In Deutschland werden jedes Jahr schätzungsweise 200 bis 400 Milliarden Euro vererbt oder frühzeitig verschenkt - mit steigender Tendenz (Tiefensee/Grabka, 2017; Bach/Thiemann, 2016; Braun, 2015; Bach et al., 2014). Die genaue Höhe des jährlichen Erbschafts- und Schenkungsvolumens ist jedoch nicht bekannt, da die amtliche Erbschaft- und Schenkungssteuerstatistik nur steuerpflichtige Fälle erfasst. Durch großzügige Freibeträge soll vermieden werden, dass der Staat an den falschen Stellen zugreift. Beispielsweise nach dem Tod des Großvaters das Häuschen besteuert, in dem die Großmutter weiterhin wohnt. So belief sich der Freibetrag für Ehepartner zuletzt auf 500.000 Euro im Erbschaftsfall. Für jedes Kind beläuft sich der Freibetrag auf 400.000 Euro und wird mit abnehmendem Verwandtschaftsgrad immer geringer.

Im Jahr 2018 bezifferten sich die unbeschränkt steuerpflichtigen Erbschaften und Schenkungen (sogenannte Erwerbe) vor Abzügen laut amtlicher Statistik auf rund 84,7 Milliarden Euro. Nach Abzug von persönlichen Steuerfreibeträgen und unter Berücksichtigung anderer Abzugsmöglichkeiten sowie Steuerbegünstigungen, die beispielsweise bei der Übertragung von Betriebsvermögen relevant sind, waren Erbschaften und Schenkungen im Wert von rund 35,4 Milliarden Euro unbeschränkt steuerpflichtig. Das daraus resultierende Erbschaftsteueraufkommen betrug im Jahr 2018 insgesamt rund 6,7 Milliarden Euro – weniger als 1 Prozent des gesamten Steueraufkommens (Statistisches Bundesamt, 2019). Das amtlich erfasste Erbschaftsvolumen fällt damit deutlich geringer aus als die zuvor genannten Schätzungen.

Über die Höhe der Erbschaftsteuer sowie Freibetragsgrenzen und Ausnahmeregelungen wird in Deutschland viel und gerne gestritten. So hat das Bundesverfassungsgericht die Privilegierung und das Bewertungsverfahren von Betriebsvermögen mehrfach beanstandet. Die grundsätzliche Idee dahinter, den Unternehmensbestand zu sichern und den Erhalt von Arbeitsplätzen steuerlich zu begünstigen, hat das Gericht allerdings grundsätzlich nicht in Frage gestellt. Hinter der Forderung höherer Erbschaftsteuern steht der Gedanke, dass Erbschaften und Schenkungen die Vermögenskonzentration grundsätzlich erhöhen würden. Schöpfe der Staat die Erbschaften durch eine Steuer ab, erhöhe sich die Ungleichheit weniger stark. Tatsächlich liegt das heutige Niveau der Vermögensungleichheit in Deutschland trotz gestiegener Erbschaftsvolumina und gegebener Besteuerung von Erbschaften nicht höher als in den 2000er Jahren (Niehues/Stockhausen, 2019). Darüber hinaus führen Erbschaften und Schenkungen entgegen der landläufigen Meinung grundsätzlich nicht zu einer Erhöhung der Vermögenskonzentration, wie in der Vergangenheit bereits mehrfach gezeigt werden konnte (Wolff/Gittleman, 2014; Bönke et al., 2017).

Tatsächlich reduzieren Erbschaften und Schenkungen die Vermögenskonzentration, da sich die Vermögensmasse zwischen den Generationen und dabei in aller Regel von wenigen zu vielen verschiebt. Das liegt vor allem daran, dass wenige Alte ihr Vermögen an mehrere Jüngere vererben: Stirbt beispielsweise der Großvater, erbt zunächst die Großmutter je nach Testament-Regelungen einen Teil oder auch das gesamte Vermögen. Sie ist aber womöglich schon Erbe von ihren Eltern und bereits verstorbenen Geschwistern. Bei ihr konzentriert sich das Vermögen ihrer Familie, bevor es bei ihrem Tod an die nächsten Generationen weitergegeben wird. Verteilt sich der Nachlass am Ende auf mehrere Haushalte der Kinder und Enkelkinder, trägt er zu einer gleichmäßigeren Vermögensverteilung bei, insbesondere dann, wenn diese zuvor kein oder nur wenig Vermögen besaßen.