Donald Trump verschärft seinen Kurs gegen den Fed-Chef Jerome Powell und gefährdet damit die Unabhängigkeit der Zentralbank. Warum das gefährlich ist, erklärt IW-Direktor Michael Hüther im Interview mit t-online.
US-Notenbank: „Die wichtigste Krisenfeuerwehr der Welt verliert an Glaubwürdigkeit“
Herr Hüther, fangen wir bei den Grundlagen an: Welche Aufgabe muss eine Zentralbank erfüllen?
Zentralbanken sind institutionelle Stabilitätsanker des Währungs- und Finanzsystems. Ihre zentrale Aufgabe ist die Sicherung der Preisniveaustabilität. Dafür steuern sie vor allem die kurzfristigen Zinsen, die Geldmenge und die Finanzierungsbedingungen im Bankensystem. Steigt die Inflation, erhöht die Zentralbank die Leitzinsen. Kredite werden teurer, Nachfrage und Investitionen gehen zurück, und der Preisdruck lässt nach. In wirtschaftlichen Krisen oder bei Nachfrageschocks kann sie umgekehrt die Zinsen senken oder Liquidität bereitstellen, um Kreditvergabe und Konjunktur zu stabilisieren.
US-Präsident Donald Trump versucht schon seit Monaten, Druck auf die Fed auszuüben. Beobachter warnen vor einem Verlust ihrer Unabhängigkeit. Was könnte das für die Weltwirtschaft und die Finanzpolitik der USA bedeuten?
Die Fed steht seit Längerem im Clinch mit Trump, obwohl er Jerome Powell selbst in seiner ersten Amtszeit ernannt hat. Trump drängt auf schnelle Zinssenkungen, um Konsum und Investitionen über billigere Kredite anzukurbeln. Allerdings liegt die Inflation in den USA weiterhin über dem Zielwert der Fed bei fast 3 Prozent. Zudem würde das von Trump angestoßene massive Steuersenkungsprogramm die Nachfrage zusätzlich anheizen. Ebenso trübt die Zollpolitik die Inflationsaussichten, auch wenn Trump deshalb einige Zölle reduziert hat. Wird Geldpolitik politisiert, verliert die Fed vor allem in Stabilitätskrisen ihren Handlungsspielraum: Jede massive Liquiditätsspritze stünde unter dem Verdacht, fiskalische Interessen zu bedienen. Das schwächt ihre Fähigkeit, Finanzmärkte verlässlich zu orientieren, weil Vertrauen – die wichtigste Ressource einer Zentralbank – verloren geht.
Was würde diese Entwicklung für Europa und für Deutschland bedeuten?
Für Europa und Deutschland hieße das, sich auf eine Welt einzustellen, in der die USA nicht mehr automatisch als globaler Stabilitätsanker fungieren. Finanzielle Schocks könnten schneller international überspringen, weil die wichtigste Krisenfeuerwehr der Welt – die Fed – an Glaubwürdigkeit verliert. Gleichzeitig könnte der Euro als internationale Reservewährung an Bedeutung gewinnen. Schon jetzt sehen wir, dass der Euro als Reservewährung weltweit attraktiver wird und von der Schwäche des Dollars profitiert.
Trump sagt, er will das Leben in den USA wieder erschwinglicher machen, deshalb müssten die Leitzinsen sinken. Hat er damit recht?
Trumps Argument greift zu kurz. Ein wesentlicher Treiber der steigenden Preise sind die Fiskalpolitik – schon unter Biden – und seine hohen Zölle. Die USA sind stark auf Importe angewiesen, insbesondere aus China und Europa. Zinssenkungen würden die importbedingte Inflation über einen Nachfrageschub noch einmal verstärken. Der Verweis auf die Fed lenkt daher vom eigentlichen Problem ab: seiner expansiven Fiskal- und Steuerpolitik und seiner abschottenden Handelspolitik.
Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Zentralbank politisch gesteuert wird. Was lässt sich aus den Erfahrungen jener Länder ableiten, in denen Regierungen verstärkt die Kontrolle übernahmen?
Politisch beeinflusste Zentralbanken sind kein neues Phänomen. Die Lehre aus solchen Fällen ist eindeutig: Kurzfristige Wachstumsimpulse werden oft mit langfristiger Instabilität bezahlt. Besonders problematisch wird es, wenn Geldpolitik politisiert und Transparenz untergraben wird. Sinkendes Vertrauen führt dazu, dass Investoren sich zurückziehen und Währungen unter Druck geraten. Unabhängige Zentralbanken sind daher kein technisches Detail, sondern eine zentrale Voraussetzung für stabile Volkswirtschaften – auch wenn die USA als größte Ökonomie der Welt und militärisch stärkste Kraft mit Blick auf die Finanzmärkte länger damit leben könnten.
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