Folgt man den neuesten Ergebnissen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zur sozialen Mobilität, so steht es um die soziale Durchlässigkeit in Deutschland besorgniserregend schlecht (OECD, 2018). Trotz jüngster Fortschritte bei den PISA-Tests ist die Bildungsmobilität in Deutschland vergleichsweise gering. Da Bildungserfolg und Einkommen eng miteinander verbunden sind, liegt es nahe, dass der Zusammenhang zwischen den Einkommen von Eltern und Kindern ebenfalls überdurchschnittlich stark ausfällt. Dies sollte nun gezeigt werden.

Den Zusammenhang zwischen Einkommen von Eltern und Kindern bestimmen die Autoren der OECD-Studie unter anderem mithilfe des sogenannten intergenerationalen Elastizitätskoeffizienten. Interpretieren kann man dieses Maß als Anteil der Einkommensungleichheit, der zwischen den Generationen übertragen wird. In Deutschland gehen nach OECD-Schätzungen 55 Prozent der Einkommensungleichheit unter den Söhnen auf die Einkommensungleichheit unter den Vätern zurück (der Elastizitätskoeffizient beträgt 0,55). Mit diesem Wert stellt sich die Lage in Deutschland schlechter als in den USA (rund 41 Prozent) dar und ist vergleichbar mit der Situation in Ländern wie Indien oder China. Aber wie plausibel ist dieses Ergebnis? Frühere Untersuchungen weisen auf Grundlage derselben Daten und einem vergleichbaren Einkommenskonzept eine deutlich höhere Mobilität in den Arbeitseinkommen für Deutschland aus (Corak, 2006, 2017). Die aktuellsten Veröffentlichungen für Deutschland kommen auf einen Elastizitätskoeffizienten zwischen 0,3 und 0,4, wobei mögliche Mess- und Schätzfehler bestmöglich reduziert wurden. Damit kommt der Wert für Deutschland im ungünstigsten Fall dem der USA nahe, aber er ist weit entfernt von jenen 0,55 der OECD-Studie (Schnitzlein, 2016; Stockhausen, 2017). Man könnte einwenden, dass sich die bisherigen Studien für Deutschland allein auf westdeutsche Väter und Söhne bezogen haben und die Mobilität unter Einbezug von (1) Müttern und Töchtern und (2) Ostdeutschen zum Ergebnis der OECD führte. Doch auch das Ergebnis der OECD bezieht sich ausschließlich auf die Arbeitseinkommen von Vätern und Söhnen. Tatsächlich zeigen eigene Untersuchungen, dass die Einkommensmobilität zwischen Vätern und Töchtern in Westdeutschland eher geringer ist. Allerdings ist dies in erster Linie auf Unterschiede im Erwerbsumfang und der Erwerbsbeteiligung zurückzuführen. Zwar hat die Erwerbsquote von Frauen in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen, aber sie arbeiten immer noch häufiger in Teilzeit als Männer. Diese Unterschiede führen tendenziell zu einer geringeren Mobilität. Des Weiteren ist nicht ersichtlich, ob in der OECD-Studie neben westdeutschen auch ostdeutsche Personen betrachtet wurden. Da die Arbeitseinkommensmobilität zwischen Vätern und Söhnen im Osten nach der Wiedervereinigung tendenziell größer ausfällt als im Westen, scheidet dies als Erklärung aus. Eine höhere Mobilität ist angesichts der gravierenden strukturellen Veränderungen des Arbeitsmarktes und individueller Erwerbsbiographien nach der Wende nicht unerwartet. Diese und andere Einflüsse machen eine Betrachtung gleichermaßen kompliziert, weshalb das IW bislang von einer gemeinsamen Analyse ost- und westdeutscher Verhältnisse abgesehen hat.