Zwischen Norden und Süden ist hingegen eine divergierende Entwicklung zu beobachten. Berechnungen zeigen, dass sich der wirtschaftliche Mittelpunkt der EU, der sich im deutsch-französischen Grenzgebiet befindet, sichtbar Richtung Norden verschoben hat. Das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den osteuropäischen EU-Mitgliedstaaten wuchs von 2009 bis 2018 um starke 49,6 Prozent. Der Norden der EU kam in diesem Zeitraum immerhin noch auf ein Wachstum von 37,2 Prozent. Der Süden verlor jedoch deutlich an Boden: So wuchs er von 2009 bis 2018 um lediglich 14,6 Prozent. Dabei wird der Wert noch durch Frankreich, das hier dem Süden zugerechnet wird, nach oben getrieben. Ohne Frankreich kommt der Süden nur auf ein Mini-Wachstum von 9,9 Prozent. Diese Verschiebungen in der regionalen Verteilung des wirtschaftlichen Wohlstands bleiben nicht ohne Folgen. Die EU-Politik wird zunehmend von Verteilungsfragen zwischen Nord und Süd dominiert. Die unterschiedliche Performance der EU-Regionen verschiebt die wirtschaftlichen Schwerpunkte der EU und dürfte damit langfristig auch die Siedlungsschwerpunkte beeinflussen.

Zur Bestimmung des geografischen Mittelpunkts eines Gebiets gibt es zahlreiche Methoden. Einfache Methoden bestimmen den Mittelpunkt eines um ein Gebiet gelegten Rechtecks oder ermitteln den Schnittpunkt zweier Geraden, die vom nördlichsten zum südlichsten sowie vom westlichsten zum östlichsten Punkt eines Gebiets laufen. Andere Methoden versuchen den geometrischen Schwerpunkt zu finden. Bildlich gesprochen schneidet man ein Gebiet gemäß seiner Außengrenzen aus Pappe aus und definiert denjenigen Punkt als Mittelpunkt, in dem die Pappe auf einer Bleistiftspitze ausbalanciert werden kann. Seit der EU-Osterweiterung lokalisieren verschiedene Berechnungen den geografischen Mittelpunkt der EU in der südlichen Mitte Deutschlands. Je nach Berechnungsweise und EU-Zusammensetzung befindet sich der Mittelpunkt demnach zwischen dem nordöstlichen Rheinland-Pfalz und dem nordwestlichen Bayern (Schiefenhövel/Thiel, 2007).

Dieser Beitrag zielt jedoch darauf ab, den wirtschaftlichen Mittelpunkt zu bestimmen. Neben der geografischen Komponente spielt auch die Wirtschaftsleistung der Regionen eine Rolle. Die Wirtschaftsleistung hängt dabei nicht nur von dem individuellen Wohlstand, sondern auch von Siedlungsschwerpunkten ab. So ist offenkundig, dass beispielsweise der wirtschaftliche Mittelpunkt Finnlands deutlich südlich des geografischen Mittelpunkts liegen wird. Ein Beitrag von Ingold et al. (2019) mit Daten des Bureau of Economic Analysis zeigt, dass der wirtschaftliche Mittelpunkt der Vereinigten Staaten in Missouri liegt. Aufgrund der boomenden Regionen an der Westküste ist der Mittelpunkt in den vergangenen knapp 20 Jahren um rund 120 Kilometer Richtung Westen gewandert.

In diesem Beitrag wird auf den gleichen Ansatz zurückgegriffen, den auch der Beitrag von Ingold et al. (2019) nutzt. Demnach ergeben sich der Breiten- und Längengrad des wirtschaftlichen EU-Mittelpunkts aus zwei Gleichungen. Sie beschreiben jeweils einen mit dem BIP gewichteten Mittelwert von Breiten- und Längengrad (alle Variablen bezogen auf europäische Regionen): Breitengrad  = ∑BIP*Breitengrad / ∑BIP, Längengrad = ∑BIP*Längengrad*cos(Breitengrad*π/180) / ∑BIP*cos(Breitengrad*π/180).

Die Datengrundlage der Berechnungen sind regionale BIP-Statistiken von Eurostat (2020a). Zu beachten ist, dass eine exakte Georeferenzierung einer jeden Wertschöpfung nicht möglich ist. Es ist nicht bekannt, welche BIP-Einheit beispielsweise welcher Produktionsstätte zuzuordnen wäre. Stattdessen wird die Wirtschaftsleistung auf regionaler Ebene aggregiert, sodass die Berechnung des wirtschaftlichen Mittelpunkts der EU nicht auf den Kilometer genau zu interpretieren ist. Die Daten liegen auf NUTS-2-Ebene vor, welche in Deutschland den Regierungsbezirken entspricht. Die Georeferenzierung erfolgt mithilfe der Daten des Georeferenzierungsprojekts geohack.toolforge.org. In einigen kleineren EU-Staaten wird aufgrund mangelnder Daten auf eine höhere als die NUTS-2-Ebene zurückgegriffen. Dies gilt aufgrund von Gebietsreformen auch für Frankreich, was sich jedoch in Sensitivitätsanalysen als unproblematisch erweist. Um Verzerrungen durch die sich häufig ändernde Zusammensetzung der EU (Osterweiterung, Brexit) zu vermeiden, wird stets auf die gegenwärtige Zusammensetzung mit 27 Mitgliedstaaten nach dem erfolgten Brexit zurückgegriffen. Somit wird auf die wirtschaftliche Aktivität der Staaten und nicht auf die administrativen Gegebenheiten fokussiert. Überseegebiete werden dabei nicht betrachtet. Es werden nur solche Gebiete berücksichtigt, die geografisch dem europäischen Kontinent zuzuordnen sind.