlichen und mittleren realen Haushaltseinkommen um respektive rund 7 und 9 Prozent, aber auch die unteren 20 Prozent konnten in dieser Periode reale Einkommenszuwächse verbuchen.

Eine wesentliche Erhöhung des Ungleichheitsniveaus ist für die verfügbaren Haushaltseinkommen zwischen den Jahren 1999 und 2005 zu beobachten, in einer Periode, die von hoher Arbeitslosigkeit und geringer werdenden Aufstiegschancen, insbesondere im Osten Deutschlands, geprägt war. Seit dem Jahr 2005 schwankt die Ungleichheit in den verfügbaren Haushaltseinkommen jedoch auf einem nahezu unveränderten Niveau von 0,29 Gini-Punkten und ist nach aktueller Datenlage im Jahr 2017 auch nicht signifikant höher als im Jahr 2009. Ein Zwischenhoch besteht nunmehr im Jahr 2013, welches gegenüber dem Jahr 2005 allerdings ebenfalls statistisch nicht signifikant höher ausfällt.

In ähnlichem Maße hat sich auch die Niedrigeinkommensquote (oder Armutsgefährdungsquote) seit der Wende verändert. Erst in den letzten drei Jahren zeigt sich hier eine Stabilisierung des Trends auf einem Niveau von rund 16 Prozent. Bei der Niedrigeinkommensquote bestehen jedoch große Unterschiede zwischen Ost und West und noch größere zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Letztere sind in den vergangenen Jahren angesichts der Flüchtlingsmigration eher noch gestiegen als gesunken. Allerdings reduzieren sich die regionalen Unterschiede, sobald die verschiedenen Preisniveaus in Ost und West berücksichtigt werden. Weiterhin bilden Erwerbs- und Arbeitslosigkeit jedoch das mit Abstand größte Niedrigeinkommensrisiko. Bei der Differenzierung der Armutsrisiken nach Altersgruppen ergeben sich in den Datensätzen jedoch teilweise erhebliche Unterschiede (Niehues/Stockhausen, 2020).

Ähnlich zu den verfügbaren Einkommen hat sich auch die Verteilung der Nettovermögen entwickelt: In der langen Frist ist auf Basis der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) ein Anstieg des Niveaus der Ungleichheit gegenüber den 1990er Jahren zu erkennen, der sich aber spätestens seit Mitte der 2000er Jahre nicht weiter fortgesetzt hat. Zuletzt stellt sich die Nettovermögensverteilung als bemerkenswert stabil heraus. Im SOEP und in den Daten der Deutschen Bundesbank zeigen sich ähnliche Trends. Von einer stetig zunehmenden Ungleichverteilung der Nettovermögen lässt sich angesichts der Datenlagen trotz ihrer Schätzunsicherheiten gegenwärtig nicht sprechen. Zu den Schätzunsicherheiten zählen insbesondere die Untererfassung von Vermögenswerten an der Spitze der Vermögensverteilung, aber auch breiter gestreutes Vermögen beispielsweise aus Lebensversicherungen oder Hausrat.

Die Betrachtung der Einkommensmobilität im Lebensverlauf zeigt ein gemischtes Bild auf. Ein wesentliches Ergebnis ist, dass die Mobilität für die unteren 20 Prozent zuletzt gestiegen ist und höher als nach der Wende ausfällt. So gelang rund 60 Prozent der Personen aus der untersten Einkommensgruppe zwischen den Jahren 2009 und 2017 der Aufstieg in eine höhere Gruppe. Zwischen den Jahren 1991 und 1999 gelang dies 54 Prozent. Allerdings zeigt sich eine höhere Mobilität der unteren 20 Prozent nur im Westen der Republik, während sie im Osten gegenüber der Nachwendezeit tendenziell abgenommen hat. Gegenüber der Periode von 2000 bis 2008 ist sie aber auch im Osten für die unterste Gruppe gestiegen. Ebenso stieg aber auch die Persistenz am oberen Rand in beiden Landesteilen über alle Jahre hinweg. Dabei ist eine abnehmende relative Einkommensmobilität nicht zwangsläufig negativ zu interpretieren. Bei breit steigenden Haushaltseinkommen, wie sie zuletzt beobachtet werden konnten, verändern sich die Positionen einzelner Haushalte in der Einkommenshierarchie zwar nicht, aber deren absolutes Wohlstandsniveau kann dennoch zunehmen. Bei relativer Betrachtung der Mobilität bedeutet der Aufstieg einiger den Abstieg anderer. Eine geringere Mobilität kann somit auch Ausdruck einer höheren Stabilität der Einkommensverhältnisse sein, die von vielen sicherlich begrüßt wird.

Insgesamt zeichnet sich für Deutschland zuletzt ein positives Bild der wirtschaftlichen Entwicklung ab, die sich sowohl in einer weitgehend stabilen Verteilung der verfügbaren Haushaltseinkommen als auch der Nettovermögen widerspiegelt. Angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen der letzten Jahre ist dies als Erfolg zu werten. Kritisch zu betrachten bleiben die relativ hohen Niedrigeinkommensquoten in Ostdeutschland und der Menschen mit einem Migrationshintergrund, die sich zwar zuletzt auf ihren Niveaus stabilisiert haben, aber weiterhin hoch sind. Eine wichtige Aufgabe der Wirtschafts- und Sozialpolitik muss bei abkühlender Konjunktur die Wahrung und der weitere Aufbau sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung sein. Gleichzeitig muss es gelingen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter zu erhöhen, beispielsweise durch flexiblere Arbeitszeitmodelle oder eine noch bessere, bedarfsgerechte Bereitstellung öffentlicher und privater Kinderbetreuungsangebote. Der Ausbau der Kapazitäten darf angesichts der nachgewiesenen, hohen Bedeutung frühkindlicher Investitionen in die kognitiven und nicht-kognitiven Fähigkeiten von Kindern, insbesondere aus einkommensärmeren Haushalten jedoch nicht auf Kosten der Qualität stattfinden. Diese Maßnahmen würden nicht nur dazu beitragen, die Chancengerechtigkeit in Deutschland weiter zu erhöhen, sondern auch das Arbeitskräftepotenzial in Zukunft und der Zukunft zu sichern.