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Galina Kolev IW-Kurzbericht Nr. 51 23. April 2020 Die Weltwirtschaft im Covid-19-Stress

Die COVID-19-Pandemie hat die Welt dramatisch verändert. Der Internationale Währungsfonds prog­nostiziert mit 3 Prozent den stärksten Rückgang der weltwirtschaftlichen Leistung in der Nachkriegsgeschichte. Das Tempo und das Ausmaß der Erholung im Jahr 2021 sind stark davon abhängig, welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen die Länder weltweit ergreifen und wann die Pandemie nachlässt. Bei Schwierigkeiten von globalem Charakter ist multilaterale Koordinierung gefragt. Die deutsche Exportwirtschaft wird in 2020 starke Einbußen verbuchen.

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Die Weltwirtschaft im Covid-19-Stress
Galina Kolev IW-Kurzbericht Nr. 51 23. April 2020

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Die COVID-19-Pandemie hat die Welt dramatisch verändert. Der Internationale Währungsfonds prog­nostiziert mit 3 Prozent den stärksten Rückgang der weltwirtschaftlichen Leistung in der Nachkriegsgeschichte. Das Tempo und das Ausmaß der Erholung im Jahr 2021 sind stark davon abhängig, welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen die Länder weltweit ergreifen und wann die Pandemie nachlässt. Bei Schwierigkeiten von globalem Charakter ist multilaterale Koordinierung gefragt. Die deutsche Exportwirtschaft wird in 2020 starke Einbußen verbuchen.

Innerhalb von wenigen Monaten ist die globale Wirtschaft in eine Krise geraten, die in vielerlei Hinsicht einmalig ist (Bardt et al., 2020; IMF, 2020). Der gesundheitliche Notstand und die Maßnahmen zur Eindämmung der Virusausbreitung trafen die Weltwirtschaft schlagartig von der Angebots- und der Nachfrageseite her und stellten den durch die Finanzkrise 2009 ausgelösten Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Leistung in den Schatten. Die Auswirkungen sind sowohl in geografischer Hinsicht als auch im Branchenvergleich flächendeckend. Die wirtschaftspolitische Antwort kam zwar in vielen entwickelten Ländern innerhalb kürzester Zeit und in großem Umfang. Doch die Maßnahmen haben weniger einen stimulierenden als vielmehr einen rettenden Charakter, denn nachfrageseitige Impulse sind gegeben des aktuellen Lockdowns aktuell wenig zielführend. In vielen Schwellen- und Entwicklungsländern ist die Lage noch dramatischer, zumal dort der finanzielle Spielraum des Staates oft eingeschränkt ist. Kapitalflucht von historischem Ausmaß und gesundheitlicher Notstand zeichnen hier das gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Gesamtbild.

Diese Lage hat den Internationalen Währungsfonds (IMF) dazu veranlasst, eine Revision von historischer Reichweite vorzunehmen. Der für 2020 prognostizierte Rückgang der weltwirtschaftlichen Leistung als Folge des Lockdowns soll der größte seit der Großen Depression sein (IMF, 2020). Der IMF teilt die wirtschaftspolitischen Antworten in zwei Phasen ein: Eindämmung und Stabilisierung, gefolgt von der Erholungsphase. Quarantänen, Sperren und soziale Distanzierung bleiben für die Verlangsamung der Übertragung in der ersten Phase entscheidend, sodass das Gesundheitssystem die steigende Nachfrage nach seinen Leistungen bewältigen kann. Diese Maßnahmen geben aber auch den Forschern Zeit, um Therapie- und Impfstoffe zu entwickeln. Während Teile der Wirtschaft geschlossen sind, müssen die politischen Entscheidungsträger sicherstellen, dass die Menschen in der Lage sind, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, und die Unternehmen die akute Phase und die damit verbundenen Liquiditätsengpässe in den Griff bekommen. Gezielte fiskalische, finanzielle und geldpolitische Maßnahmen sind notwendig, um die wirtschaftlichen Beziehungen sowie die wirtschaftlichen und finanziellen Strukturen zu sichern. Fortgeschrittene Volkswirtschaften mit starker Governance, gut ausgestatteten Gesundheitssystemen und dem Privileg, Reservewährungen auszugeben, sind hierbei besser in der Lage, diese Krise zu überstehen. Mehrere Schwellen- und Entwicklungsländer erleben hingegen momentan Gesundheits-, Wirtschafts- und Finanzkrisen zugleich und werden dringend Hilfe von fortgeschrittenen Volkswirtschaften und internationalen Institutionen benötigen. Die multilaterale Zusammenarbeit ist bei diesem globalen Problem von zentraler Bedeutung und kann neben dem Austausch von Ausrüstung und Fachwissen zur Stärkung der Gesundheitssysteme auch die finanzielle Unterstützung für viele Schwellen- und Entwicklungsländer einschließlich Schuldenmoratorien und Umstrukturierungen umfassen.

Die weltwirtschaftliche Entwicklung, der Nachfrageschock und die Beeinträchtigung von internationalen Lieferketten prägen aktuell auch die Entwicklung der deutschen Wirtschaft, zumal mehr als die Hälfte der deutschen Warenimporte auf Vorprodukte für die inländische Produktion entfällt (Kolev/Obst, 2020).

Inhaltselement mit der ID 7223
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Die IMF-Ökonomen korrigierten die Prognose für die Entwicklung der Weltwirtschaft im Jahr 2020 nach unten um 6,3 Prozentpunkte auf –3,0 Prozent (IMF, 2020). Zwar dürfte sich die globale Wirtschaftsleistung gemäß der Prognose im Jahr 2021 etwas erholen und um 5,8 Prozent zulegen. Gleichwohl wird der Vorkrisenpfad im kommenden Jahr nicht erreicht. Die Korrektur der Prognose erfolgt flächendeckend.

  • In den entwickelten Volkswirtschaften wurde die Wachstumsprognose für 2020 um 7,7 Prozentpunkte gesenkt, sodass diese Ländergruppe einen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Leistung von 6,1 Prozent erfahren dürfte (IMF, 2020). Für das Jahr 2021 erwarten die IMF-Ökonomen einen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 4,5 Prozent, sodass das Vorkrisenniveau nicht vor 2022 erreicht wird.
  • In den Schwellen- und Entwicklungsländern dürfte die gesamtwirtschaftliche Leistung zwar nur um 1,0 Prozent in 2020 schrumpfen, doch auch hier wurde eine große Korrektur in Höhe von 5,4 Prozentpunkten vorgenommen.
  • Der globale Handel wird erheblich unter den Folgen der Krise leiden und dürfte nach Einschätzung der IMF-Ökonomen um mehr als ein Zehntel in 2020 schrumpfen und erst nach Ende 2021 das Vorkrisenniveau erreichen. Bereits im Januar 2020, als sich die Einschränkungen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens auf China beschränkten, sank der Welthandel nach Angaben des Centraal Planbureau (CPB) um 1,2 Prozent gegenüber dem Vormonat und die Weltindustrieproduktion verzeichnete einen Rückgang von fast 5 Prozent im Vergleich zu Dezember 2019 (CPB, 2020).

Die deutschen Exporte folgten in der Vergangenheit in der Gesamtbetrachtung der Entwicklung des Welthandels mit einer leichten Tendenz zum Überschießen in Krisenzeiten. So ging das Welthandelsvolumen im Krisenjahr 2009 um knapp 13 Prozent zurück, während die preisbereinigten deutschen Exporte im gleichen Jahr einen Rückgang um gut 14 Prozent verzeichneten. Als die Wachstumsrate des globalen Handels, teils getrieben durch die Dotcom-Krise, von 13,9 Prozent im Jahr 2000 auf 2,9 Prozent im Jahr 2001 zurückging, verlangsamte sich auch das Expansionstempo der deutschen Exporte erheblich. Besonders in den Folgejahren 2002 und 2003 erfuhren sie eine wesentlich geringere Steigerung als das Welthandelsvolumen.

Auch in der jetzigen Krise dürften die deutschen Exporte der Entwicklung des Welthandels folgen und starke Verluste erleiden. Die Abbildung zeigt die Prognose des IMF für die fünfzehn gemessen am Exportumsatz deutscher Unternehmen wichtigsten Exportzielländer. Ein besonders starker Einbruch der Wirtschaftsleistung in 2020 wird mit –9,1 und –8,0 Prozent für die stark von der Virusausbreitung betroffenen Länder Italien und Spanien erwartet. In diese zwei Länder fließen insgesamt 8,4 Prozent der deutschen Warenexporte. Für China erwartet der IWF zwar einen Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Leistung in 2020 um 1,2 Prozent, doch das bedeutet gleichzeitig einen Rückgang des Wirtschaftswachstums gegenüber dem Vorjahr um fast 5 Prozentpunkte. Und die anderen vier unter den Top-5 der deutschen Exportzielländer, USA, Frankreich, die Niederlande und das Vereinigte Königreich, dürften starke Einbrüche der Wirtschaftsaktivität um bis zu 7,5 Prozent erleiden.

Die Integration der deutschen Wirtschaft in die weltwirtschaftlichen Strukturen hat in den vergangenen Jahrzehnten zu einer erheblichen Wohlstandssteigerung geführt. Die aktuelle Krise wird zwar eine Neubewertung der mit internationalen Wertschöpfungsketten verbundenen Risiken erfordern. Dabei dürfen die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung nicht außer Acht gelassen werden. Die Diskussion um die systemische Relevanz von bestimmten Produkten und die damit verbundenen Ansprüche auf industrie- und handelspolitische Unterstützungs- oder Schutzmaßnahmen der entsprechenden Branchen öffnet das Tor für eine neue Welle protektionistischer Maßnahmen und bedarf gründlicher Analysen. Um die Errungenschaften der Handelsliberalisierung aus den letzten Jahrzehnten aufrechtzuerhalten und um Krisen von globalem Maßstab in der Zukunft besser zu begegnen, ist jedoch mehr Multilateralismus und nicht Protektionismus das Gebot der Stunde.

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