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Interview 26. August 2026 Michael Hüther im Handelsblatt

„Europa muss den Euro zur globalen Leitwährung entwickeln“

IW-Direktor Michael Hüther plädiert dafür, die aktuellen Veränderungen im internationalen Währungssystem für eine stärkere europäische Zusammenarbeit zu nutzen. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er sich dafür aus, gemeinsame europäische Anleihen zu prüfen.

Herr Hüther, die USA haben zuletzt den Yen zulasten des Euros gestützt und mit Anleihekäufen versucht, die Zinsen für neue Schulden zu drücken. Beginnt eine neue Ära der Währungsinterventionen?

Die Lage wird ungemütlicher. Die Hoffnung der USA, mit Zöllen einen Investitionsboom auszulösen, ist nicht aufgegangen. Hinzu kommen die hohe US-Verschuldung und der Konflikt zwischen Finanzministerium und Notenbank. Das alles beschädigt Vertrauen. In diesem "Trump-Schock" liegt für Europa die große Chance, den Euro strategisch zur Leitwährung zu entwickeln.

Die Vormachtstellung des Dollars ist schon oft infrage gestellt worden. Bislang hat er seine Bedeutung aber immer noch ausgebaut. Warum sollte es diesmal anders sein?

Die USA haben nach dem Ende des Bretton-Woods-Systems dafür gesorgt, dass der Dollar im internationalen Handel eine zentrale Funktion behält ...

... dabei handelte es sich um eine internationale Währungsordnung mit festen Wechselkursen, die von 1944 bis März 1973 bestand. Was geschah nach Ende dieser Epoche?

Mit der Liberalisierung der Kapitalmärkte entstand eine internationale Finanzmarktstruktur amerikanischer Prägung. Heute ist aber unklarer denn je, welche Rolle die USA für sich selbst beanspruchen. "America first" funktioniert nicht, wenn die Vereinigten Staaten zugleich geopolitisch intervenieren. Der Dollar wird seine Bedeutung nicht über Nacht verlieren. Aber die Voraussetzungen jenseits des Atlantiks haben sich verändert.

Ein Machtverlust des Dollars würde aber nicht automatisch dem Euro zugutekommen.

Deshalb muss Europa selbst die funktionalen Voraussetzungen einer Leitwährung schaffen. Europa hat bereits eine Währung geschaffen, die weit über den früheren D-Mark-Raum hinausreicht. Die Europäische Zentralbank ist nicht weniger glaubwürdig als die Bundesbank, und der Euro hat mehrere Krisen überstanden. Wenn Europa aber auch geopolitisch eine starke Stimme sein will, muss es den Euro zur Leitwährung entwickeln.

Welche Vorteile hätte Europa davon?

Eine Leitwährung stärkt die wirtschaftliche Souveränität und senkt Transaktionskosten. Soll der Euro eine Regionalwährung bleiben oder eine Weltwährung werden? Diese Debatte müssen wir jetzt endlich führen - und können es gehaltvoll tun.

Um den Euro zu einer Leitwährung zu machen, sei eine gemeinsame europäische Verschuldung nötig, schreiben Sie in einem neuen Papier. In Deutschland sind Euro-Bonds jedoch ein "No-Go". Warum wollen Sie trotzdem darüber sprechen?

Eine globale Leitwährung hat drei Dimensionen: Sie dient als Reservewährung, als Transaktionsmittel und als Anlageinstrument. Zentralbanken müssen sie als Wertaufbewahrungsmittel akzeptieren, und Investoren müssen sichere Wertpapiere in ausreichendem Umfang vorfinden. Die zersplitterten nationalen Euro-Staatsanleihen können diese Funktion nicht erfüllen.

Deutschland würde bei Euro-Bonds für andere EU-Länder haften. Wie wollen Sie den Bürgern diese Ängste nehmen?

Ein europäisches Safe Asset müsste nicht morgen mit entsprechendem Volumen und notwendiger Kalibrierung aufgelegt werden. Es geht um einen langfristigen Prozess von zehn bis 15 Jahren. Unser Vorschlag sieht auch nicht vor, die Staatsschulden aller Länder zusammenzulegen. Eine europäische Investitionsunion könnte auf klar definierte Projekte begrenzt werden, etwa grenzüberschreitende Infrastruktur, Energie, Digitalisierung oder Verteidigung.

Aber für Deutschland würde das höhere Zinskosten bedeuten, oder?

Natürlich kann es in einer Übergangsphase sein, dass Deutschland einen etwas höheren Zins zahlt. Aber wir sollten nicht allein fragen, ob ein einzelnes Land kurzfristig profitiert oder verliert. Mittel- und langfristig kann ein größerer Euro-Anleihemarkt die Finanzierungskosten der gesamten Währungsunion senken - abgesehen vom geopolitischen Gewinn.

Besteht dann aber nicht die Gefahr, dass sich Euro-Länder auf diesem Zinsvorteil ausruhen und Reformen verschieben?

Diese Sorge ist nicht unbegründet. Deshalb muss die gemeinsame Finanzierung konditioniert werden. Zuerst müssen die Mitgliedstaaten ihre Finanzen in Ordnung bringen. Das kann über verbindliche Ausgabenregeln und eine stärkere Sanktionswirkung geschehen. Denkbar wäre auch, dass bestimmte Vorteile einer gemeinsamen europäischen Verschuldung einem Land nur dann vollständig zur Verfügung stehen, wenn es Reformzusagen einhält.

Ex-Kanzler Olaf Scholz hat einen EU-Verteidigungsfonds abgelehnt, weil Nationalstaaten dann ihre Verteidigungsausgaben zurückfahren würden. Hatte er da nicht recht?

Nationale Verteidigungsausgaben sollten eigentlich aus den regulären Haushalten kommen. Aber Europa hat im Bereich Verteidigung jahrzehntelange Versäumnisse aufzuholen, was die momentane Ausnahme rechtfertigt. Die europäische Investitionsunion müsste eng an die Verteidigungsunion geknüpft werden. Zusammen ergibt sich ein Dreiklang aus einem sicherheits- und industriepolitischen Projekt und einem Finanzierungsinstrument. Genau das macht sie zu einem geeigneten Ausgangspunkt für ein europäisches Safe Asset. Wenn Europa gemeinsame Fähigkeiten definiert, größere Mengen beschafft und Produktionsstrukturen entsprechend ausrichtet, sinken die Kosten.

Müssten im Gegenzug die europäischen Schuldenregeln strenger werden?

Je größer die internationale Verantwortung des Euros wird, desto wichtiger ist die Solidität der öffentlichen Finanzen. Das spricht für klare Regeln. Das gilt auch für Deutschland: Nationale Verteidigungsausgaben müssen aus dem regulären Haushalt kommen. Die Ausnahme für Verteidigung bei der Schuldenbremse darf kein Ersatz für solide Haushaltsplanung sein.

Trotzdem sind die Vorbehalte groß. Glauben Sie wirklich, dass sich EU-Staaten mit Top-Bonität mit dem Argument für Euro-Bonds gewinnen lassen, der Euro könne dadurch zur Leitwährung werden?

Wir dürfen nicht die Scheuklappen aufsetzen, sobald der Begriff Euro-Bonds fällt. Es geht um die internationale Rolle des Euros. Dafür müssen wir weder bestehende Schulden sofort vergemeinschaften noch einen europäischen Bundesstaat kreieren. Es gibt Lösungsräume zwischen den Extremen. Ein schrittweiser Aufbau über europäische Investitions- und Verteidigungsprojekte wäre ein solcher Weg. Er würde den Markt testen, institutionelle Erfahrungen schaffen und Bedingungen für fiskalische Verantwortung ermöglichen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) musste immer wieder mit Anleiheaufkäufen als Stabilisator einspringen. Könnte eine europäische Verschuldung die EZB wieder unabhängiger machen?

Das ist ein wichtiger Punkt. Ein ausreichend großer europäischer Anleihemarkt würde die Finanzierungsbedingungen transparenter machen und die Wirkung der Geldpolitik verbessern. Eine klarere Trennung zwischen Geld- und Fiskalpolitik würde dadurch plausibler.

Ein weiterer Baustein für einen starken Euro ist eine Kapitalmarktunion. Über dieses Projekt wird seit Jahren gesprochen. Haben Sie Hoffnung, dass es vorangeht?

Durch eine Integration der europäischen Kapitalmärkte könnten junge Unternehmen leichter wachsen, Ersparnisse würden produktiver eingesetzt, und Europa wäre weniger abhängig von Finanzierungsbedingungen außerhalb der Union. Aber die Debatte darüber wird oft sehr technisch geführt, ohne dass der Nutzen für die Bürger klar ist. Die Debatte über den Euro als Leitwährung kann eine neue Rahmenerzählung schaffen. Sie gibt der Kapitalmarktunion einen tieferen Sinn, verbindet die europäischen Investitions- und Verteidigungsziele.

Die Zinskosten der USA sind in der vergangenen Woche auf den höchsten Stand seit der Finanzkrise 2008 gestiegen. Erste Ökonomen warnen vor einer neuen Schuldenkrise. Passt eine Debatte über EU-Schulden da in die Zeit?

Ein europäisches Safe Asset darf nicht mit dem Versprechen verbunden sein, dass Europa künftig ungebremst mehr Schulden machen kann. Im Gegenteil: Die Glaubwürdigkeit des Emittenten ist die Voraussetzung für die internationale Nachfrage.

Noch ein kurzer Blick nach China: Ökonomen streiten, ob Peking seine Währung künstlich unterbewertet hält und sich so unlautere Wettbewerbsvorteile verschafft. Trickst China die EU aus?

Der demografische Wandel führt in China zu hoher privater Vorsorge, gleichzeitig ist die Binnennachfrage schwach. Das erklärt einen Teil der außenwirtschaftlichen Überschüsse. Gleichzeitig haben sich die Erzeugerpreise seit 2020 stark von anderen nationalen Preisentwicklungen entfernt. Darauf hätte der Wechselkurs reagieren müssen. Weil der Renminbi politisch eng geführt wird, geschieht das nicht. Wir kommen auch auf eine Unterbewertung von 30 Prozent.

Was muss das für Konsequenzen haben?

China setzt seine Währung als Machtinstrument ein. Europa darf darauf nicht nur mit gutem Zureden reagieren. Neben der Verteidigungsfähigkeit ist der Aufbau des Euros zur Leitwährung auch deshalb eine zweite Säule europäischer Handlungsfähigkeit. Es wäre ein starkes geopolitisches Signal.

Kann sich Europa einen Handelskonflikt mit China leisten?

Abhängigkeiten bestehen in beide Richtungen. Angst vor Vergeltungsmaßnahmen darf deshalb kein Ratgeber sein. Europa hat China viel zu bieten, weil es grundsätzlich anders aufgestellt ist als die USA unter Donald Trump. Europa sollte mit dem Angebot verlässlicher Abkommen und dem Anspruch auf Gegenseitigkeit auftreten. China muss entscheiden, mit wem es besser in die Zukunft kommt: allein oder mit einem Partner, der nach fairen Regeln spielen will.

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