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Bringt neuen Wind in die Organspende-Diskussion: Gesundheitsminister Jens Spahn. (© Foto: Getty Images)
IW-Nachricht 5. September 2018 Dominik Enste

Organspende: Ein Ringen um die gefühlte Freiheit

Gesundheitsminister Jens Spahn möchte gerne jeden zum Organspender machen – wer dagegen ist, muss aktiv widersprechen. Der Vorschlag hat viel Kritik ausgelöst, die Gegner fühlen sich in ihrer persönlichen Entscheidung eingeschränkt. Verhaltensökonomisch betrachtet betrifft das nur die gefühlte Freiheit.

Das Thema Organspende gleicht einem Pulverfass: Sobald es jemand neu auf den Tisch bringt, entfacht eine heftige Diskussion. Nun hat Gesundheitsminister Jens Spahn die Debatte wieder angestoßen: Er schlägt vor, jeden Bundesbürger automatisch zum Spender zu machen. Wer das nicht möchte, muss aktiv widersprechen. Rund 52 Prozent der Deutschen befürworten diese Neuregelung, etwa 42 Prozent sind dagegen – wie aus einer aktuellen Umfrage der Tageszeitung Die Welt hervorgeht. Das Ergebnis zeigt, wie wichtig eine gesellschaftliche Debatte bei diesem emotionalen und ethisch brisanten Thema ist.

Die europäischen Länder gehen damit sehr unterschiedlich um. In den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich und Dänemark müssen Organspender explizit zustimmen. In Spanien, Portugal, Österreich und Belgien gilt dagegen seit Langem die Regel, die Spahn nun hierzulande vorschlägt: Wer keine Organe spenden möchte, muss widersprechen. Die Folge: In diesen Ländern sind fast alle Menschen Organspender. Das liegt nicht nur daran, dass viele sich nicht die Mühe machen, aktiv zu widersprechen, sondern auch vor allem daran, dass die Menschen in diesen Ländern Organspende als soziale Norm wahrnehmen. Bisher hat noch niemand vor dem Internationalen Gerichtshof gegen diese Regel geklagt und einen Verstoß gegen die Menschenrechte oder die Menschenwürde angeprangert. Auch hieran zeigt sich, dass dieser Umgang mit der Organspende grundsätzlich moralisch akzeptabel ist – insbesondere auch deshalb, weil jeder mit sehr wenig Aufwand widersprechen kann. Die individuelle Entscheidungsfreiheit wird nicht eingeschränkt.

Die verhaltensökonomische Forschung (Enste/Hüther, 2011) zeigt, dass Menschen Regeln, Gewohnheiten und Traditionen als gerecht empfinden, unabhängig davon, wie und warum sie zustande gekommen sind (Status Quo Bias). Sollen diese Regeln geändert werden, wird eine gesellschaftliche Debatte notwendig, die allerdings sachlich und mit dem Wissen um den Einfluss des Status Quo Bias geführt werden sollte. Ähnliche Diskussionen wie hierzulande gibt es aktuell im Vereinigten Königreich und in den Niederlanden, die ebenfalls planen, zur Widerspruchslösung zu wechseln.

Letztendlich gibt es noch einen positiven Nebeneffekt, den auch diejenigen sehen sollten, die Spahns Vorschlag ablehnen: Je mehr potentielle Spender es gibt, desto weniger Sorgen muss sich jeder Einzelne machen, dass Ärzte aufgrund des Organmangels vorschnell den Hirntod feststellen. Bisher hält diese Angst viele Deutsche noch davon ab, der Organspende zuzustimmen. Außerdem würde Deutschland weniger auf den Import von Organen aus anderen Ländern angewiesen sein, in denen es aufgrund der Widerspruchlösung mehr Organspender gibt.

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