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Judith Niehues / Maximilian Stockhausen IW-Nachricht 1. Dezember 2021

Weitestgehend stabile Mittelschicht

Eine neue Studie von OECD und Bertelsmann Stiftung alarmiert: Die Mittelschicht bröckelt, heißt es. Doch diese Auslegung hat Schlagseite, da sich das Ergebnis vor allem aus der negativen Entwicklung Ende der 1990er Jahre ableitet. Neuere Entwicklungen zeichnen vielmehr das Bild einer stabilen Mittelschicht, die sich bisher auch in der Corona-Pandemie als robust erwiesen hat.

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„Die Mittelschicht in Deutschland bröckelt“, titelt die Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit der OECD – und beruft sich darauf, dass die Einkommensmittelschicht zwischen Mitte der 1990er Jahre und 2005 zurückgegangen ist. Seitdem ist sie abgesehen von kleineren Schwankungen praktisch unverändert geblieben. Neu sind diese Befunde nicht. Bemerkenswert an der neuen Studie ist die Definition der Einkommensschichten: Nach amtlicher Statistik gelten diejenigen als armutsgefährdet, die weniger als 60 Prozent des bedarfsgewichteten Mediannettoeinkommens zur Verfügung haben. Bertelsmann Stiftung und OECD erweitern den Bereich der Armutsgefährdung bis 75 Prozent des Medianeinkommens. Entsprechend drastisch sind die Ergebnisse: Während die konventionelle Armutsgefährdungsquote im Jahr 2018 bei knapp 16 Prozent liegt, erhöht sich der Kreis einkommensarmer oder armutsgefährdeter Menschen in der Studie auf 28 Prozent. Einkommensveränderungen oberhalb der üblichen Armutsgefährdungsschwelle werden so zu Abstiegen in die Armutsgefährdung.

Einkommenszuwächse in allen Schichten

Bei relativen Betrachtungen der einzelnen Schichten bleiben zudem allgemeine Wohlstandzuwächse außen vor. Die Stabilität der Einkommensmittelschicht seit Mitte der 2000er Jahre fällt mit hohen Einkommenszuwächsen breiter Bevölkerungsteile zusammen: Das Medianeinkommen stieg zwischen 2005 und 2018 real um 15 Prozent, zeigen Daten der Langzeit-Haushaltsbefragung Sozio-oekonomisches Panels (SOEP). Die Realeinkommen der einkommensreichsten zehn Prozent stiegen im gleichen Zeitraum um knapp elf Prozent. Auch die unteren zehn Prozent konnten in diesen Jahren ihre verfügbaren Haushaltseinkommen im Durchschnitt steigern, allerdings nur um sieben Prozent und damit langsamer als die Mitte. Das mag erklären, warum die Aufwärtsmobilität am unteren Ende der Einkommensverteilung zuletzt nicht zugenommen hat und heute tendenziell geringer ausfällt als während der Umbruchzeiten nach der Wende in den 1990er Jahren. 

Deutsche machen sich deutlich weniger Sorgen

Im Zuge der guten Beschäftigungs- und Wirtschaftsentwicklung machen sich viele Deutsche auch weniger Sorgen – um ihre Finanzen, aber auch um den Verlust des Arbeitsplatzes. Auch in der Mittelschicht sind die Sorgen geschrumpft, ein Befund, den der kürzlich erschienene WSI-Verteilungsbericht hervorhebt (Abbildung 6). Die WSI-Auswertungen zeigen zudem, dass drei Viertel derjenigen, die 2010 der Mittelschicht angehörten, dies auch 2018 taten. Zudem hielten sich Auf- und Abstiege aus der Mittelschicht in diesem Zeitraum die Waage. Insgesamt passen die Ergebnisse zu früheren IW-Studien: Sie zeigen das Bild einer langfristig gewachsenen Stabilität der Mitte, die aber gleichzeitig mit weniger Mobilität an den Einkommensrändern einhergeht. 

Gesellschaftliche Veränderungen machen sich in Statistik bemerkbar

Dass sich die Einkommensungleichheit und -mobilität mit der guten Beschäftigungs- und Wirtschaftsentwicklung nicht positiver entwickelt haben, hängt auch mit strukturellen Veränderungen der Gesellschaft zusammen: Vor allem die Zuwanderung hat Einfluss auf die Statistik, zeigen Auswertungen zu den Erklärungsfaktoren der Einkommensentwicklung zwischen 2005 und 2015 im Sechsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.

Auch bei der Einkommensmobilität jüngerer Altersgruppen können strukturelle Veränderungen in der Gesellschaft eine Rolle gespielt haben: Viele Menschen leben länger allein oder lassen sich mehr Zeit bei Ausbildung und Studium, auch darum schneidet die jetzige junge Generation einkommensmäßig schlechter ab als frühere Kohorten im selben Alter. 

Gute Bildung verhindert Armut und fördert Aufstieg

Davon unbenommen bleibt, dass gute Ausbildungen und qualifizierte Weiterbildungen immer dazu beitragen, mittlere und obere Einkommensschichten zu erreichen. Beide Faktoren sind weiterhin die wichtigsten Voraussetzungen, um ein Vermögen aufzubauen und Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Die Corona-Pandemie stellt in dieser Hinsicht eine enorme Herausforderung dar: Die Bildungsrückstände sind teilweise sehr ungleich unter Kindern aus verschiedenen sozialen Milieus verteilt. In den kommenden Jahren sollten daher Fördermaßnahmen für Kinder mit den größten Bildungsdefiziten umgesetzt werden, um die Rückstände gezielt aufzuholen und allen Kindern eine Chance auf sozialen Aufstieg zu ermöglichen. 
 

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