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Die Europäische Zentralbank in Frankfurt. (Foto: GettyImages)
Markus Demary IW-Nachricht 10. Juni 2022

Inflation: Zinswende mit enormer Verspätung

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Inflationsentwicklung unterschätzt. Bei einer Inflationsrate von acht Prozent sind Negativzinsen nicht mehr zu rechtfertigen. Nun hat die EZB beschlossen, den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte anzuheben. Gegen hohe Preise aufgrund unterbrochener Lieferketten und Russlands Krieg gegen die Ukraine helfen hohe Leitzinsen allerdings nicht.

Das vorrangige Ziel der EZB ist die Gewährleistung von Preisstabilität in Form einer Inflationsrate von mittelfristig zwei Prozent pro Jahr. Aktuell verfehlt sie dieses Ziel um sechs Prozentpunkte. Die hohen Preissteigerungen finden sich vor allem bei den lebensnotwendigen Gütern, wie den Nahrungsmitteln und der Energie. Das bereitet vielen Menschen Kopfzerbrechen. Es besteht aber auch die berechtigte Sorge, dass die EZB nun die Zinsen stark anheben muss, um die Inflation wieder zu senken. Dies könnte aber die Wirtschaft in eine Rezession bringen und die Arbeitslosigkeit erhöhen. 

Geldpolitische Wende

Die EZB reagiert vorsichtig: Der Leitzins soll im Juli um 0,25 Prozentpunkte steigen. Das ist die erste Zinserhöhung seit elf Jahren: Im Jahr 2011 hat die EZB negative Erfahrungen mit Zinserhöhungen gemacht. Damals hat sie die Zinsen voreilig erhöht und musste sie dann wegen Rezessionsgefahren wieder senken. Aktuell ist die Situation aber anders: Die Geldpolitik war zu lange zu expansiv ausgerichtet. Im Glauben, dass die hohen Inflationsraten nur vorübergehend sind, fanden weiterhin Anleihekäufe statt, der Ausstieg aus der Niedrigzinsphase wurde viel zu lange hinausgezögert. Höhere Zinsen helfen zwar nicht gegen die derzeitigen Preistreiber – unterbrochene Lieferketten durch Chinas Null-Covid-Politik und hohe Energie- und Nahrungsmittelpreise durch Russlands Krieg gegen die Ukraine. 

Gesunkene Mobilität und Lockdown haben im ersten Pandemiejahr dazu geführt, dass viele Haushalte wenig Geld ausgegeben und mehr gespart haben. Die Deutschen waren damit im letzten Jahr bereit, für Urlaube und Konsum mehr auszugeben. Eine rechtzeitige geldpolitische Normalisierung hätte diesen Preisauftrieb abgemildert. 

Das Zurücknehmen der expansiven Geldpolitik ist trotzdem kein Bremsen. Es besteht die Gefahr, dass die Inflation aus dem Ruder gerät. Militärische Aufrüstung, der Wiederaufbau der zerstörten ukrainischen Städte und die Versuche, sich von russischen Energieimporten unabhängig zu machen, treiben die Nachfrage nach Rohstoffen noch lange – und damit auch die Preise. Der Kostendruck bestimmt die Preisentwicklung für Endverbraucher.   

Höhere Zinsen gleichen Kaufkraftverlust nicht aus

Durch eine Zinserhöhung endet für private Haushalte zwar die Zeit der Negativzinsen und der Strafzinsen auf ihre Spareinlagen. Allerdings verbessert sich die Situation der Sparer erst einmal nicht nennenswert: Die Inflationsraten sind aktuell noch zu hoch und die Zinsen zu niedrig, um einen Kaufkraftverlust auszugleichen. Es sind aber mit weiteren Zinserhöhungen in diesem und dem nächsten Jahr zu rechnen. Ende 2023 könnten die Zinsen dann wieder bei über einem Prozent liegen, auch die Inflationsrate könnte sich bis dahin wieder ihrem Zielwert von zwei Prozent annähern. 

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