In demokratischen Strukturen werden politische und gesellschaftliche Entscheidungen in teils stark kontroversen Debatten zwischen zahlreichen Stakeholdern, Interessensvertretern und Parteien ausgetragen. Die Entscheidungen sind dann zwar nicht für alle zufriedenstellend, wurden aber in einem demokratischen Prozess getroffen. Die Dringlichkeit von Maßnahmen in der Corona-Krise und die Neuartigkeit der Probleme haben einen längeren politischen und öffentlichen Diskurs allerdings unmöglich gemacht. Einige dieser Diskurse werden aktuell geführt – insbesondere über die Angemessenheit der ergriffenen Maßnahmen und mögliche Entscheidungsstrategien im Falle einer Überlastung von intensivmedizinischen Kapazitäten. Dazu haben medizinische Fachgesellschaften bemerkenswerte Empfehlungen veröffentlicht, die Ärzten bei der Triage helfen (DIVI et al., 2020).

Zählen Zahlen?

Diese bringen moralische Dilemmata zum Vorschein, mit denen sich Politik und Gesellschaft immer wieder beschäftigen. Auch konfligierende ethische Positionen werden debattiert. Folgen wir einer utilitaristischen Herangehensweise, in der das größte Glück der größten Zahl entscheidend ist? Oder setzen wir auf einen deontologischen Ansatz, in dem die Würde eines jeden Menschen im Zentrum steht, unabhängig von den Konsequenzen einer Entscheidung? Einer der bekanntesten Vertreter des Utilitarismus ist der Philosoph John Stuart Mill. Die Deontologie wurde wesentlich von Immanuel Kant geprägt. Diese Denkweise spiegelt sich im deutschen Kulturraum verstärkt wider, während utilitaristisches Gedankengut insbesondere im angelsächsischen Raum stärker vertreten ist.

Kulturelle Unterschiede

Eine gewisse kulturelle Präferenz in ethischen Ansätzen konnten auch in einer großangelegten Studie gezeigt werden (Awad et al., 2018). Darin mussten die Teilnehmer entscheiden, welche Grundsatzentscheidung einem autonom-fahrenden Auto einprogrammiert werden sollte, wenn es zu einem unvermeidbaren Verkehrsunfall kommen wird und eine Dilemma-Situation entsteht: zugunsten einer größeren Menge an Personen, zugunsten der Insassen oder zugunsten von jüngeren Menschen? Unterschiedliche Szenarien wurden präsentiert. Insgesamt nahmen weltweit knapp 40 Millionen Menschen teil. Generell zeigt sich, dass Babys, Kinder und Schwangere überall besonderen Schutz genießen. Die Auswertung der Daten zeigt aber auch kulturelle Unterschiede in den Präferenzen, welche Personengruppen eher geschützt werden sollten. Daraus lassen sich Ableitungen treffen, welcher ethischen Richtung die moralischen Intuitionen der Teilnehmer eher zuzuordnen sind.

Vergleicht man die Präferenzen der Länder, die jetzt stark die Debatte um utilitaristische Ansätze in der Corona-Krise bestimmen, zeigen die Daten des Moral-Machine Experiments unterschiedliche Präferenzen (siehe Abbildung). In eher utilitaristisch geprägten Ländern wie Großbritannien und den USA ist die Wahrscheinlichkeit, dass Teilnehmer eine größere Menge von Personen „retten“ höher als in anderen Ländern. Auch die Wahrscheinlichkeit der Bevorzugung jüngerer Menschen ist in diesen Ländern stärker ausgeprägt als beispielsweise in China. Im Moral-Machine Experiment zeigt sich in diesem Punkt aber für Italien eine besonders starke Ausprägung. Von den 117 Ländern, für die die Ergebnisse des Experiments ausgewiesen werden, ist Italien in der Präferenz zur Bevorzugung Jüngerer auf Platz 5. Deutschland auf Platz 63, China auf Rang 115. Das bedeutet, dass in China, Personen häufiger angeben, dass die Entscheidung des autonomen Fahrzeugs zugunsten älterer involvierter Personen ausfallen sollten. Dort ist insbesondere auch die klassisch utilitaristische Denkweise eine größere Anzahl von Personen zu bevorzugen, gering ausgeprägt.

Die Teilnehmer aus Deutschland zeigten im Experiment eine geringe Priorität dafür, gesunde und fitte Menschen gegenüber weniger gesunden zu bevorzugen. Auch in China ist dieser Ansatz sehr gering ausgeprägt. Untersucht man die Ähnlichkeit aller moralischen Entscheidungen des Moral-Machine Experiments (insgesamt 9 Szenarien) zeigen sich Gruppen von Ländern mit ähnlichen Entscheidungsprofilen: Antworten in Deutschland ähneln insbesondere denen aus Finnland, der Schweiz, den Niederlanden, Österreich, Norwegen und Dänemark. Antworten aus den USA weisen Ähnlichkeiten mit denen Großbritanniens, Australiens, Kanadas, Irlands und Südafrikas auf (Awad et al., 2018).